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Die Wahrheit · 1920-12-01 · Heft 20 (1.12.1920) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1920
Issue
Heft 20 (1.12.1920)
Date
1920-12-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Die Wahrheit Seite 6 Nr. 30 Dr. Weiskirchuer,. der ehemalige Bürgermeister von Men und gewesene k. k. Handelsminister, sprach am 8. November bereits unter dem Verantwortlichkeitsgefühl des seiner Berufung entgegensehenden Nationalratspräsidenten, der über den Parteien und Prinzipien stehen muß. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, geben seine Ausführungen gewiffermaßen die Richtlinien des neuen Kurses, können die „einigen Worte", die wirdas vorige Mal aus dem großen Inhalt.herausgegriffen, als Wesentliches des geänderten Regierungsprogrammes gelten. Und wenn wir heute noch die Stelle nachtragen: Wir müssen trachten, daß die Entente Vertrauen in unsere Verhältnisse b e k o m m t, so unterstreichen wir damit auch unsere vorhin geäußerte Meinung, daß sich Dr. Weiskirchner zum Dolmetsch der Pläne der Reparationskommission machte, wie auch die Regierung Schober als Träger und Vollstrecker dieser Pläne vorgesehen war und ebenso der jetzige Regierungschef sich auf dem Standpunkt der Verständigung mit allen Parteien die Wahrung des Rechtes begeben hat. Oesterreich, das europäische Schmerzens- und Elendskind, tritt jetzt unter einer neuen Bezeichnung in die Geschichte: Es ist zum Bundesstaat geworden. Wortspieler können daran die Meinung knüpfen, daß von dem idealen Völkerbünde nur der kümmerliche Rest eines österreichischen Bundesstaates übrig geblieben, dieser aber, auf dem Boden der harten Notwendigkeit stehend, alle seine wirkenden, schaffenden Kräfte konzentrisch zusammenfassen muß, wenn die letzten Funken seiner Lebensmöglichkeit zur hellen Flamme augefacht' werden sollen. In diesem wirkenden, schaffenden Krastebimd spielt das jüdische Element nicht die letzte Rolle urch es muß. deshalb zum Wiederaufbau Oesterreichs herangezogen werden. Diese Erkenntnis besteht in der Entente, von der die Reparationskommiffion ein vollziehendes und wachsames Organ ist. Deshalb können die Juden Oesterreichs ihren Händen wenigstens die nächste Zukunst anvertrauen. -sch Das Waisenkind. »on Dr. «d. Sellin et*) (Schatz.) Nimm ein Waisenkind in dein Haus, pflege, erziehe und bllde es als wärst du sein Vater, als hättest du es unter deinem Herzen getragen, und du wirst dich erfreut und beßröchigt fühle«, wenn es gedeiht und herauwächst unter deiner Obhut, a8 hättest du eS e^eugt und geboren. O, beherziget diesen AuSspruch, damit ihr alle fruchttragenden Bäumen gleichet. Ich wende mich an dqS Greisenalter, welches dem Himmel sich nähert, dich es hie Waisen bedenke» möge. Als Gatt, erzählt die jüdische Legende, Moses zurief, daß er die Fülle feiner Gnade auSströmen lassen werde, zeigte er Hm die himmlischen Schätze, welche der Frommen Aus vergilbten Blättern. Zum 100. Geburtstage des großen Gelebrten und Prediger. und Gerechten in der künftigen Welt harren, und als dieser, entzückt von dem Strahlenglanze einer Stätte in Gottes Nähe, fragte, für wen sie bestimmt sei, erhielt er zur Antwort, daß sie denen einst gehören werde, welche für die Pflege und Erziehung von Waisenkindern Sorge tragen. Mögen daher die hochbetagten Greise durch milde Vermächtnisse für arme Waisen sich ihren Anteil an den Gnadenschätzen des Himmels, an der ewigen Seligkeit sichern. Ich wende mich an die Frauen, denen Gott die Gaben seiner Huld, Liebe, Milde, Güte und Barmherzigkeit im reichsten Maße verliehen hnt, und die jedes menschliche Wehe^ und jede irdische Not inniger und lebhafter als die Männer fühlen. Möge ihr Auge den Waisenkindern freundlich leuchten, ihre milde Rede dieselben erfreuen, ihr Herz sich ihnen öffnen und einen Platz in seinem Innern gönnen. - Ich wende mich an die Stiefväter und Stiefmütter. Viel ist es, was ich von ihnen fordere: Zärtlichkeit, Weichheit, Schonung, Ausdauer, Treue,. Güte und Erbarmen für die Stiefkinder, welche ihrer Obhut anvertraut sind, als wären es Ihre eigenen. Gewiß, diese Forderung ist nicht leicht zu erfüllen, sie ruft Kampf und Widerstreit im elterlichen Herzen hervor; allein der wahren Menschenliebe ist nichts zu viel, und dem echten jüdischen Herzen nichts zu schwer. Der Kampf, den es mit seiner eigenen Natur zu bestehen hat, ist ein Gott-skampf, der allmählich die niederen Triebe. bändigt und die edleren Regungen siegreich Hervorgeher läßt. Ich wende mich an die Mitglieder unserer Gemeinde, daß sie die Waisenstiftung in unserer Mitte aufs kräftigste unterstützen mögen. Denn sie ist die jüngste unter unseren wyhlthätigen Anstalten und bedarf daher einer wärmeren Teilnahme und einer regeren Förderung. Auch ist sie ein schönes Denkmal in der Geschichte der österreichischen Juden, indem sie gegründet ward als Ausdruck des Dankes gegen Gott, daß einem Teile seines Volkes in Oesterreich das Recht verliehen wurde, Eigentum zu erwerben auf dem vaterländischen Boden, das eigene Feld zu pflügen, den eigenen Weinberg zu pflanzen, im eigenen Hanse Familien zu errichten. Möge fie daher allen Begüterten in unserer Mitte, welche Paläste bauen und in ihren Gärten lustwandeln, eindringlich und nachdrücklich empfohlen sein als Erinnerungszeichen, daß Israel nicht für immer verwaist, verlassen, verloren ist! Ich wende mich endlich an Gott/ daß er alle, alle segnen möge, segnen in ihren Häusern und Familien, segnen an ihren Kindern und. Enkeln, die meine heutige Fürsprache für das Waisenkind beherzigen und durch Spenden der Güte und Milde betätigen. * Wir haben nicht ohne Absicht aus den vielen glänzenden Reden Dr. I ell in eks ^gerade die obige in Erinnerung, gebracht, indem wir der Erwägung Folge gaben, daß die eindringlichen Worte des verewigten Predigers gerade Heute einen mächtigen Wiederhall in den Herzen der gesamten Judenheit finden mögen. In dieser Zeit nämlich, wo die blutigen Verfolgungen der zahlreichen Pogroms Tausende und Abertausende von bemitleidenswerten Waisen

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