Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 20 (1.12.1920)
- Date
- 1920-12-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 10 Die Wahrheit Nr. 20 m Nah und Fern A» ttttfere verehelichen Leser! Um sch on anläßlich der Chauuka Feier unseren Lesern ein umfangreiches Material bieten zu können, das wir auch in der Folge bieten werden, haben wir in der vorliegenden Nummer den Spalten raum erweitert und hoffen, daß wir mit dieser Mehrleistung, die uns beträchtliche Opfer auferlegt, die Anerkennung unserer Freunde und Leser finden werden. Wir hoffen aber auch, daß diese Gefühle in einem gegenseitigen Entgegenkommen den entsprechenden Ausdruck finden werde». Znm 70. Geburtstage Dr. I. S. Blochs. Wir haben schon in der vorigen Nummer der „Wahrheit" Gelegenheit gehabt, dem Siebziger die verdiente Würdigung darzubringen. Auch seine Familienangehörigen und namentlich sein Enkel, Dr. Leon Kolb, benützten die Geburtstagsfeier zu einer Festausgabe der „Wochenschrift", um deren Zustandekommen unter den jetzigen schwierigen Verhältnissen sich besonders der Chesadministrator Max Schwager überaus bemühte. Wir finden in der inhaltsreichen, schön ausgestatteten Festuummer eine eingehende Biographie Blochs und eine Geschichte seiner wissenschaftlichen Tätigkeit von seinem Schwiegersohn Dr. Mar Grunwald, eine Würdigung BlochS als Abgeordneten von Dr. S. Rappaport, einen interessanten Artikel über das Wirken Dr. Blochs als Journalist von Professor Dr. Heinrich Löwe in Berlin. Professor Dr. Samuel Kraus befaßt sich mit der originellen Auffassung Dr. Blochs über die Entstehimg des 'Talmud, während Dr. Hermann Strack sich über das Kapital „Bloch und Rohling" äußert. Oberrabbiner Reich in Baden schildert persönliche Erinnerungen, Klotilde Benedikt zollt Dr. Bloch als Förderer und Zentralisator der jüdischen Wohltätigkit in Wien, und Oesterreich die verdiente Anerkennung. Dr. Heinrich Schreiber widmet dem Jubilar Worte der Würdigung jfüt die verdienstvolle Tätigkeit in der Vergangenheit und ermuntert ihy zu ebensolchem Tun in der Zukunft. Mit einigen geistreichen satirischen Versen von Teutobold findet die Festnummer ihren Abschluß. Ein ungarischer Kleriker zur Judenfrage. Der evangelssche tranSdanubische Bischof Böla Kapy weilte dieser Tage auf seiner Rundreise in Nemeßzalük, wo ihn auch der Ortsrabbiner Eugen Deutsch an der Spitze einer jüdischen Deputation begrüßte. Bischof Kapy betonte in seiner Erwiederung, daß es das Judentum mit Recht schmerzen könne, wenn für die politischen Vergehen Einzelner die 'Gesamtheit des Judentums Leiden müsse. „Ich kenne die patriotischen Gefühle des Judentums, die in ihm steckenden Tugenden und moralischen Kräfte", fuhr der Kirchenfürst fort, „doch ich tröste Sie, daß, wie der biblische Jakob seinen Kopf auf einen harten Stein neigend dennoch träumte, daß die beglückenden Tore des Himmelszeltes fich ihm eröffnet hätten, auch seine Nachkommen — wie hart auch ihre Lage sei — auf den harten Steinen ruhig von einer schöneren, besseren und glücklicheren Zukunft träumen können. Und ich werde alles aufbieten, um auch selber den Anbruch dieser Zeit zu fördern". Zur Lage -er Krrltrrsbeamteu. Der neue Vorstand der Wiener Kultusgemeinde bemüht fich, das ist unsere begründete Meinung, seine Ausgabm innerhalb des weiten, verantwortuugSreichen Wirkungskreises nach bestem Können und Gewissen zu erfüllen. Wenn auch von seiner Tätigkeit sehr wenig in die Oeffeutlichkeit dringt, sei es well die maßgebenden Herren in derSeitenstettengaffe keinen Wert daraus legen, die Ergebnisse ihrer Arbeit bekannt zu machen, oder weil sie dem Grundsatz huldigen, daß man gleich dem besten