Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 16 (6.10.1920)
- Date
- 1920-10-06
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3063928-3063943--11033-3078414- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Gelte 16 Oie Wahrheit Nr. 16 Tempelsitze zu verlosen. Verkauft wurden keine und verpachtet nur an auswärtige Mchtmitglieder zu dey hohen Feiertagen. Da bei der Verlosung der Sitze ein Rayonsystem beobachtet wurde, das heißt, die Hochbesteuerten Anwartschaft auf die vorderen und die Mnderbesteuerten nur die rück- oder seewärtigen Sitze erhielten, so gab es aus der Reihe der Unzufriedenen KEiker, Hie behaupten, der Tempel sei die beste Auskunstsstelle für Kreditgewährung. Daher stellte ein Ausschußmitglied bei einer Kultnsgemeindesitzung mit der Zugrundelegung des demokratischen Geistes und indem er darauf verwies, daß andere Konfessionen keine bestimmten Sitze ausgeben, den Antrag auf Kassierung deS ständigen Tempelsitzes. Besagter Antrag wurde zum Beschlüsse erhoben. Schreiber dieser Zeilen wäre der letzte, der Sturm gegen wahre Demokratie liefet Mein mir scheint, daß diese Reform auf tönernen Beinen steht, weil sie gegen den organischen Charakter unserer gottesdienstlichen Uebung ist. Man bedenke, daß bei allen anderen Religionen der Beter ohne jegliche Voraussetzung und Zuhilfenahme von Betdehelfen, mit Ausnahme des Andachtsbüchleins, seine Andacht versehen kann, wozu auch der stabile Sitz nicht erforderlich erscheint, hingegen der jüdische Gottesdienst, Ritualien bedingt, deren Aufbewahrung eines ständigen Platzes erheischt, denn der Tallis und die Tephilim können nicht her- und hingetragen werden, ebenso wenig wie die umfangreiche Bibliothek liturgischer Bücher rc. Das schwerwiegendste Argument für den stabilen Tempelfitz ist jedoch, daß der andersgläubige Besucher des Gottesdienstes seiner Andacht höchstens nur eine halbe Stunde weiht, was er zumeist stehend übt, während der jüdische Gottesdienst uns an den Fest- und Feiertagen fast den ganzen Vormittag und am Jomkippur sogar den ganzen Tag okkupiert. Diese angeführten Gründe sprechen vollauf für den stabilen Tempelsitz und ich kann nur zur Rückkehr zur uralten Tradition raten, nämlich, daß jedes Gemeindemitglied für sich und seine weiblichen Personen Sitze für ständige Zeiten erwerbe. Immerhin stelle ich an den großen Leserkreis Ihres Blattes das Ansuchen, zu berichten, wie diesbezüglich in anderen modernen Gemeinden praktiziert wird? Für die Veröffentlichung dieser Zeilen bestens dankend^ zeichnet in Hochachtung M. E., Eger. Trebitsch. (Ehrung.) Am ersten Neujahrstage beging der Kultusbeamte unserer Gemeinde Jonas Dürrheim fein öwjähriges Dienstjubiläum. Diesen Anlaß benützte der Vorstand, um dem verdienstvollen Jubilar eine ehrende Ovation zu bereiten. Beim Muffafgottesdienste wurde er zur Thora gerufen und hieraus rezitierte Herr Oberkantor Wittmann einen der Feie/angepaßten Mischeberach. Nach beendetem Gottesdienste erschienen in der Wohnung des Jubilars zu dessen Beglückwünschung korporativ der Kultusvorstand mit dem Herrn Rabbiner, sowie die Vorstände der Tempelverwaltung und der Chewra Kadischa. Herr Präses Berchold Sub ak dankte dem Jubilar für fein langjähriges verdienstvolles Wirken namens des Ausschusses und