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Die Wahrheit · 1920-12-01 · Heft 20 (1.12.1920) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1920
Issue
Heft 20 (1.12.1920)
Date
1920-12-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite B Die Wahrheit Nr. 20 Späte Hilfe. Bon Josef Grob. ahrheiten vom Tage Bor einigen Tagen erhielt ich von einem bekannten Wiener Wohltäter ein Schreiben, in welchem er mich ersucht, ihm die genaue Adresse eines notleidenden Mannes mitzuteilen, da er ihm helfen wolle. Ich wollte den von mir sehr geschätzten Philantropen nicht ohne Antwort lassen, setzte mich hin-und schrieb: Der von Ihnen Gesuchte wohntseit einem Jahre Wien, 11. Simmeringer Hauptstraße, Zentralfriedhos, neue Abteilung, 36. Gruppe, Reihe 4, Grab 3. Mit dieser Verständigung hatte ich zwar nicht ganz den edlen Abfichten des menschenfreundlichen Mannes entsprochen, denn wer die von mir bezeichnte Heimstätte gesunden, ist aller Not und Sorge entrückt, aber vielleicht war es mir in dem gegebenen Falle wesentlich um eine in ihren Folgen bedeutsame Demonstration und Lehre zu tun, die, mit Herz und Sinn^verfaßt, eindringlich predigt, der Lebenden, die hilfsbedürftig sind, rechtzeitig zu gedenken und endloses Elend zu mildern. Von solchen Empfindungen bewegt, gab es mir am nächsten Tage keine Ruhe. Ich mußte hinausfahren, um dem vor Not und Not und Elend früh- ' zeitig Dahingerafften die Kunde zu überbringen, daß es «och gute Menschen gebe, die eines Notleidenden gedenken. An der äußersten Ecke des unendlich weiten Gottesackers -fand ich nach langem Suchen die Ruhestätte des nunmehr von Not und Elend erlösten Mannes. Kaum ein Jahr ist es her, seitdem wir ihn hinausführten. Gezählte Gräber waren es, die wir hier angetroffen, und nun find e8 ihrer so viele . . . Grab reiht sich an Grab, Reihe an Reche und der Totengräber müht sich fleißig ab mit dem Ausgraben einer frischen Ruhestätte . . . Der Mchste . .! Die wenigsten Gräber find mit Grabsteinen versehen und liest man die Inschriften der einzelnen armselchen Mazewaus, die Daten, die einem ziffernmäßig zeigen, wie jung an Jahren die meisten hier in das kalte, naffe Grab versenkt wurden, so glaubt man aus den Gräbern zwei Worte zu hören, die mit einem schrillen Ton die Friedhofsruhe zerreißen: Späte Hllfe! Wie viel Not, Leid und Ungemach bis zur unvermeidlichen Katastrophe, bis zum traurigen Ende ließen sich verhindern, wenn das unglückselige „3“ spät!" nicht in so vielen Fällen dm armen Einzelmenschen und ganze zur Hilfe bestimmte wohltätige Jnstitutionm träfe. Möge diese Tatsache gleich der Posaune des Jüngsten Gerichts die Ohrm der Säumigen treffen, ihr Gewissen aufrütteln, damit sie von ihrem Ueberfluffe den Armen und Elenden rechtzeitig das notwmdige Schärfiein zukommen laffen. ES sei die angewandte Mahnung: O gib so lang du geben kannst, O gib so lang du gebm magst. Die Stunde kommt, die Stunde naht. Wo du an Gräbern siebst und klagst. Die menschliche Bestie in Prag. Daß die Politik den Charakter verdirbt, ist eine Wahrheit, die an unzähligen Beispielen nachgewiesen wurde, daß sie aber die letzten Reste der Menschheit zu vernichten imstande ist, gehört zu den Errungenschaften des 20. Jahrhunderts. Die Prager Vorgänge bedeuten einen Rückfall in die Barbarei des finstersten