Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 19 (17.11.1920)
- Date
- 1920-11-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. iS gritc 1» x r r~r, n fi t rnm» •giTiyyv rrrrr!—vaTrrirtariiTirt Die Wahrheit immer zivilisierte Menschen wohnen, fand er Achtung und Anerkennung. Hat dieser Satz in Deutschland keine Geltung mehr? Haben wir es nicht noch in den Zeiten des Kapp-Putsches erleben müssen, daß Kreise, von denen wir annahmen, daß sie die Schützer der Ordnung seien, in frevelhafter Weise sich gegen die Gesetze des Staates empört? Hier, meine ich, hat der Staat nicht nur das Recht, sondern er hat die Pflicht, mit aller Schärfe gegen die Uebeltäter vorzugehen. Sehen wir Juristen nicht alle Tage, wie hart oft der kleine Mann bestraft wird, wenn er der Verlockung nicht Widerstand leistet und vom rechten Wege abweicht? Nie und nimmer darf dann der straflos ausgehen, der das Gesetz verletzt, obwohl er, kraft einer viel besseren Erziehung und kraft viel besserer Lebensumstände doppelt verpflichtet gewesen wäre, nicht Feind, sondern Hüter der Ordnung zu sein. Der Strafrichter darf nicht vor Reichtum, er darf auch nicht vor hohen Rang und hohen Stand halt machen. „Das Recht durchbohre den Berg", so heißt es in Talmud Synhedrin. Und ich lege diesen Satz so aus, daß er sagt, nichts in der ganzen Welt ist so stark, daß es sich dem Gebote des Rechtes entziehen dürfe. Eben aus dieser hohen Auffassung, die das talmudische Recht von dem Wesen des Rechts hat, entspringt auch die hohe Auffassung, die der Talmud von dem Richter hat. So heißt es in Talmud Synhedrin an einer andern Stelle: „Alle Körper sind Behältnisse; heil dem, dem es beschieden ist, ein Behältnis der Gesetzeslehre zu sein." Berlin W. 35. Rechtsanwalt Dr. Ernst Emil Schweitzer. Das Waisenkind. Bon Dr. Ad. I e l l i n e t.*) (Fortsetzung.) Als ferner die Israeliten nach der Zerstörung des Tempels laut klagten: „Ach, wir sind Waisenkinder, denen der schützende Arm des Vaters fehlt", ertönte zum zweitenmale der Gottesruf: Trockne deine Tränen, mein Volk; einst wird ein von Vater und Mutter verlassenes Waisenkind sich hoch erheben, eine Krone auf dem Haupte tragen, dich erretten und erlösen von den mörderischen Anschlägen der rohen Gewalt, Ester, eine Waise, ein schwaches Weib, wird stark genug sein, den mächtigen Arm Haman's zu brechen und du verzweifelst, weil du verlassen wie ein Waisenkind dich fühlst? *) Aus vergilbten Blättern. Zum Ivv. Geburtstage des großen Gelehrten und Prediger. Gott erfreut das Waisenkind in seiner Freundlichkeit. Siehe, spricht er zu jedem israelitischen Vater, du freust dich an jedem Feste,'wenn dein Sohn und deine Tochter munter und ftöhlich an deinem Tische sitzen. Laß' sie zusammenrücken und Platz machen für ein Kind, dessen Vater ich bin, für daS Waisenkind, das seine Verlassenheit an den heitern Festen am tiefsten empfindet, nimm es auf, setze es in deine Nähe und erfreue es in meinem Namen. Gott versorgt das Waisenkind, indem er ihm das Besitzrecht an dem Boden Palästinas einräumt, der zu dessen Nutzen von anderen bearbeitet werden muß, und dessen Früchte nach bestimmten Gesetzen der Thora ihm zufallen. Denn das Judentum überläßt die Wohltätigkeit überhaupt nicht bloß dem Mitteiden und den auf- und niederwogenden Gefühlen, sondern stellt sie unter den sichern Schutz de- Gebote- und unterwirft sie einer zuverlässigen gesetzlichen Ordnung. Gott ist der Hort des Waisenkindes und nimmt dessen Recht in seine Obhut. „Witwen und Waisen sollt ihr nicht bedrücken", lehrt die Thora (Ex. 22, 21), und während sie bei anderen Verboten die Kürze de- Gesetzgebers liebt und es unterlaßt sie zu begründen, wird sie hier, wo es sich um den Schutz de- Waisen» kindes handelt, rednerisch, entflammt ihr Zorn und erhebt sie die Hand wider alle, die so unjüdisch sein könnten, mit dem Waisenkinde gewalttätig zu Verfahren. „Wirst du sie doch bedrücken", fährt die Thora fort, „und sie werden zu mir-, ihrem gütttichen Hüter, schreien, sofort werde ich ihr Schreien erhören und mein Zorn wird entbrennen!" Wohlan denn! Die Gotte-erkenntniin Israel soll nicht blos den Drang unsere- Geistenach Wahrheit befriedigen, das Sehnen unsere- Herzennach der Lösung so vieler Fragen, die es beunruhigen. Men, sondern — und dieist das Wichttgste — unausmuntern und anspornen, Gott als dahöchste Ideal unseres Lebens nachzuahmen, den Spuren seiner Liebe, Milde und Barmherzigkeit zu folgen und sie in unserem eigenen Tun stets vor Augen zu haben. Ich wende mich daher zuvörderst an jene Gatten und Gattinen, denen Gott den Kindersegen versagt hat. Die Thora verheißt dem israelitischen Volke, daß es keine Unfruchtbarkeit in seiner Mitte geben wird. Ist dies möglich? Gibt enicht in Israel viele Ehepaare. welche aus die Kinderfreuden Verzicht leiste» müssen? Und doch kann das Wort der Schrift nicht trügen, hängt es von uns ab, daß ihre Verheißung heute und immer in Erfüllung gehe. (Schluß folgt.)