Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 19 (17.11.1920)
- Date
- 1920-11-17
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 19 Die Wahrheit Seite 11 Erwerbe zuführen als die übrigen Konfessionen. Betrachten wir nun die Verteilung auf die einzelnen Erwerbsgruppen, so ergeben sich folgende Ziffern: In der Urproduktion sind 1,572.075 (52*66 •/.), darunter 5697 (0 34 %) Juden beschäftigt, der Bergbau beschäftigt 19.020 (0*60 %) Seelen, darunter 281 (1*47 %) Juden, die Industrie 675.978 i>1'26 °/.) Seelen, darunter 70.282 (10*39 o/,) Juden, Handel und Kreditwesen 145.540 (4'59 %) Seelen, darunter 71.655 (4923°/o) Juden, das Verkehrswesen 69.588 (3'04 %) Seelen, darunter 6.257 (6*47 %) Juden, Zivile und kirchliche Beamte und freie Beschäftigungen 124.357 (3*91 %) Seelen, darunter 14.461 (11*63 °/o^ Juden, Wehrmacht 50.654 (1*59 °/o), darunter 1.570 (3*10 %) Juden, Taglöhner 82.183 (2 59 °/°) Seelen, darunter 1.237 (1*50 %) Juden, Pensionisten, Kapitalisten und Rentiere 82.835 (2*61 %), darunter 6.532 (7*88 %) Juden, Hausgesinde 185.329 (5*83 %), darunter 2.685 (1*45 °/.) Juden, sonstige unbekannte Beschäftigungen 40.182 (1*26 °/o), darunter 250 (6 21 %) Juden. Wie aus diesen Ziffern ersichtlich, finden wir die meisten jüdischen Erwerbe in den Handels- und Kreditberufen. In verhältnismäßig großer Anzahl sind sie auch im Gewerbe und im Verkehrswesen, schließlich in der Gruppe der Beamten und freien Berufe vertreten. Bedeutend unter der ihnen gebührenden perzentuellen Stufe finden wir die Juden aus den Gebieten der Urproduktion, des Bergbaues, der Taglöhner und des Hausgesindes vertreten. Wir sehen also, daß auch im verstümmelten Ungarn die Juden überwiegend auf jenen Erirerbsgebieten verteilt erscheinen, die mehr Vorbildung, also mehr Schulung erheischen. Ueber 80 % der erwerbenden Juden findet in den merkantilen Laufbahnen (Handel, Gewerbe, Kredit und Verkehrswesen), 7*9 % in den freien Gewerben ihr Brdt, während auf alle übrigen Berufszweige rund 12 °/° der erwerbenden Judenschaft entfallen. Bei den Nichtjuden sind 55 9 % in der Urproduktion, 20*2 % in Gewerbe beschäftigt, während die übrigen Berufe, besonders der Handel und auch die freien Berufe, nicht genügend frequentiert erscheinen. Diese ungleiche Verteilung ist aber im Grunde genommen keine konfeffionelle Frage, sondern eine Frage der Schulen und der Traditionen. Wenn der „christliche Kurs in Ungarn" hierin eine Aenderung zur Gesundung herbeiführen will — und in diesem Bestreben wird er zweifellos auch die vollste Unterstützung der patriotischen Judenschaft Ungarns finden — so kann er dies nicht mit dem unmöglichen numeru8 c1uu8U8, nicht mit prohihitiven Maßregeln gegen das Judentum erzielen, sondern nur dadurch, daß er in erster Reihe die alten Vorurteile der nichtjüdischen Bevölkerung Ungarns gegen die merkantilen Lebensberufe ausrottet und diese Bevölkerung veranlaßt, sich in intensiverem Maße als bisher den vernachlässigten Berufen zu widmen. Nachtrag. Knapp vor Drucklegung unseres Blattes erfahren wir, daß Herr Oberleutnant Paul Fischer, Sohn des langjährigen verdienstvollen Vorstandsmitgliedes des Leopoldstädter Tempelvereines „Aeschel Awrohom" Josef Fischer, nach