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Die Wahrheit · 1920-11-03 · Heft 18 (3.11.1920) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1920
Issue
Heft 18 (3.11.1920)
Date
1920-11-03
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 1Ö Nr. 18 WCSgg. Die Wahrheit Von Nah und Fern „Jüdische Waifeufürforge".*) Vortrag von Se. Ehrwürden Rabbiner Dr. Max G r u n w a l d. Zwei Triebkräfte der jüdischen Seele wirken in der Behandlung des Waisenkindes bei den Juden zusammen. Das allgemeine „Rachmonus", das irdische Mitleid mit aller leidenden Kreatur ist die eine, die besondere Aufmerksamkeit, die der Jude dem Kinde widmet, die andere. Wo stch im Mertume überhaupt Spuren einer Waiseasürsorge finden, ist fie nicht religiösen oder sozialen, sondern nur ökonomischen Motiven entsprungen. Die Juden waren die ersten, die diese Betätigung durch die staatliche Gesetzgebung zur Pflicht erhoben, die einzigen, die fie rein menschlich, sozial und ethisch aufgefaßt haben. Mehr als jeder andere Liebesdienst, mehr als dreißigmal wird die Waisen- -Fürsorge in der heiligen Schrift eingeschärst. Auf die persönliche Leistung wird hierbei besonder- Gewicht gelegt. Denen, die sich ihr entziehen, wird von den Propheten nicht Herzlosigkeit vorgeworfen, sondern die Rechtlosigkeit wird gegeißelt, durch die der Waise ihr gutes Liecht verkümmert wird. Beispiele aus der biblischen Geschichte beleuchten diese Austastung. In gleichem Geiste gehalten sind die Bestimmungen und Erzählungen in der nachbiblischen'jüdischen Literatur. Gemeindesatzungen, Vereinsstatuten, Rabbinerdiplome, Memoiren, Maskirbücher, Testamente, Grabschriften, alles liefert Belege hiefür. Wie Talmud und Midrasch, Bibükommentare und Dtjisoren, sprüht das neuere und neueste Mische Schrifttum gleichfalls von dem Eifer, den man bei den Juden der Armensürsorge widmete. Perez, Rabbinowicz, Gordin ». a. werden dafür angeführt. Auch das jüdische Volkslied und das Mische Sprichwort liefern Beiträge hiezu. Streiflichter, die auf die Waiseusürsorge außerhalb des Judentums geworfen werden, sprechen durchaus zu dessen Gunsten. Von Waisenhäusern ist bei den Juden, vielleicht infolge der von Aug. Hermann Franke angebahnten neuen Richtung in der Waisenpflege, erst seit dem 18. Jahrhundert die Rede. Das erste finden wir in London (1703). Das in Fürth wurde .1763, das Baruch Auerbach'sche in Berlin 1833, daS der Fanny Nathan in Paderborn 1856 gegründet. Das größte Waisenhaus der Welt überhaupt ist das jüdische in New- Aork mit einem FastungSraum für über 1800 Pfleglinge. Durch die unerhörten Pogrome im europäischen Oste» ist die Zahl der jüdischen Waisen ins Ungemeffene gestiegen. Ihre Versorgung muß eine dringende Aufgabe der gesamten Judenheit werden. Jakob Schiff s. A. Die Beisetzung fand unter ungeheurer Beteiligung statt. Die Gerichtshöfe hoben zu Ehren des Verstorbenen ihre Sitzungen auf. Die Straßen waren von vielen Tausenden besetzt, die Schiff die letzte Ehre erweisen wollten. Vom Präsideuten Wilson lief ein herzliches Beileidsschreiben ein. Im Testament sollen im Ganzen 1,350.006 Dollars für wohltätige Zwecke auSgesetzt sein, (das find nach •) Siehe den „Wohlfahrt'-Artikel in dieser Nummer. heutigem Valutastand etwa eine halbe Milliarde) darunter 300.000 Dollars zur Erforschung der Taubheit und 45000 Dollars für daS jüdische Waisenhaus in Frankfurt a. M., das schon wiederholt von Schiff bedacht worden ist. Leopoldftädter Kranken- und UnterftützuugSverein „Nächstenliebe". Dieser Verein feiert das Jubiläum seines vierzigjährigen Bestandes. Aus diesem Anlaste findet Sonntag, den 38. d. M., 6 Uhr abends im Kaiser Franz Josef-Huldigungstempel, 3. Pazmanitengaste 6, ein Festgottesdienst statt, bei welchem Herr Rabbiner Dr. S. Funk die Festrede halten wird. Unter der Leitung des Herrn Oberkälttor Giblichmann werden bei diesem Festgottesdienste mit verstärktem Ehor die Festgesänge vorgetragen werden. SamStag, den 37. d. M., 6 Uhr abends, findet eine JubiläumS-Theaterakadamie nebst anschließendem Tanzkränzchen im Festsaale deS Bayrischen Hofes, 3. Taborstraße, statt. Infolge außerordentlicher Verdienste für den Verein wurden anläßlich des Jubiläums zu Ehrenmitgliedern die Herren: Schriftführer- Stellvertreter S. Bojnitzer und Kontrollor I. Schönherz, die Vorstandsmitglieder Leopold Bettelheim, Rudolf Freiwirth, K. Fuchs, Löffler, M. A. Raubitschek, sowie auS den Reihen der Mitglieder die Herren A. Schönfeld, H. R o t t e nstein und L. Winkler ernannt. Die ungarischen Juden nud der Zionismus. In seinem Neujahrsgruß an die Jüdenschaft bespricht der Präsident der Pester Israelitischen Religionsgemeinde Hofrat Franz Szökely unter anderem auch daS Verhältnis der ungarischen Judenschaft zum Zionismus, den er als die große, schöne Idee eines bedeutenden Denkers bezeichnet. „Diese erhabene und bedeutungsvolle Bewegung hat vom erstenTage an zweierlei Anhänger gehabt, um mich eines trivialen Ausdruckes j zu bedienen, unterstützende und aktive Mitglieder. Unterstützende Mitglieder waren die englischen, amerikanischen, französischen und italienischen Juden, mit einem Worte jenedie nicht daran dachten, auf ihr englisches oder amerikanisches Vaterland Verzicht zu leisten, die aber mit warmen Herzen und voller Opferwilligkeit an die Seite ihrer leidenden Glaubensgenossen traten, um ihnen ein besseres Vaterland zu verschaffen und gleichzeitig die Mauern Zions ausbauen zu Helsen. Die aktiven Mitglieder waren jene unglücklichen Juden, die ihr eigene- Land nicht als Menschen anerkennen wollte, die stch nach einem neuen Vaterlande sehnten und sich mit fieberhafter Freude dem Ruse des Zionismus und dem Heiligen Lande, der Urheimat Israels, zuwendeten. Es wäre unrichtig und unschicklich, daS gigantische Werk jener begeisterten Bahnbrecher, die auf dem vom BarbariSmus Jahrtausende verheerten llrboden eine neue jüdische Kultur schaffen wollen, ad ovo mit Gleichgültigkeit und Unglauben zu betrachten. ES ist unsere heilige Pflicht, dieses Unternehmen so lange warmen Herzens und mit unseren besten Wünschen zu begleiten, bis auch wir in die Lage versetzt sein werden, daran nach dem Beispiele unserer Glaubensgenossen anderer Nationalität, aktiven, helfenden und unterstützenden Anteil

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