Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 20 (1.12.1920)
- Date
- 1920-12-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 20 Die Wahrheit Sette - keit bei den Sozialdemokraten.) Und wenn sie keine Juden hätten, der Ab ge ordnete Jerzabek würde selbst nach Ostgalizien fahren und einige tausend Ostjuden herbringen, um Stoff für Agitation zu haben. (Erneute Heiterkeit.) Diese Frage hat in den Wahlen entschieden und entschieden hat die allgemeine Anschwärzung und Herabsetzung. Wir haben, sagten sie und erzählten sie, keine Talente gehabt, wir haben keinen redlichen Willen gehabt, keine Ideen, wir sind nicht die richtigen Männer. Nun haben sie ihre Männer, wir haben ihre „Ideen" gehört. Leben sie sich aus! — Dr. Renner kennt seine Pappenheimer. Er war ja lang genug verurteilt, Schulter an Schulter mit den Christlichsozialen am Regierungstisch zu arbeiten. Er kennt die Hohlheit und Verlogenheit dieser Partei, die ohne Spiegelfechterei nicht leben kann, und entwirft in scharfen wenigen Strichen das lebend treue Konterfei der Führer, namentlich Kunschaks und Jerzabeks, der eine durch jesuitische Phrasen, der andere durch abstoßende Brutalität um die persönliche Macht ringend. Nie wurde mit weniger Worten mehr Wahrheit über den Wiener Antisemitismus gesagt als in dieser denkwürdigen Rede Dr. Renners. Die Ostjuden. In diesen Worten liegt mehr als ein ethnographischer Begriff; vielmehr ein Programm und eine Parole. Gelegentlich des letzten Parteitages der österreichischen Zionisten sagte Dr. Stricker: „Gerade unsere Stellung in der Ostjudenfrage hat uns bei den Wahlen geschadet, ohne daß dieser Umstand uns irgendwie von unserer Politik abgebracht hat oder abbringen darf. Die Ostjuden bedeute», keine Belastung, sondern eine Rettung des Wiener Judentums. Leider wird die Hetze gegen die Ostjuden auch von Juden betrieben und das jüdische Großkapital wendet seinen ganzen Einfluß auf, daß die Ostjuden aus Wien vertrieben werden." Alle Achtung vor der Ueberzeugung und Standhaftigkeit Dr. Strickers, aber diese Vorzüge verhindern nicht den Fehler eines unrichtigen Urteils. Daß die Ostjuden eine Rettung der Wiener Juden find, können wir bloß als eine Behauptung nehmen, für die kein Beweis erbracht wurde und ein solcher auch nicht zu erbringen ist. Ob das hiesige Großkapital seinen ganzen Einfluß aufbietet, die Ostjuden von Wien zu vertreiben, wissen wir nicht, aber wie immer auch, Tatsache ist, daß der gefährlichste Feind der Ostjuden aus ihrer eigenen Mitte hervorgeht, wie Max Schreier in einem Aufsatz im „Morgen" vom 16. November sehr richtig bemerkte, den wir zwar nicht seinem ganzen Inhalte nach gutheißen können, weil wir mit den armen unglücklichen Opfern der Zeit Mitleid haben? Die Entrüstung richtet sich gegen jene Gruppe der Ostjuden, die mit der Schuezze und den PajeS nicht nur das Ostjudentum, sondern das Judentum überhaupt ablegen und durch die Art, wie sie unredlich erworbenen Reichtum in Nachtlokalen vergeuden und verprassen, das öffentliche Aergernis Wiens ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses erregen. Schreier bemerkt, daß diese mehrfachen Millionäre aus dem Osten es gut verstehen, durch unwiderstehliche Argumente sich den ungestörten Aufenthalt .zu erschleichen, aber für ihre armen Landsleute und Glaubensgenossen keinen Heller, übrig haben. Das ist die traurige Ostjudenwahrheit. Zur Eriuuerung tm die Schlacht am Meiste« Berge. In diesem Monate ist das dritte Jahrhundert verflossen, seitdem die Entscheidungsschlacht am Weißen Berge geschlagen wurde, welche den Sieg des Katholizismus über den Protestantismus« in Böhmen brachte. Mit diesem Wendepunkte war auch für die Prager Judenschaft ein Schicksalstag gekommen, denn als die kaiserlichen Reiter in die bezwungene Landeshauptstadt einrückten, herrschte im Ghetto namenlose Angst. Man mußte dort ans trauriger