sechsjähriger Kriegsgefangenschaft in Rußland glücklich heimgekehrt ist. Wir rufen denselben und seiner geachteten Familie ein herzliches „B o r u ch h a b o h" zu. Wiener Bet-Hamidrasch, Wien, 2. Bezirk. Fecdinandstraße 23. In der am 2. November 1920 abgehaltenen Generalversammlung des Bet-Hamidrasch- Vereines wurden die Herren Rektor Dr. A. Schwarz, Oberrabbiner Dr. H. P. C h a j e s, Rabbiner Dr. D. Feuchtwang, Rabbiner Dr. A. Kaminka, Rechtsanwalt Dr. E. M ü n z, Edmund L ö w i und Alois Stiasny in den Vorstand gewählt. Es wurde ferner eine den gegenwärtigen Verhältnissen ensprechende Aenderung der Statuten beschlossen, der Jahresbeitrag für neu eintretende Mitglieder auf 50 Kronen, der Gründerbeitcag auf 2000 Kronen festgesetzt. Anläßlich der Versammlung ist dem Vereine von Herrn Edmund Löwi eine Stiflung von 5000 Kronen zugegangen. Reorganisation des Joint. Daß eine Reorganisation dieser wahrhaft großzügigen, von den edelsten Bestrebungen geleiteten amerikanischen Hilfsgesellschaft ein Gebot der Notwendigkeit fft, dursten wir in unserer Zeitschrift umso freimütiger betonen, als ja auch die auf dem Gebiete der Humanität praktisch hervorragend wirkende Frau Anitta Müller gelegentlich des Karlsbader Kongreffes bere.ts im Sommer dieses Jahres die gleiche Meinung ausgesprochen hat und dabei bei allen Anwesenden mehr Zustimmung als Widerspruch gefunden. Seitdem haben sich die Beschwerden über die beim Joint herrschende Methode der Hilfeleistungen nicht nur im allgemeinen, sondern auch in unserer Redaktion gemehrt und richteten sich die Klagen hauptsächlich gegen die Person des Wiener Chefverwalters Herrn Leon Wechsler, der ihm wiederholt gemachte Vorbalte dahin zu entschuldigen suchte, daß er doch nur, ein Beamter des Joint sei, nach gegebenen Direktiven handeln müsse und vom eigenmächtigen Handeln . ausgeschaltet sei. Ob und inwieferne Herr Wechsler mit dieser Rechtfertigung auf dem Boden der Tatsachen gestanden, möchten wir nicht untersuchen. Inzwischen ist ihm aber das Glück geworden, daß er im Rahmen der vorgenommen Reorganisation die Treppe hinaufgefallen und auf Grund der letzthin erfolgten Verfügung zum direkten, Vertreter und Regionaldirektor des Joint für Oesterreich und die Tschechoflowakei bestellt wurde. Herr Wechsler erhält dadurch nicht nur einen erweiterten, sondern auch selbstständigen Wirkungskreis. In diesem bedeutenden Avancement liegt jedenfalls ein Beweis hervorragenden Vertrauens der maß? gebenden Jointkreise für Herrn Wechsler. Hoffen wir, daß er dieses Vertrauen auch in jeder Hinsicht rechtfertigen wird, daß er in seinem höheren Amt auch eine vermehrte Geschicklichkeit zum Wohle der ihm anvertrauten Hilfsbedürftigen im Sinne der edelfinnigen amerikanischen Menschenfreunde bekunden wird. Zum hundertsten Geburtstage Adolf Jellineks. Das Andenken des großen Gelehrten und gefeierten Kanzelredners wurde anläßlich seines 100. Geburtstages in allen Wiener Tempeln nach Verdienst gefeiert. Wie lebendig das Wort Jellineks heute noch wirkt, beweist seine vor einem halben Jahrhundert gehaltene Rede über das Waisenkind, die wir veröffentlichen. Sie ist um so aktueller, als nach fünfjährigem Kriege und fortdauernden Pogroms die Lage des