Staat auch den besten Verwaltungskörper daran erkennt, daß von ihm möglichst wenig gesprochen werde, so können sie letzteres doch nicht verhindere Im Gegenteil, es ist Tatsache, daß jetzt wieder vom Wiener Kultusvorstand gegen seine Absicht sehr viel und sehr Unliebsames gesprochen und noch viel mehr geschrieben wird. Es ist auch leicht zu ermitteln, von wem diese Bewegung ausgeht, und kein Zweifel, daß hiebei stark über das Ziel hinausgeschossen wird. Ein Wiener Spätabendblatt, dessen Programm darauf beruht, daß es sich zum bedenkenlosen Sprachrohr aller Unzufriedenen macht, und das mitVorliebe mehr nach Personen als nach der Sache zielt, wußte dieser Tage aufreizende Dinge über menschenunwürdige Behandlung der Kultusgemeindebeamten zu melden. Wer diesen Bericht las, mußte -ie Vorstellung gewinnen, daß Herr Vorstand Buchwald wie ein Sklavenhalter mit der Peitsche seinen Untergebenen entgegentrete und es sowohl an Menschlichkeit, wie an den einfachsten Formen des Umgangs fehlen lasse. Es scheint aber, daß die vorerwähnte Alarmnotiz nur den Auftakt zu dem Sturm bildete, der bald darauf in mehreren Organen wider den Kultusvorstand eröffnet wurde und in der nachstehenden Bekanntmachung Ausdruck fand: Neuerliche Lohnbewegung derAngesteilten der Israelitischen Kultusgemeinde. Angesichts der unerträglichen wirtschaftlichen Notlage der Angestellten der Israelitischen KultuSgememde sehen fich diese gezwungen, an den Kultusvorstand mit der Forderung einer wesentlichen Erhöhung ihrer derzeitigen Bezüge heranzutreten. Die Angestellten der Israelitischen Kulmsgemeinde beziehen jetzt durchschnittlich um die Hälfte weniger als die Angestellten der Gemeinde Wien, weshalb sie die Gleichstellung mit den Bezügen her städtischen Angestellten verlangen. Die Angestellten verlangen die Erfüllung dieser Forderung durch den israelitischen Kultusvorstand in einer befristeten Eingabe bis zum 5. Dezember 1930. Wir anerkennen die von den Angestellten der Israelitischen Kultusgemeinde betonte „unerträgliche wirtschaftliche Notlage" unter der alle Mittelständler, besonders die Beamten als geistige Arbeiter, schwer leiden. Wir anerkennen ebenso die Bedeutung und Wichtigkeit der Beamten im Allgemeinen und jener der Kultusgemeinde im Besonderen für die klaglose Ausrechterhaltung des Dienstes. Schließlich anerkennen wir auch deren wirtschaftliche Minderstellung, verglichen mit jener der Staats- und Kommunalbeamten. Nichtsdestoweniger glauben wir bei aller Beamtenfreundlichkeit, daß im vorliegenden Falle die Frage von einem irrigen Gesichtspunkt aufgefaßt, .weil übersehen wurde, daß zwischen dem besten Willen der Hilfsbereitschaft der Kultusvorstand in seinem Können, das heißt seinen verfügbaren Mitteln, eine unerfüllbare Kluft besteht. Es ist hier eine Analogie mit dem Staat Oesterreich, der einst für einen mächtigen Wirkungskreis einen mächtigen Beamtenkörper unterhielt, der jetzt im engsten Rahmen weitergeführt werden soll, aber nicht kann. Mit dieser Logik der Tatsachen werden sich die Angestellten der Kultusgemeinde befreunden, ihm sinygemäß Rechnung tragen müssen. Wie solches zu geschehen, läßt sich im engen Rahmen dieser wenigen Zeilen vorläufig nicht erörtern und muß späterer Behandlung Vorbehalten bleiben. Nur von der Aufstellung eines Ultimatums an den Kultusvorstand wäre noch zu sagen, daß eS unter allen Umständen ein Schritt ist, der zur Kritik herausfordert. Denn jelkes Ultimatum setzt voraus, daß ihm vergebliche Schritte vorausgegangen sind. Dürfen wir das letztere für möglich halten? Die Sache liegt invrß so, daß die berechtigten Forderungen der Kultusbeamten auch ohne Ultimatum bereinigt werden müssen.