Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 19 (17.11.1920)
- Date
- 1920-11-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 Nr. lg % D ieWah rheit □ Eine Kultusvorftaudsitzung. In der guten albten Zeit knüpfte sich an den Begriff einer Wiener ( Kultusvorstandsitzung das Bild feierlicher Würde, die schon in den Erscheinungen der in der Regel alten Herren Ausdruck fand. Geruhige, bedächtige Männer, die von der Bedeutung ihres Ehrenamtes vollkommen durchdrungen waren und jede Versammlung als eine Art Fest betrachteten. Dementsprechend waren sie auch gekleidet, der gute ^.chabbesrock und der feierliche Zylinderhut galt als selbstverständlich und unerläßlich. Bedächtig und gemessen schritten sie die Stufen zum Beratungssaale empor. Bedächtig und gemeffen war ihr ganzes Gehaben. Man brauchte ja nichts zu überstürzen, weder im Sprechen, noch im Beschließen, und es ging ohne Sturm und Drang von außen oder von innen. Ja, die gute alte Zeit! Wo lst sie, wo sind ihre Repräsentanten? Eine neue Aera ist angebrochen mit neuen Kräften und Prinzipien. Kultusvorstandsitzungen sind d n Teilnehmern jetzt kein Ereignis, kein Erlebnis, nur eine Obliegenheit, deren man sich wie jeder profanen Alltäglichkeit des gesellschaftlichen Lebens erledigt. Und eine neue Note ist in die Sache gekommen. Die Jugend macht ihre Rechte auch im Kultusvorstand geltend, die Jugend ist modern. Sie will dies auch in der Physiognomie ausdrücken. Sie hat sich meist entbartet. Man glaubt, einer Gesellschaft glattgesichtiger englischer oder amerikanischer Gentlemans in der guten alten Kahalstube zu begegnen. Auch das Festgewand hat dem Straßenanzug Platz gemacht und das reformgedankenschwere Haupt deckt ein weicher Fllz, der ein Symbol der demokratischen Idee ist. Auf demokratischer Grundlage nämlich ist die Institution des Wiener Kultusvorstandes gedacht. Sei's drum! Aber dann hoffen wir, daß die Herren nicht vergessen, daß die wahre Demokratie ihre LebenSwurzel in der Gleichberechtigung hat. Niemandem zu Liebe, noch zu Leide. Immer das Gesamtwohl vor Augen und ohne Parteipolitik stets nur auf das gemeinsame Interesse aller bedacht, für die ein Vertretüngskörper zu raten und zu taten hat, aber nicht im Sinne des Herrn Dr. Plaschkes, der in der „Wiener Morgenzeitung" freimütig bekundete, daß die Aufgabe der Jüdischnationalen Opposition ist, Opposition heißt doch die Verhinderung jeder positiven nützlichen Arbeit. Wenn aber trotzdem vom neuen Kultusvorstande alles getan wird, um die Wiener Kultusgemeinde zu ihrer ehemaligen Größe und. Bedeutung vor aller Welt zurückzubringen, so wollen wir ihm die Unterschiede zwischen einst und jetzt gerne konzedieren, wollen die Salonröcke, Zylinderhüte und Patriarchenbärte der guten alten Zeit zu so manchen schönen Erinnerungen legen. Goethe «ud die jüdische Mufik. Am 2. Oktober brachte die N. F. P. ein Feuilleton von Julius Korngold „Musik", in dem gegen die Ansicht Max B r o d s polemisiert wird, als ob in Mahlers Musik Anklänge jüdischer Motive sich Nachweisen ließen. Korngold meint, das Wesen der jüdischen Musik sei nicht recht erforscht oder gesichert. Mag sein. Aber um so interessanter wäre es, der Anregung Goethes hierin zu folgen. In der Italienischen Reise, zweiter Aufenthalt in Rom, den l. März 1788 sagt Goethe von K a y s e r: Er ist ein großer Verehrer der alten Musik und studiert sehr fleißig alles, was dazu gehört. „So haben wir eine merkwürdige Sammlung Psalmen im Hause; sie sind in italienische Verse gebracht und von einem venetianischen Nobile Benedetto M a r c e l l o zu Anfang dieses Jahrhunderte in Musikgesetzt. Er hat bei vielen die Intonation der Juden, teils der spanischen, teils der deutschenals Motiv angenommen, zu anderen hat er alte griechische Melodien zu Grunde gelegt und sie mit großem Verstand, Kunstkenntnis uub Mäßigkeit ausgeführt." Goethe kennt also nicht nur die Jnto, Nation der Juden, sondern weiß genau dis Weisen der spanischen von denen der deutschen Juden zu unterscheiden. Würde es sich nicht der Mühe lohnen, diese Tatsache an der Hand der Psalmen Marcellos festzustellen? Nach Goethes Angabe sind sie 1724 in Venedig gedruckt. Sie sind 1803 und 1825 wieder erschienen. Eine schöne Aufgabe für jüdische Musiker! Pros. Dr. K a h a n, Znaim. Die Juden iw Erwerbsleben Ungarns. Wir haben schon wiederholt die Verhältnisse und die perzentuelle Verteilung der Juden im Erwerbsleben des alten Ungarn erörtert. Wie stellen sich diese Ziffern im neuen, durch den Friedensvertrag verstümmelten Ungarn. Auf diese Frage antwortet der bekannte Publizist und Statistiker Alerander Komäromi in einer der jüngsten Nummern des „Egyenlüsög". In diesem Artikel stellt Komäromi auf Grund der statistischen Daten von 1910 fest — seither wurde in Ungarn noch keine Volkszählung vorgenommen — daß das verstüm» melte Ungarn 7,365.752 Einwohner, darunter 447.002 Juden zählt. Das verstümmelte Ungarn würde mithin 6'07 % Juden aufweisen. Wenn wir nun auch zugeben, daß diese Ziffern im Jahrzehnte des Weltkrieges durch die natürliche Populationsvermehrung, durch die Zuwanderung fremder Elemente im Kriege und durch die Zuwanderung zahlreicher Flüchtlinge aus den besetzten Gebieten eine wesentliche Aenderung erlitten haben, so kann doch auch wieder, angenommen werden,, daß das gegenseitige perzentuelle Verhältnis keine großen Verschiebungen aufzuweisen hat. Dann aber stellen jene intransigenten Verfechter des neuen Kurses, die um jeden Preis „Judengesetze" schaffen wollen, der ungarischen Gesellschaft ein herzlich schlechtes Zeugnis aus, wenn sie urbi et orbi verkünden, daß diese 6 bis 7 % Juden die 93 °/« Nichtjuden beherrschen oder unterdrücken könnten. Von der Gesamtzahl der Einwohner entfallen auf die erwerbenden Schichten 3,174.771 Mit 183.157 Juden. Während also von der Gesamtbevölkerung 42 29 % Erwerben nachgeht, betreiben von den Juden nur 40'53 % Erwerbe. Daß bei den Juden die Zahl der unselbständigen, sogenannten erhaltenen Bevölkerung verhältnismäßig eine größere ist, findet seine Begründung einerseits darin, daß die Familien der Juden größer sind, anderseits, daß die Juden ihre minorennen Kinder länger bei sich behalten und erst viel später einem selbstständigen on Nah und Fern