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Die Wahrheit · 1920-12-01 · Heft 20 (1.12.1920) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1920
Issue
Heft 20 (1.12.1920)
Date
1920-12-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 20 Die Wahrheit Gelte S Diesen festen Willen eines Volkes, dem man die Wahrheit verwehrt und das Recht verkümmert, ihn leuchten unsere Chanukkaflämmchen in das Düster der Welt zum Fenster hinaus. Sie sollen es wissen und wahrnehmen, all die Hämlinge und Neidlinge da draußen: dieses Volk lebt und stirbt für Wahrheit und Recht! Und es glaubt an ihren Sieg! # Das ist ein Wunder! Das Wunder, das wir „verbreiten", bezeugen sollen durch unsere Tat, so wahr wir Erben der Makkabäer sind. Sie werden, sie müssen es / endlich glauben lernen, sie alle, das Chanukkawunder, daß es auch im Nebel düsterster Zeit Lichtblicke gibt, reine edle, sittlich starke Menschen, Kämpfer für Wahrheit und Recht, Männer, wie sie das Judentum in der Vergangenheit erzeugt hat. Und dieselbe Kraft, die einst vor Jahrtausenden das erste Chanukastämmchen gespeist hat, das heilige Oel lauterer Begeisterung, es ist uns bis heute nicht ausgegangen. Es soll, es muß auch leuchten in unseren Kindern und Kindeskindern! „Uminaussor kankanim naassoh veß laschauschanim." Dr. G. Die Reparationskommission und die finden Oesterreichs. Bei den Heuer stattgefundenen Nationalratswahlen versuchte es jede Partei, die um die Stimmen der Juden kämpft, mit dem Bangemachen. Schreckbilder wurden an die Wand gemalt, wie es in Oesterreich aussehen werde, falls die Reaktion hier wieder an die Macht käme. Und sie kam an die Macht, ohne daß die Prophezeiungen der Agitatoren eingetroffen wären. Einen Monat, nachdem die Volkesstimme sich für die christlichsoziale Herrschaft entschieden, sind auch nicht die leisesten Anläufe zu einem eine entgegengesetzte Wirkung hervor. Sie riefen uns in Erinnerung, daß Esther älter und älter wurde, ohne daß sich irgend eine Aussicht bot, sie zu versorgen, und andererseits erzählten sie uns von dem größeren Masel anderer Schadchonim. Etwa zwei Monate später schien uns das Glück zu lächeln. Ich hatte zwei gute Sachen in meinem Notizbuch. Der eine war ein Arzt, der andere ein reicher Inhaber eines Herrengarderobengeschäftes. Die Praxis des Herrn Doktor war so hoffnungslos mager, daß nur eine gute Parie ihn aus seiner Bedrängnis retten konnte. Selbstuerständlich hat er mir das nicht gesagt, aber ich kenne meine Leute schon; ich kenne sie beffer, als sie sich selbst kennen. Wenn ich ihm nur von Klara Shermann mit ihren dreitausend Dollar Bankdepot sprach, dann glitt ein glückliches Lächeln über seine Züge; seine Augen glänzten. und in ihnen spiegelten sich die rosigen Bilder wieder, die er sich bereits ausmalte: eine nobel eingerichtete Praxis, schöne Möbel, hübsche Instrumente, alles baar bezahlt, Pferd und Wagen, viele Patienten, einen Diener. Und Klara war übrigens garnicht übel. Sie war ein intereffantes, ein feine- Mädchen, aber — doch halt, ich falle schon wieder in meine alte Gewohnheit zurück, alle Vorzüge anzupreisen und das knappe Einkommen meiner Heirats- Horthy-Wien beobachtet worden, nicht das allergeringste Pogromchen wurde versucht, keine öffentliche Gewalt gegen Juden; selbst den „Polischen", die ein vollgerüttelt Maß Groll und Erbitterung gegen sich herausbeschworen, wurde bei uns kein Haar gekrümmt. Niemand ist so töricht zu glauben, daß die vereinigten deutschen Antisemiten Wiens in der Freude des Wahlsieges ihre bereits alte Sturmfahne zusammengerollt, ihr Programm ausgestrichen und aus ihrem Herzen eine Mördergrube gemacht haben, in der eS eitel Liebe uyd Freundschaft für ihre „Mitbürger jüdischen Glaubens" gibt. Kein Stimmungswechsel, nur ein System« Wechsel ist eingetreten und auch selbst dieser nur der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe. Sozusagen auf höhern Befehl. Man weiß, daß unser ganzes staatliches Leben dem höhern Befehl der Reparationskommiffiou unterstellt ist, und nachdem diese internationale Vormundschaftsbehörde die Ruhe als erste Bürgerpflicht zur Parole gemacht hat, muß diesem Rufe Folge geleistet werden. Vor Tisch las man's freilich ander-. Vor den Wahlen war die Judenfrage die gemeinsame Plattform, von der aus die christlichen Politiker die Wahlbewegung leiteten. Wir erinnern uns einer ähnlichen Taktik, als noch Lueger das geistige Haupt der Christlichsozialen war. Damals arbeitete er mir den sogenannten „Fanghunden", die nach Bedarf losgekoppelt wurden, um durch ihr Gekläff in den Reihen der Gegner Furcht und Schrecken zu verbreiten um, wenn sie ihre Schuldigkeit getan, wieder an die Kette gelegt zu werden. Die Fanghunde jener Zeit, die Schneider und Gregorig, haben jetzt anderen Platz gemacht, aber die alte Taktik ist geblieben. Mach Kunschak und O dehnal kommen Weiskirchner und Seipel zu Wort. Mt des Erfieren Rede haben wir uns nur in aller Flüchtigkeit voriges Mal unttr „Wahrheiten vom Tage" beschäftigt. Esoll ihnen aber an dieser Stelle eingehendere Beachtung zuteil werden, um der Bedeutung des Rednerwillen. kandidaten zu verschweigen. Klara hatte ihre Eigentümlichkeiten und Schwächen; so wollte sie nur Frau Doktor werden oder überhaupt nicht heiraten Ich wußte daalles und den Verdienst hatte ich so gut wie in der Tasche. Die Partie wäre zwar nicht aus idealen Beweggründen geschloffen worden, aber von Luft und Liebe kann man eben nicht lebe». Jedoch der Mensch denkt und Gott lenkt. Klara hatte eine jüngere Schwester Sophie. Diese war im Gegensatz zu ihr hübsch, gewandt und intelligent, aber sie hatte kein Geld. Während die ältere Schwester jeden Pfennig zusammengehalten hatte, um einmal einen Doktor heiraten zu können, war die jüngere mit ihren Ersparniffen dem Vater zu Hilfe gekommen, um das Hereinbrechen einer Katastrophe zu verhüten. Seitdem Sophie vertrauensvoll ihr Schicksal in meine Hand gelegt hatte, fühlte sie sich etwas unbehaglich in meiner Gegenwart. ES war ein prächtiges Mädchen und ich hatte sie recht lieb gewonnen. Mein erster Gedanke war an sie, als Mr. Goldstein mich beauftragte, für chu eine paffende Partie zu suchen. Er war wohlhabend und brauchte nicht auf eine Mitgift zu sehen; die Hauptsache war nur, daß sie hübsch war und chm gefallen mußte. ^(Fortsetzung folgt.)

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