überreichte ihm ein Ehrengeschenk. Hierauf schilderte Herr Rabbiner Dr. S t ö ß l e r in Worten, die auf die Anwesenden den üefsten Eindruck übten. die Verdienste des Jubilars, seine Beliebtheit in der Gemeinde ob seiner Hingabe und Pflichttreue in Ausübung seines Amtes und schloß mit dem Wunsche, daß es dem Jubilar vergönnt sein möge, in gleicher ungebrochener Kraft und Frische an der Seite seiner braven aufopfernden Gattin, mit der er in glücklichster Ehe lebt, und seiner wohlerzogenen Kinder noch viele Jahre zum Wohle unserer Gemeinde zu wirken. Tief gerührt dankte der Jubilar in schlichten Worten für . die ihm zuteil gewordene besondere Ehrung. Herrn Dürrheim und seiner Familie sind aus diesem Anlasse / von Nah und Fern zahlreiche Zeichen der Sympathien zugekommen. I. K. Oberkautor Fraeukel. Herr Redakteur! Sie würden sich durch die Aufnahme nachfolgender Zellen viele Mitglieder des polnischen Tempels zu Dank verpflichten. Obwohl diese glauben, daß die hohe Künstlerschaft ihres neuen Oberkantors sich selbst in Bälde den Weg über die eigene Gemeinde in die breite jüdische Oeffentlichkeit bahnen werde, möchten sie doch mit einigen Worten ihrer Dankbarkeit öffentlichen Ausdruck geben; für das große Erlebnis ihm danken, zu dem ihnen das Beten des Herrn Frünkel an den beiden Roschhaschonotagen wurde. In der großen Mehrheit^Laien, überlassen sie gerne sein technisches Können der fachlichen Würdigung. Die vom Fach mögen auch beurteilen, inwieweit Herr Fränkel dem stillen und lauten Weinen unserer Seelen, dem innigen' Gebete und der jubelnden Hoffnung auf Gebetserhörung künstlerisch^ vollendeten Ausdruck gegeben. Uns genügt die Feststellung, daß wir alle völlig im Banne seiner Kunst standen und die Unverwüstlichkeit und Unermüdlichkeit seiner Gesangskraft bewunderten. Seine liebliche Stimme entriß uns für Stunden allen Alltagssorgen und schien, begleitet von dem trefflichen Chor, zuweilen wie aus höheren, himmlischen Sphären zu kommen. Selbst jene unserer Mitglieder, die, in ständiger Verwechslung des Gotteshauses mit ihren Privatkonto^», — manche von ihnen trotz ihrer grauen Haare — sonst immer den traurigen Mut. besitzen, die Zeitung hervorzuholen und gemütlich zu lesen, dann die Tagespolitik, Wahlen und Kurse aufs gründlichste zu besprechen, auch sie nahmen, während Fränkel betete das Machsor zur Hand und „sagten mit". Selbst ihre Alltags- und Geschäftsseelen wandelten sich bei diesem Gesänge in feiertagsmäßige. In einer Zeit wirtschaftlichen und moralischen Zusammenbruches, da sogar mancher unserer berufenen religiösen geistigen Führer verkehrte Wege geht, tut uns eine so reife Künstlerschaft doppelt not. Sie verschönert unsere Feiertage und Samstage, die bei aller Goluth-Verstümmelung noch immer wie Blütenträume in unser armseliges Leben kommen und gehen. — Und nun ein persönliches Wort des Dankes; es möchte zugleich ein Mahnwort sein. Herr Fränkel sei auf der Hut vor aller vornehmen und unvornehmen Gönnerschaft, vor allem Lob und Beifall, selbst dann, wenn sie wie diesmal in einem wändeerzitternden Schekoach geäußert werden. Diese Erfrischungsgetränke kantoraler Ermüdung und Eitelkeit seien ihm vom Herren vergönnt, aber sie mögen nie das göttliche Feuer in ihm verlöschen und die echte hehre Kunst . v' . ,