Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 19 (17.11.1920)
- Date
- 1920-11-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Seit» S Die Wahrheit Nr. IS Von den etwa zwanzig von Bloch erschienenen Schriften soll das bald in dritter Auflage erscheinende Buch „Kol-Nidre" angeführt werden, in welchem er die antisemitische Verleumdung des Kolnidre-Gebetes, es diene zur Annullierung vor Gericht geschworener Eide, zurückweist. Er erklärt den geheimnisvollen, von Poesie umworbenen Zauber dieses Gebetes durch eine neue überraschende Theorie und fordert, gestützt auf seine Anschauungen, die Weiterbelassung dieses Gebetes in der Liturgie. Dr. I. S. Bloch möge zum Ruhme unseres Volkes diesem lange erhalten bleiben. Der Fall Löwenstein. Wenn das sonst schwerflüssige Blut der Berliner durch den Fall Löwen st ein in heftige Wallungen geriet, so bedeutet dieses weniger für die Wichtigkeit der Sache als eine Hochspannung der politischen Atmosphäre. Herr Dr. Löwen st ein von der Partei unabhängiger Sozialisten wurde von den roten Stadtratherren zum Stadtschulrat für Groß-Berlin gewählt. Diese Wahl entfesselte in allen bürgerlichen Kreisen der deutschen Metropole einen Proteststurm, dem auch die Juden nicht ferne blieben. Allerdings aus anderen Beweggründen wie jene deutschnationalen Demokraten und Zentrumsleute. Alle diese parteipolitisch abgestuften Elemente gingen mehr oder weniger von der Erwägung aus, daß man den Unterricht deutscher Kinder einem Juden nicht anvertrauen dürfe. Dr. Löwenstein selbst will zwar nicht als Jude angesprochen werden und ist aus deren Religionsgemeinschaft schon lange ausgetreten, was ihn jedoch im Sinne der Rassentheoretiker vom jüdischen Stigma nicht befreit. Bei den gesetzestreuen Juden kam er hauptsächlich deshalb in Bann, weil er nach dem sozialdemokratischen Programm Religion alS Privatsache betrachtet und gemäß diesem Grundsatz den Religionsunterricht vom Lehrplane ausschalten würde. Die Arier bekämpfen in Löwenstein den Juden, diese aber einen Nichtjuden, der seinem angestammten Glauben untreu, für diesen eine größere Gefahr bedeutet als irgend ein raffenfremder Gegner, der vielleicht eher noch das jüdischreligiöse Moment achtet. Aus diesem Grunde erfolgte die einmütige Stellungnahme sämlicher Tempelvereine Berlins gegen den Schulrat, in dessen Wirkungskreis die Ausschaltung des Religionsunterrichtes in allen Lehranstalten gegeben wäre. Eine solche Eventualität dünkt mit Recht jedem Gläubigen, vom Orthodoxen bis zum Reformjuden, als eine Katastrophe, die entschieden abgewehrt werden muß. In dieser Erkenntnis aus einem festgewurzelte» Gefühle entstand das Kampfsignal gegen den religionsfremden Dr. Löwenstein. Der Konflikt pflanzte sich bis in die preußische Landesversammlung fort und gipfelte in der Forderung, der Unterrichtsminister möge dem Dr. Löwenstein die Bestätigung der Wahl zum Berliner Stadtschulrat versagen. Die Regierung befand sich in einem schweren Dilemma, konnte einerseits der von allen Seiten laut gewordenen Dolksstimme das Gehör nicht verweigern, anderseits die vereinigten sozialdemokratischen Parteien, deren Vertrauensmann Dr. Löwenstein ist, umsoweniger vor den Kopf stoßen, als die Regierung doch selbst zum Teil aus diesen Kreisen hervorgegangen ist. Daß Dr. Löwenstein freiwillig aus seine Berufung verzichten werde, ist ebenso unwahrscheinlich als daß die empörten bürgerlichen Elemente zu einem Rückzug bereit sein werden. Man sieht wie bald in diesen kritischen Zeitläuften förmlich über Nacht eine Staatsaktion aus dem Nichts emporwachsen kann. Der manifest gewordene Fall Löwenstein ist für uns insoferne lehrreich, als er auch hier leicht hätte in die Erscheinung treten können. Bis vor. kurzem hatte Oesterreich einen Staatssekretär für Unterricht, der zwar kein Jude, aber ein bei den Konservativen gleich mißliebiger Sozialdemokrat war. Bis vor kurzem gehörte eS zu dm kaum verhüllten Richtlinien der Schulreform, den Religionsunterricht von der Oeffentlichkeit auszuschalten und als Privatangelegenheit zu erklären. Besonders verfolgt die Wiener „Freie Schulein ihrem Kampsvrgan „Mehr Licht" diese Forderung. Nun sind wir zwar seit dem 17. Oktober in Religion-- und Schulsragm mehr rechts orientiert, was aber die um die Freie Schule herum mit dem verfloffenm Unterrichtsminister an ihrer Spitze nicht abschrecken wird, die radikalm Forderungen mit aller Entschiedenheit zu betonen. Schon bei den ersten Versuchen stand diesen eine geschloffene Front gegenüber, denn wer den Religionsunterricht aus der Schule verweisen will muß erwarten, alles wider sich zu haben, das auf die alte Gesellschaftsordnung eingeschworen ist. Mcht nur der mit seiner Scholle verwachsene Bauer, auch das Bürgertum aller Bekenntniffe steht dem Schulradikalismus trotzig entgegen. Ein Fall Lüwenstein wäre bei uns rasch aus der Welt geschafft, wenn es überhaupt zu einem solchen kommen könnte. Im österreichischen Schulwesen, besonders in den unteren Klaffen, war' die Religion stets ein Politikum, dem auch andere als rückfchrittliche Elemente huldigten. Um wie viel mehr, wo sie wieder Morgmluft wittern.