Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 17 (20.10.1920)
- Date
- 1920-10-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 7 Är. 17 &ie Wahrheit Als ich „in die Welt" hinauskam, hielt ich meine Gesinnung verborgen. Damals gab eS noch keine Menschen, die die große Bedeutung des Chassidismus erkannt hätten. Aber meine von den neuzeitlichen Sitten angesteckten Freunde merkten es an meinem Benehmen. Sie sagten, ich sei demütig und in religiöser Beziehung „fanatisch". Ein böses Wort, das der Festgläubige vom „gebildeten" Juden stets zu hören bekommt. Wie ein Schmuckliebhaber Edelsteine, so sammelte ich die Werke der Zadikim. Ich ordnete sie nach dem Zeitalter ihrer Autoren, bis auf die Gegenwart. Ich legte, eine bibliographisch-biographische Liste an, deren Wichtigkeit ich erst jetzt, da ich sie nicht mehr besitze, erkenne. In den Stunden der selbstgewählten Abgeschiedenheit vertiefte ich mich in diese Bücher. Auch von den verschiedenen chassidischen Geschichtenbüchern stellte ich eine fast vollständige Sammlung auf. (Als Gegenstück die ganze haskalischeantichaffidischeLiteratur.) Freilich lernte ich auch viele Rabbis unserer Zeit kennen; die „Ueberreste", die ich von ihnen empfangen hatte, wirken noch heute aus meinen Geist und mein Gemüt und war es das einemal eine tiefsinnige Deutung der Schrift, ein andermal eine empfindsame Geschichte schöner Menschlichkeit, die ich aus ihrem Munde hörte — ich habe sie. nicht vergessen! Mir hat das Leben einen, wuchtigen Stoß versetzt. Anläßlich der Flucht aus meiner Heimatstadt Delatyn im Jahre 1914 mußte ich nicht nur mein Vermögen, sondern auch meine kostbare Büchersammlung zurücklassen. Mt dem Verluste der chassidischen Bücher geriet auch meine chaffidische Lebensauffassung ins Schwanken. Wenn man.auf einmal alles verliert, ist es kein Leichtes standzuhalten. Und der Weltkrieg, das größte Unglück der Menschheit, ein Geschenk der europäischen Kultur, tat einen tiefen Riß in meine Seele. Ich büßte viel an Hoffnung, Weltvertrauen und Freudigkeit ein. Not bricht auch Eisen. Im Jahre 1915 in die feldgraue Zwangsjacke gesteckt, kam ich ganz aus dem seelischen Gleichgewicht. Ich geriet mit einenmale in Verhältnisse And eine Umgebung, die meinem Gemüte und meiner Lebensanschauung wesensfremd waren. Aber gerade diese neue Lebenslage, die mir schwere Entbehrungen verursachte, sowie die Sorgen um meine Familie, führten mich nach und nach zu meiner früheren Lebensauffassung zurück. (Schluß folgt.) Line sensationelle Affaire. Vom Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Wien erhalten wir unter dem Datum des 15.,Oktober 1930, Z. 3451 folgende Zuschrift: Bezugnehmend auf Ihre in der Nummer IS vom 6. Oktober 1930 enthaltene Publikation unter dem Titel „Eine sensationelle Affaire" beehrt sich der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde mitzuteilen, daß vor der am 31. August 1930 ergangenen Erledigung der Eingabe des Herrn Direktor Josef Brüll die Aeußerung des ehrwürdigen Rabbinates der Israelitischen Kultusgemeinde eingeholt wurde. Mit vorzüglicher Hochachtung Der Sekretär Engel. Der Präsident Prof. Pick. * * * Eine sensationelle Affaire. Unter obigem Titel veröffentlichte die Redaktion in Nummer 16 einen Briefwechsel des Herrn Direktors Joses Brüll. Wir erhalten nun von angesehener Seite nachstehende Bemerkungen, die wir 'in objektivster Weise veröffentlichen: Es geschah ein Fehler gegen das Religionsgesetz. Der junge Mann ist keinJude, weil er nicht in den Bund Abrahams ausgenommen war. Er durfte also nicht zur Thora gerufen werden. Wenn Ausnahmen zugelaffen werden, dann ist das Gesetz kein Gesetz mehr und aufgehoben. Menschlich zu begreifen ist eS, daß der ehrwürdige, gelehrte Herr Rabbiner Dr. Feuchtwang durch die Situation beeinflußt und durch fein Empfinden hingerissen wurde. Noch begreiflicher ist es bei dem viel verdienten Obmanne des Döblinger Tempelvereines, Herrn Moritz Müller, dem noch zugute kommen, daß er kein Schriftgelehrter ist und daß der Jüngling in Döbling nicht zur Thora gerufen wurde. Man vergegenwärtige sich doch folgende Situatton: 13 Jünglinge haben nach Ablegung der Reifeprüfung die Absicht, in den Tempel zu gehen, dort Gott.zu danken, ihrem Religionslehrer einen Segm zu widmen und der Thora zu huldigen. Gab und gibt eS noch gleiche oder ähnliche Beispiele in Men? Ist das nicht ein besonderer Akt jüdischen Fühlen- und! Glaubens? Nach meinen Erkundigungen war eS nicht. Pose, nicht ^Affektation, sondern Ausfluß religiöser Innerlichkeit. Der Jüngling war ein Tempelbesucher. Sein Vater ist ein bekannter Wohltäter, ein Mann ► iV t' * : ff ■ ,r i,i 1 t 9 lv fe'-