Erfahrung, daß bei solchen Anlässen Mord und Plünderung das Los der Kinder Israels sei. Aber hier vollzog sich ein Wunder. Kaiser Ferdinand erkannte, daß die Juden, wenn sie auch notgedrungen bei den Schanzarbeiteu Hand anlegen mußten, die Belagerung nicht unmittelbar erschwerten und auf die Uebergabe der Stadt keinen Einfluß üben konnten uüd so blieben sie auch diesmal von den Schrecken des Krieges verschont. Das war vor dreihundert Jahren, als es für tapfere Soldaten noch keine Medaillen zur Belohnung gab, wohl aber die Erlaubnis, eroberte Städte zu plündern. Und obgleich die hergelaufenen Landsknechte wohl etwas schwerer im Zügel zu halten waren als die „Heldensöhne" der Legionäre,' die sich vor kurzem im Goldenen Prag mit Schmach bedeckten, so wurde den Juden unter Ferdinand dem Katholischen doch kein Haar gekrümmt. Die Schändung der Heiligtümer in der Alt-Neusynagoge, dreihundert Jahre nach der Schlacht am Weißen Berge, ist für die tschechische Kulturnation auch ein Brandmal des niederträchtigsten Undanks, denn die Prager Juden haben sich oft genug mit der Waffe in der Hand an der Verteidigung ihrer Vaterstadt beteiligt, namentlich im Schwedenkriege, wofür sie auch vdn Kaiser Ferdinand durch Verleihung einer Fahne ausgezeichnet wurden. Diese Fahne wurde in derselben „Alt-Neuschule" aufbewahrt, die von den Epigonen der tschechischen Helden devastiert wurde. Ein Zeichen der Zeit und der Sitten moderner Sieger. I. I. Roufseaus Einfluß auf die deutsche» Juden. Dieses Thema behandelt Dr. Josef Hoff, Bisenz, in einem Artikel der „Jüdischen Volksstimme", Brünn, und weist nach, daß der berühmte Vorkämpfer der französischen Revolution erziehend und reformierend auf die deutschen Juden des 18. Jahrhunderts wirkte. Zunächst war es der unser- * geßliche Führer des damaligen Judentums, Moses Mendelsohn, der gleich Lessing voll des Rouffeauschen Geistes war und durch Emanation desselben die Juden aus ihrer Stumpfheit emporhob. Allerdings ging damit rin Assimilationsdrang einher, der von den Konservativen heftig befehdet wurde. Es war die Zeit nicht nur des Austrittes, sondern UebertritteS, besonders der schöngeistigen Kreise: einer Rahel und Mendelsohn-Bartholdi. Gleichwohl hat Rousseau die Toleranzbewegung durch seine Schriften im deutschen Norden angebahnt. Bestimmend ' war unter anderem sein Emil, der folgende Apostrophe enthält: „Haben die Christen sich auch wohl Mühe genug gegeben, das Judentum recht kennen zu lernen? Was einige davon wissen, wissen sie aus den Büchern der Christen; eine schöne Art sich von den Gründen der Gegner zu unterrichten! Diejenigen unter uns, die im Stande sind, mit Juden umzugehen, sind deswegen nicht viel weiter gekommen. Diese Unglücklichen sehen sich unserer Willkür überlassen, was werden sie sagen dürfen^ ohne sich der Gefahr auszusetzen, daß wir über Gotteslästerung schreien? Die Habsucht gibt manchem unter uns auch Eifer wider sie ein und sie — sind zu reich, als daß sie nicht Unrecht bei uns haben sollten".„Ich werde", fügt Rousseau hinzu, „nie glauben, daß ich die Gründe der Juden recht gehört habe^ solange sie noch keine Schulen, keine Universitäten, keinen freien Staat haben, wo sie ohne Gefahr reden können. Alsdann werden wir erst eigentlich wissen, was sie zu sagen haben." Allerdings spüren die Nichtjuden von heute kaum einen Hauch des Geistes RouffeauS. Hingegen find Haß, Mißgunst und Unduldsamkeit die« Kennzeichen einer in Materialismus verkommenen Zeit, einer Gemütsverwilderung, die an die Zustände des Altertums erinnert, wobei noch zu bedenken ist, daß die Moderne" gegen das Altertum eine angebliche besondere „Kulturhöhe" voraus haben will. Wenn diese Kulturhöhe nach ihren Früchten gemessen werden will, so ergibt sich ein bedenklicher Kontrast. Edler Rousseau! Dein Menschheitsideal ist in diesem traurigsten aller Jahrhunderte noch nicht reif.