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Die Wahrheit · 1920-11-03 · Heft 18 (3.11.1920) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1920
Issue
Heft 18 (3.11.1920)
Date
1920-11-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. lö Die Wahrheit Seite 9 Das Waisenkind. Bon Dr. Ad. I e l l i n e k.*) (Fortsetzung.) Aber nicht bloß daS jüdische Herz schenkt dem Waisenkinde die wärmste Teilnahme, sondern, auch Gott beweist ihm seine Huld und Liebe. Denn der Gott, welchen der Psalmist als „den Vater der Waisen" verherrlicht, konnte das Waisenkind nicht dem Zufalle preisgeben, nicht der augenblicklichen menschlichen Rührung überlassen, sondern zeichnete es vor anderen Kindern aus, welche Vater und Mutter besitzen, und umgab es mit dem schützenden Wall des Religionsgesetzes. Gott begnadigt das Waisenkind durch sein leuchtend Antlitz, indem er dessen verlassenes Herz zart besaitet und es empfänglicher macht für den Hauch des Himmels, für die beseeligenden Einflüsse der Religion. „Als Vater und Mutter mich verließen", rief ein verwaister Psalmist aus, „so nahm Gott mich auf, so fühlte ich seine unmittelbare Nähe in meinem Herzen, wurde hingezogen zu ihm mit unwiderstehlicher Kraft", oder wie die Alten sagen: In dem tränenfeuchten Auge der Witwen und Waisen, das gen Himmel sich erhebt, spiegelt sich der Gottesglaube am klarsten und reinsten ab. Gott tröstet und beruhigt das Waisenkind durch die Geschichte seines Volkes. Als das Heiligtum in Israel fest , gegründet werden sollte, wünschte jeder der zwölf israelitischen Stämme, daß es auf seinem Boden sich erhebe. Da ertönte der Gottesruf: Einer eurer Stammväter, Israeliten, ward der Mutter beraubt gleich nach seiner Geburt, dieser steht mir am nächsten, ist mein Liebling; Benjamin, obwohl den jüngsten seiner Brüder, habe ich erkoren, aus dem Grunde, der ihm gehört, soll ein Teil des Tempels ruhen, in welchem ihr mir Opfer bringen und Danklieder anstimmen werdet, damit mein Haus euch ermahne, eure Häuser den verlassenen Waisen gastfreundlich und liebevoll zu öffnen. (Fortsetzung folgt.) Gin Nekrolog zu den hohen Feiertagen. Oder Maschiw-hornach — Stimmungen eines Chasans. Vorüber sind die Fest- und Feiertage. Der kurze Winterpafsus, „der wehen läßt den Wind und herabströmen den Regen", hat Wiederaufnahme gesunden *) Aus vergilbten Blättern. Zum Ivü. Geburtstage des großen Gelehrten und Prediger. in imserem täglichen Achtzehngebet. Der Scheliach zibbur (Kantor), der mit Tränen sein frommes Feld bestellte, er sollte gemäß dem Pfalmenspruche mit Gesang die Ernte heimführen. Allein es scheint als hätten die Aktuare des Himmels nach der erfolgten endgültigen Abstempelung der Menschenlose am Tage des großen Hofianah (Hoschana-raba) die Rieseusolianten in eine blaue Rumpelkammer getan. Nicht langt der Bescheid des himmlischen GerichtspräfidiumS (Bethdin sehe! maalo) herab, noch verfügt dergleichen die irdische Gerichtsbarkeit (schel matto). Der aber so herzerquickend den „Mechalkel chojim" (dn speisest die Lebenden) sang, schaut nach den Bergen aus: „Woher soll die Hilfe kommen?" Draußen stürmt der im „Geschembenschen" angekündigte Wind und in Riesentropsen patscht der Regen. Zum Ueberwintern ist warme Kleidung, gesunde Beschuhung und ausgiebige Feuerung erforderlich. Wer denkt nicht an Winterkartoffeln und dergleichen? Anschaffungsbeiträge und ähnliche Aequivalente. wie sie überall üblich find, find nur plebejische Neuerungen, die in Anbetracht des konservativen Charakterder Kultusgemeinde und ihres ideellen Anstrichekeine Einbürgerung erfahren konnten. Es müßten just in der Wüstenwanderung unserer Tage Wunder geschehen: daß der liebe Herrgott sein liebes Personal mit himmlischen Mana allmorgendlich versehe, wodurch auch daS Gemeinde-Etat EnÜastung erführe. Mein feit der Zerstörung des salomonischen Tempels geschehen leider keine offenen Wunder mehr! Doch, es geschehen immerhin Wunder! Große Wunder geschehen, daß mancher Sänger vor dem Herrn noch nicht in die Haskarah (Nennung bei dem Seelengebet) ausgenommen wurde, ja daß er die Fortofielle bei Saucher Habrith kunstgerecht durchgesührt und mancher attacca mit dem Stoßen in die „Posaune des Gerichts" muttg einsetzte, was aus Energie und Lebenskraft schließen läßt. Wem ist das Märlein nicht bekannt, wie der Chasan vor dem Thron des Allmächtigen und Allgütigen um langes Leben fleht —: „Mir geht es am besten aus der Welt, ich brauchte nur mein PiSmon zu fingen und auf allen Chaffunoth (Hochzeiten) und Brith- Miloth (Beschneidungen) winken mir die settesten Bissen. . ." Nun ziehen jene glücklich Gewesenen scharenweise freiwillig aus dem verwitterten Eden, die Erde zu bearbeiten, aus der sie genommen wurden, oder ähnlich sich zu schuften, um im Schweiße ihres Angesichtes das Brot zu effen. Im morschgewordeneu Elysium jedoch hocken nur noch die im Amte Ergrauten oder Invalide, die den halbverreckten Pegasus weiter quälen, dem die Flügel lahm geworden find und die Knochen — zum Erbarmen — hervorstehen.

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