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Die Wahrheit · 1920-10-20 · Heft 17 (20.10.1920) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1920
Issue
Heft 17 (20.10.1920)
Date
1920-10-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Gerte 6 Handelt gerecht gegen die arme Waise, und fordert Jene vor das unerbittliche Gottesgericht, welche gegen ein Waisenkind hartherzig sind. Wenn der Zorn eines anderen Psalmisten so wild aufflammt, daß er Gott beschwört, sich im Feuer eines unnachsichttgen Vergelters zu offenbaren, so geschieht es, weil er sieht, wie die Heiden-in ihrer Herzlosigkeit Waisenkinder hinmorden. Wenn Hiob, gefoltert von körperlichen und Seelenleiden, in schlaflosen Nächten seine Vergangenheit an sich vorüberziehen läßt, sie prüft und mustert, ob sie nicht vielleicht seine Qualen rechtfertige, wenn er alle Menschen, mit denen er verkehrt hatte, in das Gedächtnis sich zurückruft und sie auffordert, gegen ihn Zeugnis abzulegen, Hs macht er Halt bei einem kleinen Kinde, bei einem Waisenkinde und fragt es: „Sag' an, habe ich je ein Stück Brot meinem Munde zugeführt, ohne es mit dir zu'teilen, oder habe ich je die Hand gegen dich erhoben, um dich zu kränken?" Ein unvergleichlicher Beweis von der Teilnahme, welche jedes Waisenkind in Israel fand, ist folgende Tatsache. Rom, das alte, ländergierige Rom, nährte einen unversöhnlichen Haß gegen Israel, der nach der Zerstörung Jerusalems und nach der Schlacht bei Betar durch Steuerdruck und Erpressungen sich äußerte, und auch die alten jüdischen Lehrer machten kein Hehl aus chrem Abscheu und ließen es nicht an Verwünschungen fehlen gegen das schuldbeladene Reich mit seinen beutegierigen Legionen, und doch wurde einst in Israel gepredigt: „Dem Waisenkinde bist du, o Gott, Retter und Helfer" (Ps. 10, 14), das hast du an den Gründern des römischen Staates bewiesen! Als Romulus und Remus der Mutter entrissen und in der Wildnis ausgesetzt wurden, als sie arme, verlaffene Waisenkinder waren, ' flößtest du in deiner Barmherzigkeit einer blutgierigen Wölfin Mitleiden ein und verwandeltest ihre Natur, damit sie die verwaisten Säuglinge nähre. Gewiß konnte es dir nicht unbekannt bleiben, daß sie später den Grund zu jenem mörderischen Rom legen werden, das deinen Tempel Herstören und dein Völk bedrücken wird; allein dein Vaterauge erblickte zwei Waisenkinder verstoßen,Hilflos, dem Hunger preisgegeben, dein Ohr vernahm das Weinen und Winseln verwaister Säuglinge, und du .wardst gerührt und erbarmtest dich ihrer in deiner unendlichen Güte. Nun frage ich Jedermann, selbst die voruteilsvollen Gegner Israels: Kann es noch bezweifelt werden, ob jedes Waisenkind ohne Unterschied des Stammes und des Glaubens die wärmste Teilncchme finde, da wo jüdische Herzen schlagen? (Fortsetzung folgt.) Hr. 17 Die Gemeinde der Lhassidim. Von Chajim Bloch. . Unter diesem Titel hat unser Mitarbeiter, der bekannte jüdische Gelehrte, ein zweiteiliges Buch erscheinen lassen. (Verlag B. Harz, Berlin—Wien.) Das Buch ist von der Gesamtpreffe außerordentlich günstig beurteilt worden. Wir bringen hier mit Genehmigung des Verlages das sehr interessante Geleitwort des Autors. Die Redaktion. In seiner Schrift „Mein Weg zum Chassidismus" gibt Martin Buber, der Verkünder des Menschheits- Chassidismus, eine ergreifende Schilderung von seiner Wandlung, ich möchte sagen, von einer Seelenwanderung, wie er dem Wirrsal der Welt entronnen, vom religiösen Anarchisten und Atheisten, zum Gläubigen und Pietisten, bis er vom Chassidismus belebt und entflammt wurde. Mir drängte sich der Chassidismus nicht erst durch äußere Einflüsse und Zeitverhältnisse auf; ich mußte nicht erst den Weg zu ihm suchen. Mir ist er angeboren, ich habe ihn sozusagen mit der Muttermilch eingesogen und er war mir das größte Erlebnis in meinen jungen Tagen. Schon in meinen Kinderjahren, als ich auf der Chederbank saß, war ich ein Chassid. Meine Erziehung war' eine streng chässidische^ Befand ich mich in der „Klaus", im „Chassidimstüberl" an der „dritten Mahlzeit" am Sabbatnachmittag, oder bei den Jahrzeitsfeierlichkeiten, „Hilula rabo", nach berühmten „guten , Juden" — die Chassidim halten auf ihre Führer auch über das Grab^ hinüber — so hörte ich mit Entzücken die schönen Verserklärungen und Wortdeutungen, welche aus ihrem Munde bei Lebzeiten flössen, wiedergeben, ich lauschte den hübschen Geschichten von den großen Gottesmännern, die über dem gemeinen ^Geschick irrender-und irdischer Menschheit hoch dahinwandelten, und ich war außerordentlich ergriffen. Die Deutungen und Geschichten blieben in mir wach, soweit sie in Hirn und Herz eines unschuldigen Kindes Raum sinden konnten, sie prägten sich tief in mein Gemüt und wirkten auf mich wie Offenbarungen. Als ich später jiddische Und hebräische Bücher ohne Hilfe lesen konnte, nahm ich nach den langwährenden Unterrichtsstunden zu den chassidischen Geschichtsbüchern Zuflucht. Sie fesselten mich so sehr, daß ich nicht das Bedürfnis hatte, an den gewöhnlichen Kinderspielen teilzunehmen. Und je älter ich wurde, desto mehr entwickelte sich die chassidische Lehre in mir. Trotz aller Sonderbarkeiten, die dieses Schrifttum aufweist, erkannte ich die Sittlichkeit, die darin enthalten ist, in ihrer Höhe und ihrer Tiefe. t)ie Wahrheit

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