Mittelalters. Deutsche und Tschechen geraten in politischnationalen Kampf und — die Juden zahlen die Kriegslüstern Auf der Rundreise Teplitz—Eger—Asch—Prag hat der slawische Fanatismus in dieser, wir wollen hoffen, letzten Etappe, seinen Gipfelpunkt der Verworfenheit erreicht. Wütende Horden dringen in das aller Welt ehrwürdige Heiligtum der Alt-Neusynagoge, schänden und vernichten daselbst heilige Thorarollen und Bücher von unermeßlichem Wert, hausen in einer Weise, die Vandalismus zu nennen, eine Beleidigung der Vandalen hieße. Weder dieser barbarische Volksstamm, noch ein anderer zeigte sich so entartet wie die Tschechen, die sich rühmen, eine der ältesten mitteleuropäischen Kulturen zu besitzen. Die Schandtaten des von der Intelligenz geführten Prager Mobs leuchten wie eine Brandfackel in die Welt, die angeblich zur Befreiung der Völker den ungeheuersten Krieg entfesselte, der mit einem heuchlerischen Minoritätsschutz den verlogensten schmachvollen Abschluß fand. In Böhmen werden die deutschen Minoritäten vergewaltigt und eine noch hilflosere Minorität, die Juden in Prag, müssen die Zeche zahlen. In Wien erwacht der kuror leutonicus und eine erbitterte Volksmenge bringt den beklagenswerten Mut auf, die tschechischen MinorMten in dieser Stadt anzugreifen, sie bei einem harmlosen Fest zu bedrohen. Es kommt glücklicherweise diesmal nicht zu Mord und Totschlag, nur etliche tschechische Schilder vor dem Hotel Post werden zur Strecke gebracht, aber die verhaltenen Heldentaten ringen nach Ausdruck und finden ihn in feindseligen Kundgebungen gegen die Juden. So war und bleibt dieser, wo immer feindliche Gegensätze aufeinander stoßen, der Prügelknabe, den vor Jahrhunderten wenigstens milde Bischöfe oder duldsame weltliche Herrscher schützten, der aber heute einem kläglichen Minoritätenschutzprinzipe überantwortet ist, das seinem ganzen Wesen und Gebrauch nach mit dem Stigma der Verlogenheit gebrandmarkt ist. Parlamentarischer Judenspiegel. In der großen Debatte über die Programmrede des Bundeskanzler Dr. Mayr vor dem Nationalrat nahmen auch Dr. R e n n e r und. Dr. Bauer das Wort und goßen eine' ganze Flut ihrer ätzenden Rhetorik über das Regierungsprogramm der herrschenden Partei aus. Besonders treffend waren Dr. Renners Ausführungen über das System der Christlichsozialen bei Behandlung der Judenfrage. Redner sagte unter anderem: Der Wahlkampf wurde um die Judenfrage geführt. Sie werden jetzt Gelegenheit haben, die Judenfrage zu lösen. (Lebhafte Heiterkeit bei den Sozialdemokraten.) Im Jahre 1896 sind sie in Wien zum Siege gekommen. Seit der Zeit „vernichten" sie immer die Juden. Die Juden sind indessen in Wien zahlreich, groß und reich geworden. Früher konnten sie sich auf. die kaiserliche Regierung und auf anderes ausreden. Nun fallen alle Hindernisse hinweg. Leben sie sich auf diesem Gebiet aus! Wir sind neugierig, was sie tun werden. Aber eines werden wir ihnen nicht gestatten: „nichts zu tun und ein zweiteömal die Bevölkerung irrezuführen." Dieses Handwerk werden wir ihnen legen. (Kunschak macht einen Zwischenruf.) Wir hätten auch nicht» dagegen, wenn sie den Abgeordneten Kunich^k als Minister ohne Portefeuille I f ü r d i e Judenfrage e i n s e tz t e n. (Lebhafte Heiter-

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