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Die Wahrheit · 1920-11-03 · Heft 18 (3.11.1920) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1920
Issue
Heft 18 (3.11.1920)
Date
1920-11-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. ls Oie ÄVahrheit Seite 9 Gin Nachwort zur Kandidatur Strickers. Aus Leserkreisen wird uns geschrieben: Mit lebhafter Zustimmung habe ich den Inhalt Ihrer Notiz „Auf dem Rücken der Juden" in Nr. 17 Ihres geschätzten Blattes als den Verhältnissen vollkommen entsprechend gefunden und es gleich vielen anderen Glaubensgenossen bedauert, daß Herr Stricker, dessen makelloser Charakter und warmes Empfinden für jüdische Interessen über jeden Zweifel erhaben ist, sich durch eigenes Verschulden den Weg zur parlamentarischen Tribüne versperrt hat. Wie immer die Meinung über Strickers jüdisch-politisches Programm lauten mag, darin ist Freund und Feind einig, daß er ein starkes Talent, eine bedeutende Individualität ist, die zur Vertretung des österreichischen Judentums berufen, aber leider nicht erwählt ist. Die Ursachen haben Sie bereits aufgezeigt und es erübrigt nur zu sagen, daß an seinem Wahlmißerfolg nicht in letzter Linie der beklagenswerte Minoritätenschutzwyhn schuld ist, der in Polender Ukraine und Ungarn durch die weltbekannten blutigen Geschehnisse seine Gegenstandslosigkeit erwiesen hat. Kühl Ms ans Herz hinan verblieben die Minoritäten« schutzmächte gegenüber all den schrecklichen Greueltaten. Es wäre ein verhängnisvoller Irrtum, zu meinen, daß elementare Gewalten sich durch die schönsten Reden beeinflußen lassen. ES ist die vielverlästerte Assimilation, die Anpassungsfähigkeit der Juden an die Kulturstufe der Völker, unter denen sie leben, die Friede und Ruhe verbürgt. Unbeschadet ihrer Religiösität. die als solche nirgends angetastet wird, sind die Juden in England, Frankreich, Italien eben Engländer, Franzosen, Italiener. So haben es die Kinder Israels gehalten, seitdem sie durch die letzte Tempelzerstörung ihre Staatlichkeit verloren haben. Sie waren in der Diaspora gute Perser, Griechen, und die Erklärung Ci vis Romanus sum war ihnen der sicherste Schutz gegen Verfolgung und Anfechtung. Mit der Berufung auf die Solidarität mit dem Fünfzehnmillionenvolk werden wir kein Glück haben, weil eben dieses Fünfzehnmillionenvolk keine homogene Masse ist und sich nach den verschiedenen Kulturgraden in den Ländern beider Hemisphären auch verschiedenartig fühlt. Diese Tatsache wird keine Deklaration. aus der Welt schaffen. So lange das Judentum nicht seinen Konzentrationspunkt in Palästina gefunden hat, und das wird wohl in diesem Jahrhundert nicht zur Erfüllung kommen, ist eS mit der jüdischen Nationalität ein Experiment, daS auf der ganzen Linie versagen muß. Diese Erkenntnis hat sich in vielen Kreisen, auch in der österreichisch-jüdischen Wählerschaft durchgesetzt und hierin, erblicke ich einen Grund, vielleicht den Hauptgrund für den Wahlmißerfolg Strickers, deffen hohe Intelligenz, rege Tatkraft und bedeutende Erfahrungen an richtiger Stelle für das Judentum sich ersprießlich erweisen, könnte. Dr. L—n. Der Jude hat eiu Vaterland. Diese Tatsache wird durch Beispiele aus alter und neuer Zeit belegt, von mancher feindseliger Seite bestritten, trotzdem für ihre Richtigkeit auch in der Gegenwart überzeugendes Material vorliegt. Besonders reich wird eS vom „Egyenlöseg", dem Organ der ungarischen Judenschaft, in einer seiner letzten Ausgaben erbracht. Die politischen Nachwirkungen des Weltkriegehaben die Zerstückelung des ehemaligen Königreichs ungarn und die Zuweisung seiner Teile an andere Machthaber bewirkt. Nun hat es sich aber ergeben, daß von den Bewohnern dieser verlorenen Gebiete die Juden sich am treuesten zu ihrer angestammten Heimat bekannten, für dieses Bekenntnis Vermögen, Freiheit und selbst das Leben Hingaben, obgleich es an Lockungen und goldenen Brücken nicht fehlte, um die Juden der neuen politischen Lage anzupassen. Sie bleiben indeß standhaft und soweit die Ueberlebenden in Betracht kommen, die für ihre Treue unter den schwierigsten Verhältnissen und argen Kränkungen ihre Existenz fristen müssen, ist bei chnen keine Schwenkungkeine Anpassung zu erschmeicheln und zu ertrotzen gewesen. Lehrt dieses volkspsychologische Geschehen nicht die alte Wahrheit, daß der Jude im vollen Sinne des Wortes vaterländische Gesinnung nicht im Handumdrehen ändert. Möge dies hiefür in Ungarn, wie überall die gebührende Wertung finden, wenn sich auch hier die Wahrheit siegreich durchsetzt. Wir hoffen alle sehnsüchtig, daß dies bald der Fall sein wird, und die letzten Nachrichten aus Budapest von einem angeblichen System- ' Wechsel im demokratischen und fortschritttichen Sinne bestärken uns in dieser Hoffnung. Hört ihr Herren, laßt euch sagen! Im Lande der bedeutungslosen papierenen Freiheit und Gleichheit aller Stände und GlaubenSbekenntniffe, im Lande des von den europäischen Gebietern verbürgten Minoritätenschutzes, also um es kurz zu sagen, in unserer herrlichen Republik Deutschösterreich kümmern sich die Maßgebenden einen Pfifferling um durch Gesetz und Verfaffung verbriefte Freiheit und Gleichheit, noch um befohlenen Minoritätenschutz. Mit all diesen so schönen, aber unbequemen Idealen wird Schindluder getrieben, wenn eS einem atavistisch veranlagten „bessern" Verwaltungsbeamten im — man verzeihe das harte Wort — gemütlichen Wien beliebt und paßt. Ein aufreizendes Beispiel, wie die westungarischen „Brüder", wenn sie verhängnisvollerweise Juden sind, in der Republik behandelt werden, der sie im Friedensvertrag von St. Germain zugehören, schafft der Staatssekretär deS angeblich sozialistisch durchtränkten Staatsamtes des Innern. Dieser Herr erkühnt sich das Heimatsberechtigungsdekret westungarischer Juden mit dem Vermerk „Jfr.", man kann nicht anders sagen, zu stigmatisieren. Ist das eine der vorweg genommenen Richtlinien deS neuen Kurses oder eine auS früherer Zeit nach Ausdruck ringende raffenpolitische Weltanschauung? Auf alle Fälle ist eS Heuchelei und Ueberheblichkeit, mit cisleithanischer Demokratie zu protzen, nach Ungarn schielend zu rufen: Ich danke dir Gott, daß ich nicht bin wie jene dort, um schließlich doch in abgekämpftem Judenhaß zu arbeiten. Auf diese Weise ist weder Achtung, noch Sympathie des Auslandes zu erreichen, deffen unser armer Staat Oesterreich zu seiner Lebensfähigkeit in so reichem Maße bedarf.

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