Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 17 (20.10.1920)
- Date
- 1920-10-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063928-3063944--11043-3078425- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 17 Die Wahrheit Sette 5 von Deutschen die Juden als in jeder^ Beziehung ebenbürtige Lebensgefährten und Volksgenossen anerkennt. Endlich steht geschichtlich fest, daß die Juden im ehemaligen Oesterreich vom Jahre 1848 bis zum Auftreten Schönerers (ungefähr im Jahre 1880) ausnahmslos als Deutsche im politischen Sinne betrachtet wurden. Politische Strömungen mit wirtschaftlichen Hintergrund haben erst den angedeutelen Unterschied hervorgerusen. Sie können genau so, wie sie entständen sind, verschwinden, wenn wieder bei den Deutschen wie bei den meisten anderen Völkern nicht die Abstammung, sondern der Geburtsort (Heimat) und die Muttersprache als wichtigstes Kennzeichen der nationalen Zugehörigkeit allgemein gellen wird. 3. Was für den /einzelnen Juden in seinem Verhältnis zur deutschen Sprache gilt, gilt auch für das ganze jüdische Volk aus deutschem Sprachgebiete. Erinnern wir uns an das geschichtliche Verhältnis des Judentums zur deutschen Sprache. Bekanntlich gab eschon jüdische Minnesänger, zum Beispiel Süßkind. UeberauS groß ist die Zahl der Juden und Abkömmlinge von Juden, die als deutsche Dichter, Schriftsteller, Staatsmänner, Gelehrte, Redner und Schauspieler berühmt geworden sind und so zur Befruchtung des deutschen Geisteslebens anerkanntermaßen beigetragen haben. AuS der Fülle der Namen seien folgende herausgegriffen: Moses Mendelsohn, Joses von Sonnensels, Heinrich Heine, dessen „Loreley" zum deutschen Volkslieds geworden ist, Ludwig Börne, Berthold Auerbach, Gabriel Rießer, der meisterhafte Redner in der deutschen konstituierenden Nationalversammlung in Frankfurt im Jahre 1848, Adolf Fischhof, Max Hermann Jellinek, der Lehrer der alten deutschen (germanischen) Sprachen an der Wiener Universität. 3. Die deutsche Sprache und das deutsche Geistesleben, haben Jahrhunderte hindurch aus alle Juden desehemaligen Oeüerreich-Ungarns, auch auf die nicht unter Deutschen wohnenden, die mächtigste Wirkung und Anziehungskraft auSgeübt. Waren und sind doch die Juden Böhmens, Mährens, Galizien-, der Bukowina, Ungarns und Kroatiens größtenteils der deutschen Sprache mächtig! Die Juden dieser Länder ließen ihre Kinder sietdeutsche Schulen besuchen oder ihnen mindestens die Kenntnis der deutschen Sprache vermitteln. Diese drei Tatsachen sind so gewaltig und nachhaltig, daß es der Wahrheit widerspricht, wenn die Jüdischnationalen behaupten, es könne die deutsche Sprache bei den deutschen Juden jederzeit durch die »hebräische ersetzt werden. Ihre Versuche, sich diese in gleichem^ Maße anzueignen wie die von Kindheit an vertraute deutsche Sprache bleiben daher meist vergeblich. Denn kein Volk hat jemals, soweit unS die Geschichte Kunde bringt, seine Sprache durch eine andere bewußt ersetzt. Ebensowenig können die deutschen Juden die lebendige deutsche Sprache durch die für sie zumeist tote hebräische Sprache ersetzen. Sie kann, abgesehen von der hervorragenden religiösen und geschichtlichen Bedeutung, als ein VerständigungSmittek mit Juden anderer Muttersprachen nur Wert haben. Wir deutsche Juden gehören durch die deutsche Muttersprache unstreitig dem deutschen Kulturkreife an, mit dem uns diese Sprache täglich und stündlich durch Wort und. Schrift verbindet. Wir können unS, solange wir unter Deutschen leben, weder selbst von ihr trennen, noch kann eine solche Trennung durch einen Machtspruch derer vorgenommen werden, die unS die Zugehörigkeit zum deutschen Volke unter Hinweis auf unsere Abstammung absprechen. Die bodenständigen deutschen Juden werden sich daher trotz -mancher Unbill, die sie als Juden in neuerer Zett erleiden, in ihrer Anhänglichkeit zur deutschen Muttersprache nicht irremachen lassen. So wie unsere unmittelbaren Vorfahren, deren Ueberzeugungen wir hochachten, bleiben auch wir und unsere Kinder der Sprache Schillers, Goethes, Leffings und Herders unverbrüchlich treu. Für uns gelten nicht nur die einleitend angeführten Worte des Dichter-, sondern auch folgende: Sprache, schön und wunderbar. Ach, wie klingest du so klar! Will noch tiefer mich verüefen. In den Reichtum, in die Pracht; Ist mir's doch, als ob mich riesen Väter aus des Grabes Nacht. Das Waisenkind. Bon Dr. Ad. Jellinek.*) (Fortsetzung.) Ein solches Menschenlos, der Anblick eines Waisenkindes mußte aus ein Volk, dessen Priesterfchmuck, dessen Urim und Tumim sein Herz, sein weiches, gutes, mitleidvolles jüdisches Herz ist, den tiefsten Eindruck machen, und hat ihn gemacht, zu allen Zeiten und an allen Orten, so daß das Waisenkind die wärmste Teilnahme in Israel fand. Wenn der Dichter Asaph, der Psalmist, welcher die schlechten und gemeinen Seelen durch den Donner seiner Stimme aufweckt und erschreckt, wenn er Gott als einen strengen Richter schildett, so ruft er aus: *) Aus vergilbten Blättern. Zum 100. Geburtstage des Verfassers.