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Die Wahrheit · 1920-11-17 · Heft 19 (17.11.1920) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1920
Issue
Heft 19 (17.11.1920)
Date
1920-11-17
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite S Nr. 19 Die Wahrheit Wahrheiten vom Tage Deutsche Kleriker gegen de» Antisewitismns. Im Rahmen eines Vortragsabends, den der „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" anfangs November in Berlin veranstaltete, sprach als Erster Pfarrer Lizentiat Bittlinger. Seine Ausführungen gipfelten darin: „Christentum und Antisemitismus schließen sich aus. Kein deutscher Christ kann einen deutschen Juden hassen, denn wir haben einen ungeheueren gemeinsamen geistigen Besitz: das Alte Testament, welches das christliche Deutschland dem jüdischen Volke verdankt. Das bindet uns noch mehr als Goethe, Schiller, Friedrich der Große. Der vorurteilslose Prüfer außerhalb Israels muß leidlos anerkennen, daß Familiensinn, Fleiß, Nüchternheit und Wohltätigkeit die Vorzüge Israels sind. Mit Vorliebe stellen die Antisemiten diesen Vorzügen „den zersetzenden kritischen Geist der Juden" gegenüber. Dieser Vorwurf wind immer von den Denkfaulen gemacht. Wäre diese Kritik wirklich so gefährlich, so müffen die Angegriffenen eben ihre Ideen stärker fundamentieren. Aber die erfolgreichsten und tiefsten Kritiker an der christlichen Weltanschauung waren ja keine Juden. Haeckel, Darwin, Nietzsche und FriedrichStrauß gehörten nicht dem Judentum an. Was wirklich an Fehlern und Verbildungen im jüdischen Wesen vorhanden ist, muß von Deutschen und Juden getragen werden. WaS zu bessern ist, dürfen wir ruhig den Juden selbst überlassen. Das ungeeignetste Mittel zur Beseitigung etwaiger Schäden ist der Antisemitismus, der auf einen Denk- und Gefühlssehler beruht. Der Antisemitismus ist heute für Deutschland mehr als je unzeitgemäß, da die ganze Welt voll von Antigermanismus ist. Wir Deutschen und Vertreter positiver Religionen müffen eine Einheitsfront gegen die Verhetzung bilden, in der alle diejenigen Mitarbeiten können, welche an die Macht der Güte und Liebe glauben." Pfarrer Dr. D i e t r i ch schickte seiner Rede die Feststellung voran, daß der Antisemitismus eine Angriffs- und keine Abwehrbewegung ist. Der Antisemitismus ist aus Gründen »der Logik, der Moral und der Religion abzulehnen. Er geht von unberechtigten Verallgemeinerungen aus und arbeitet mit Unwahrheiten. Die beliebte antisemitische Redensart von der Unproduktivität der Juden ist grundfalsch. Don Spinoza bis Einstein haben die Juden Großes und Selbständiges geschaffen. „Alle wirkliche Sittlichkeit ist auf den jüdischen zehn Geboten aufgebaut, der Schöpfung Israels. Wenn es unserem Volke wieder bester gehen soll, so müssen wir wieder zusammenstehen im Kampfe für alles, was uns allen heilig ist." — Wann werden auch bei uns geistliche Herren den Mut zum Bekenntnis der Wahrheit aufbrrngen und in der Oeffentlichkeit durch das lebendige Wort überzeugend die Nichtswürdigkeit des Antisemitismus darstellen, so wie es nach dem Vorstehenden einige Beherzte ihrer deutschen Standesgenossen getan haben, denen für ihre wackere Tat nur Dank gebührt. Alexander Petöfi für die Juden. Anläßlich der Anfachung der judenfeindlichen Strömung in Ungarn dürfte es von Interesse sein zu erfahren, wie der größte Freiheitsdichter Ungarns, der unsterbliche Sänger Alexander Petöfi, über die Judensrage gedacht hat. In der von der Franklingesellschaft im Jahre 1906 herausgegebenen Gesamtausgabe seiner Werke und Schriften finden wir im Bande 4 eine Tagebuchaufzeichnung vom 20. März 1848, worin Petöfi sich darüber beklagt, daß das Einverständnis, das bis dahin in der Hauptstadt geherrscht, in die Brüche zu gehen droht, weil die deutsche Bürgerschaft die Ausschließung der Juden aus der Nationalgarde ausgesprochen habe. Er fährt dann fort: „Könnet ihr für euch Gerechtigkeit erwarten, wenn ihr nicht gerecht seid gegen andere? Und warum verfolget ihr die Juden, wie waget ihr es, sie hier bei uns zu verfolgen? Ist auch ein Tropfen eures Blutes zu Boden gefallen, während sie hier das Vaterland erwarben oder es beschützten? Nein, ihr seid hier Herg-laufene und es befindet sich kaum einer unter euch, der auch nur das beweisen könnte, daß sein erster Großvater hier gestorben ist, viel weniger, daß er hier geboren wurd^ Das traurigste aber ist, daß es keine so schmähliche Sache gibt, für die nicht Unterstützer, Apostel erstehen würden. Zu Aposteln dieser himmelschreiend ungerechten Judenverfolgung haben sich einige Winkeladvokaten erhoben, die jetzt gegen die Juden predigen und wer für die Gerechtigkeit das Wort erh.'bt, dem rufen diese verächtlichen falschen Propheten unverschämt zu, daß er von den Juden bestochen sei. Die Elenden! Sie wissen nicht oder wollen es nicht glauben, daß es ehrlichere Menschen als sie gibt, die nicht Sklaven der schmutzigen Selbstsucht, sondern die Freunde der lauteren Gerechtigkeit und des Humanismus sind." Armer Petöfi! Zu deinen Zeiten waren es einige Winkeladvokaten, die sich mit der Schande der Judenverfolgungen bedeckten. Heute stehen die Drahtzieher der Bewegung so hoch, daß sie angeblich selbst von der Staatsgewalt nicht ergriffen und zur Verantwortung gezogen werden können. Zur Nationalratswahl. Mit großer Freude habe ich die Ausführungen unter der Anschrift. „Ein Nachwort zur Kandidatur Strickers" in der vorliegenden Zeitschrift vom 3. November 1920 gelesen. Ueberaus treffend ist darin gesagt, daß der Minoritätenschutzwahn für die Juden uur Unglück bringen kann und die vielverlästerte Assimilation ihnen Friede und Ruhe verbürgt, sowie daß die Berufung auf die Zugehörigkeit der Juden zu einem über die ganze Welt zerstreuten Fünfzehnmillionenvolk gar keinen wirklichen Wert hat. Merkwürdig ist nur der Umstand, daß die jüdischnationvlen Zeitungen das Ergebnis der letzten Nationalratswahlen als Erfqlg für ihre Sache deuten wollen unter Hinweis darauf, daß im Vergleich zu früheren Wahlen ein starker Zuwachs an jüdischnationalen Stimmen stattgefunden habe. Für die Beurteilung dieser Sache kann nur das Verhältnis der jüdischnationalen Stimmen zur Gesamtzahl der wahlberechtigten Juden maßgebend sein. Für die jüdischnationale Partei wurden 20.000 Stimmen (18.000 in Wien, » -■{~rrrr' . iiumriTTi io iniirrn

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