Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 17 (20.10.1920)
- Date
- 1920-10-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nr. 17 Die Wahrheit Palästina einstimmig, daß die begonnene Einwanderung keine Einschränkung erfahren dürfe. Die „Jüdische Zeitung" kommt zu der Schlußbetrachtung: Was im Augenblick fehlt, ist nichts als daS elende Geld und wir wären der Erlösung nicht würdig und der ganze Zionismus wäre! nichts mehr als eine verlogene Farce, \ wenn wir dieser Schwierigkeit nicht^Herr würden.! Die zionistische Leitung muß unverzüglich aus ihrer bisherigen Reserve heraustreten. Sie muß uns fühlen lasten — was wir bisher nicht empfunden haben — daß es eine wirkliche, homogene Leitung gibt, die auf der Höhe ihrer wahrlich nicht geringen Aufgabe steht und daß sie' ein wirkliches Programm hat. Nun, da die politisch-diplomatische Arbeit fürs erste zurücktreten kann, mögen die Praktiker zeigen, daß sie es sind! Wird die zionistische Leitung diesen Appell, der ein wahrer Hilfe- und Notschrei ist, auch Folge geben, Folge geben können? Die Lage ist eine wahrhaft verzweifelte. Die beklagenswerten Palästinwanderer sind in eme furchtbare Zwicknrühle geraten. Hinter sich daS verwüstete alte Heimatland, vor sich das gelobte Land, das sie nicht einmal mit den Augen sehen sollen, weil es angeblich an der Möglichkeit fehlt, sie hinzubringen. In Wirklichkeit aber weil der Leitung, den Führern die Angelegenheit über den Kopf gewachsen ist und man sich in der Wahl der „Verantwortlichen" sehr vergriffen hat. * Der eigentliche, wenn auch verschwiegene Grund Jftr das Abrücken der Londoner Oberleitung scheint weniger die Geld-, als die Sicherheitssrage als Folge der Araberausttände in Erez Jsroel zu sein. Ganze Distrikte befinden sich in Hellem Ausruhr. Bisher wurden Nach offiziellen Meldungen folgende Ortschaften angegriffen und zum Teil auch von der jüdischen Bevölkerung verlassen: die Arbeitersiedelung Dagannia 2, Bnej-Jehuda, Melhamie, wo sich die jüdischen Verteidiger zwar noch halten können, Frauen und Kinder jedoch nach Jabneel überführt wurden. Nach den letzten Nachrichten wurde auch Ajeleth-Haschachar angegriffen. Nach vierstündigem Kampf gelang es dem jüdischen Selbstschutz, die an Zahl weit überlegenen Angreifer unter Verlusten zurückzuwerfen. Auch die in der Nähe gelegene Stadt Liberias ist.von Beduinenangriffen bedroht, so daß dort große Panik herrscht und der ganze Handel stockt. Die Juden und die deutsche Sprache. Von Dr. Emil Weinberg, Wien. Muttersprache, Mutterlaut! . Wie so wonnesam, so traut! - Erstes Wort, das mir erschallet. Süßes, erstes Liebeswort, Erster Ton, den ich gelallet. Klingest ewig in mir fort. . So mancher deutsche Jude mag sich obiger tief empfundenen Worte aus Schenkendorfs Gedicht „Die Muttersprache" erinnert haben, wenn er die Anschauungen der Jüdischnationalen über die Beziehung der deutschen Juden zur deutschen Sprache gehört oder gelesen hat. Ihnen steht angeblich die hebräische Sprache, die unsere Vorfahren vor undenklichen Zeiten gesprochen haben, näher als jede andere, also auch die deutsche, die für sie etwas rein Zufälliges sei und - jederzeit durch eine andere Sprache ersetzt werden könne. Gelten nicht auch für die Juden deutscher Muttersprache obige herrliche Dichterworte? 1. Für uns deutsche Juden bedarf es kaum eines Beweises, daß das ganze geistige Leben jedes Einzelnen mit der deutschen Muttersprache aufs innigste verknüpft ist. Sprachen doch mindestens die Eltern und Großeltern der bodenständigen deutschen Juden, häufig auch noch deren Vorfahren, die deutsche Sprache als Muttersprache. In frühester Kindheit brachten wir unsere ersten Worte darin zum Ausdruck, in ihr genossen wir den ersten und letzten Schulunterricht, ihrer bedienen wir uns ständig, sie ist die Sprache, in der wir zweifellos unser letztes Wort vor unserem Tode aussprechen werden. In ihren Worten bringen wir bald Freude/bald Schmerz zum Ausdruck. Wir denken, wir träumen in ihr, sie ist uns hehr und heilig! Dies sind unleugbare Tatsachen! Daran kann auch der von den Jüdischnationalen immer wieder heroorgehobene Umstand nichts ändern, daß wir vom deutschen Volke nicht als völkische Deutsche, als Deutsche im politischen Sinne, anerkannt werden. Ueberdies ist diese Behauptung nur teilweise richtig. Denn niemals hat sich hierüber' das ganze deutsche Volk — etwa im Wege einer Volksabstimmung — geäußert. Dies ist bloß die Anschauung einzelner politischer Parteien, zum Beispiel der Deutschnationalen, während andere Parteien, wie die. Sozialdemokraten, diese Anschauung verwerfen. Unter anderem zeigen auch die trotz aller Hemmnisse noch immer wieder stattfindenden Mischehen — man mag darüber denken, wie man will — daß eine nicht unbeträchtliche Zahl