Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 19 (17.11.1920)
- Date
- 1920-11-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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mS*SS?*aSH8flB*3 Nr. 1s Die Wahrheit Seite s 2000 in der Provinz) abgegeben. Die jüdische Bevölkerung in Oesterreich beträgt 300.000 Seelen. Mit Rücksicht auf Ausländer und Minderjährige kann man die Zahl der in Oesterreich wahlberechtigten Juden mit mindestens 200.000 anschlagen. Es hat somit bloß der zehnte Teil der jüdischen Berölkerung für die Jüdischnationalen gestimmt, während ungefähr eine zehnmal so große Anzahl durch die Abstimmung erklärt hat, mit ihnen nichts gemein zu haben. Damit ist die jüdischnationale Politik in Oesterreich in der heutigen Art als Staat im Staat mit nach außen gerichteten Zielen von der jüdischen Bevölkerung Oesterreichs in unzweideutiger Weise zurückgewiesen worden und für immer erledigt. Es geht auch daraus hervor, daß die jüdischnationalen Führer niemals berechtigt waren, in Angelegenheit der Minderschutzgesetzgebung für die gesamte jüdische Bevölkerung Oesterreichs Erklärungen abzugeben. Erfreulich ist es, daß die Jüdischnationalen in ihren letzten Wahlaufrufen von der Minderschutzgesetzgebung, für' die sie noch vor kurzem eintraten, nicht mehr sprachen, sondern ausdrücklich den Schutz der politischen Gleichberechtigung der jüdischen Staatsbürger verlangten. Offenbar haben sie auf Grund der Zustimmung Kunschaks und der Bestrebungen der Judenfeinde Ungarns, die Juden als fremde Rasse von Gesetzes wegen zu behandeln, die Unrichtigkeit ihres bisher in dieser Frage eingenommenen Standpunktes eingesehen. Damit wäre einer der wichtigsten Trennpunkte der Jüdischnationalen und Nichtjüdischnationalen beseitigt und könnte zu der so notwendigen Annäherung der beiden Gruppen führen. Allerdings müßten die Jüdischnationalen eine Aenderung ihrer Anschauung in obigem Belange nicht bloß stillschweigend vor den Wahlen, sondern in zweifelsfreier Weise zum Ausdrucke bringen. Dr. Emil Weinberg. Balfonr-Enthufiasten. Es gibt noch immer solche unentwegte Schwärmer, aber viele von ihnen sind auf dem Wege der gründlichen Information zur ruhigen Betrachtung der Dinge gelangt. Solch eine Aufklärung gibt das kürzlich herausgekommene Buch des gewesenen Ministers Barnes/ der seines Kollegen Balfours vielgerühmte Deklaration unter eine scharfe Lupe nimmt und dabei zu folgenden Beobachtungen kommt: „Diese Erklärung wurde sehr sorgfältig und nach eingehenden Erwägungen formuliert. Sie bedeutet nicht einen jüdischen Staat, es sei denn, daß in irgend einer fernen Zutunft die Juden die anderen Elemente in der Bevölkerung einmal an Zahl übertreffen sollten, noch bedeutet sie einem überwiegenden jüdischen Einsiuß, es sei denn, daß ein solcher durch überlegene, moralische und geistige Eigenschaften der Juden entstehen sollte. Sie verkörpert die Anerkennung eines traditionellen, sentimentalen und religiösen Interesses auf Seiten eines Volkes, lange unterdrückt in einem Lande, das die Wiege seiner Raffe war. Sie schließt auch in sich die Oeffnung eines' unter türkischer Mißwirtschaft lange vernachlässigten und entvölkerten Landes für moderne Ideen und modernen Unternehmungsgeist." In dieser nüchternen, nur vom praktischen Verstand diktierten Kritik nehmen sich die palästinensischen Dinge und Ziele ganz anders aus als . durch die Ueberschwenglichkeiten, die, von San Remo kommend, in London und dann in der ganzen jüdischen Welt ein betäubendes Echo fanden. Herr Barnes hat sich durch seine freimütige Erklärung viele Feinde gemacht, darunter auch die „Jewish World", die im streng zionistischen Fahrwasser segelt. Die Tatsachen hingegen sprechen für den Exminister Barnes, besonders die Tatsache, daß von den zahlreichen Auswar derekn gar viele bereits Rückwanderer geworden sind, weil sie vor den politischen und gesellschaftlichen Mißständen die Flucht nach der alten europäischen Heimat ergriffen hatten. Denen solches bisher noch nicht geglückt, ist es wenigstens vergönnt, chren Gefühlen in bewegten Jammerbriefen Lust zu machen. Immer wieder ringt sich die Klage durch, daß der Weg ins Gelobte Land eine arge Enttäuschung bot, daß die Enttäuschten — manche sogar bewußt Getäuschten — das Opfer leerer Schlagwörter geworden. Auch die berühmte Balsoursche Deklaration zählt in gewiffem Sinne zu den Schlagwörtern, deren Macht auf Suggestion beruhte, nicht aber auf dem sicheren Fundament der Wahrheit, die allein eine frohe Zukunft schafft. Einige Worte. In einer christlichsozialen Wählerversammlung am 8. November war Dr. Weiskirchner zu Gast und sprach bei dieser Gelegenheit über die Wege und Ziele seiner Partei unter dem gegenwärtigen Regime. Wir begnügen uns, die Aeußerungen Dr. Weiskirchners in einigen markanten Punkten wiederzugeben und sie demnächst eingehender zu beleuchten. Der Redner sagte unter anderem: „So wenig wir eine Proletarierdcktatur anerkennen, ebensowenig beanspruchen wir für die Bürger eine Sonderstellung, eine Klaffenstellung. Wir verabscheuen jeden Klassenkampf, wir verurteilen jeden Terror, von wo immer er sich äußert, wir wollen hier Ordnung haben, wir wollen, daß jedem sein Privatbesitz geschützt ist, daß jeder in.Ruhe seinem Verdienste nachgehen und sein Gewerbe ausüben kann und daß die Volkswirtschaft wieder gesteigert wird. (Beifall.) Wir brauchen kein en Kulturkampf und keinen Parteienkampf. Wer es ehrlich mit dem Volke meint, der arbeite mit uns an dem Wiederaufbau unsres armen Vaterlandes." Dr. Weiskirchner will aber anscheinend nicht nur durch Worte, sondern auch durch Taten beweisen, daß er sich auf keinem extremen Parteistandpunkte festgelegt habe. Als an ihn vom früheren Präsidenten der Nationalversammlung Dr. Seitz die Aufforderung erging, auf Grund des Stimmenergebniffes die Präsidentenwürde zu übernehmen, da leistete er diesem Rufe pflichtschuldig Folge, bestieg die Tribüne, nachdem er vorher die weiße Nelke, das Abzeichen der christlichsozialen Abgeordneten, abgelegt hatte. Er wollte dadurch andeuten, daß er unparteiisch in dem Hause, das dem Wohl unseres schwergeprüften Vaterlandes dienen soll, die Verhandlungen letten wird. Hoffentlich war diese, ihre dramatische Wirkung nicht versagende Handlung nicht nur Pose! Aus all dem wäre dann zu schließen, daß sich Dr. Weiskirchner auf dem gemäßigten Flügel der Christlichsozialen befindet. Im entgegen stehen aber Männer wie Kunschak, Jerzabek und Konsorten, die gern die ungarischen, halbasiatischen Sitten in Wien einführen möchten.; H i i I i. i. fef V fe-