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Die Wahrheit · 1920-11-03 · Heft 18 (3.11.1920) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1920
Issue
Heft 18 (3.11.1920)
Date
1920-11-03
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite S Die Wahrheit Nr . W Trotz der Stellenlosigkeit — trotzdem sich am einen Hausknechtposten zwanzig Hauptleute bewerben meldet sich keine einzige junge Kraft mehr als Gangwart der Kultusgemeinde. (So hat zum Beispiel jüngst die KultuSgemeinde Ei... in Mähren eine 3. Kantorenstelle mit verhältnismäßig hübschen Gehalt ohne jeglichen Erfolg ausgeschrieben. Auch eine Reffe nach Bratislava konnte den gewünschten Kandi- Laten nicht herzaubern.) Man bedenke: Alles wird teurer und teurer. Brot, Fleisch, Zucker, Stiefel, Theaterkarte, Watta, Dachpappe, Kindernutsche, Post, Bahn, Kommunal, und Staatssteuer, und wenn darob der Verbraucher aus der werten Haut fahren sollte! Nur die Kultursteuer soll stabil und konstant, ohne jegliche Schwingung — ein Fixstern bleiben! Sonst fährt daS Mitglied aus dem Gemeinschaftlichen uferlos in das Konfessionslose ... Vorüber ist die ^Festzeit. Dreimal täglich wird daS Benedikt: „der wehen läßt den Wind und herab, strömen den Regen" gesprochen, der Andrang zum Gottesdienst hat merklich nachgelassen und ich finde Muße, über daS Schlußgebet des Hohenpriesters nachzudenken. Er sprach: „Es trete ein Jahr ein, wo kein Jude von dem andern abhängig sei!" Hat sich der hohe jüdische Funktionär etwas Spezielles dabei gedacht? . . . Der Wind pfeift ein Lied in einer phrygffch-myxolidischen Tonart, der Himmmel weint dazu Bäche voll Tränen. Wen der Humor verließe, wäre ein geschlagener Mann! Oberkantor W—tsch. Eine sensationelle Affaire. In der von mir in- Rollen gebrachten Affaire halte ich für besonders wichtig jene Stelle der an mich gerichteten Erklärung der Israelitischen KultuSgemeinde Wien vom 31. VIII. 1920, die ausdrücklich besagt: GS unterliegt keinem Zweifel, daß das Verhalten deS Herrn Dr. Feuchtwang den religionsgesetzlichen Bestimmungen nicht entsprochen hat, zumal diese Erklärung, wie aüS der Zuschrift des verehrlichen Vorstandes in der letzten Nummer Ihrer Zeitschrift heroorgeht, erst nach Einholung der Aeußerung des ehrwürdigen RabbinateS erfolgt ist. Mr war eS von allem Anfang an nur um die prinzipielle Bedeutung dieser bedauerlichen Angelegenheit zu tun, weshalb ich von den zahlreichen maßgebenden Zuschriften, die alle darin übereinstimmen, daß hier eine grobe Verletzung deS Religionsgesetzes vorliege, als meitere Behandlung der „Sache" keinen Gebrauch mehr für die OffenÜichkeit mache, sondern mich mit dem Bewußtsein zufrieden gebe, daß eine Wiederholungeinessou nliebsamenVorsalles wenigstens in der Wiener Juden - fchaft für alle Zeiten ausgeschlossen bleibt. Was nun die Aeußerungen des Herrn M. P olla k, dessen Adresse auffallenderweise nicht angegeben ist,, betrifft, daß ein Fehler gegen das Religionsgesetz vorliegt und die Lehre für alle: Achtung und'Befolgung sein muß, unterschreibe ich sie genau so willig, wie den Standpunkt des Herrn M. Polläk betreffs Vater und Sohn L e d e r e r, wie ich das übrigens auch bereits in einem Schreiben an Herrn Lederer senior vom 22. X. erklärt habe. Ich ersuche hiemit den Herrn M. Pollak, mir gütigst seine Adresse bekanntzugeben, damit ich Gelegenheit habe, ihm, der, wie er schreibt, Erkundigung bei der Gegenseite eingeholt hat, nunmehr auch von meiner Seite mir Belegen zu dienen, die den Herrn Einsender darüber aufklären werden, daß das Verhalten des Herrn Moritz Müller, in diesex Affaire nicht gar so „e i n w a n v f r e i" ist, wie Herr Pollak es in der letzten Nummer der „Wahrheit" darzustellen' für gut befunden hat. Ich danke der „Wahrheit" für die mir erwiesene Unterstützung und erkläre somit diese Affaire von meinem Stand, punkte aus als erledigt. Direktor Josef Brüll 9. Liechtensteinstr. 134. * Schlußwort der Redaktion: Nach der obigen Erklärung erachten wir die zahlreichen Kontra, versen in dieser Angelegenheit als abgeschlossen und können von den sonstigen verschiedenen Meinungsäußerungen keinen Gebrauch machen/Wenn wir auch nicht verkennen, daß dieselben von den besten Absichten geleitet sind, so haben wir anderseits jedoch vor Augen, daß nur die genaueste Einsichtnahme in alle Einzelheiten des Falles ein objektives Urteil ermöglicht. Den angekündigten Artikel des Herrn Religionsprofessor Dr. Z i m m e l s, dessen Veröffentlichung wir für diese Nummer zugesagt haben, müssen wir bis auf weiteres zurückstellen, weil in demselben von Herrn Dr. Zimmels Beschuldigungen gegen Se. Ehrwürden Herrn Rabbiner Dr. S. Frankfurter erhoben werden, denen wir aus dem Grunde nicht Raum geben können, weil in dieser Sache, wie wir erfahren, von seiten des Döblinger Vorstandes beim Rabbinerverbande Klage geführt werden wird, deren Ausgang weder von unS, noch von dritter Seite in irgend welcher Art loyalerweise beeinflußt werden darf, und weil Herrn Dr. Frankfurter das Recht der Verantwortung nicht eingeschränkt werden kann.

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