Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 16 (6.10.1920)
- Date
- 1920-10-06
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Är. 16 Kie Wahrheit Oeite 15 noch zu begehender Greueltaten ausgesprochen werden soll. So weiß auA der Berichterstatter der «Freiheit", der> einzige von den deutschen Journalisten, der den letzten Krieg aus eigener Anschauung ein wenig kennt, bereits von erschütternden Einzelheiten zu berichten, die er zum Teil als Augenzeuge selbst miterlebt hat, und noch beunruhigender klingt das, was ihm'über die Vorgänge zu Ohren gekommen ist und er nur andeutungsweise vorerst streift. Aus den Zeitungen an der Grenze entnehmen wir unter anderem, daß eine Bombe auf die jüdische Synagoge in Soldau abgeworsen wurde. Andere Bomben platzten am nächsten Tage in der Nähe des Gotteshauses. In Chorzelle ist nach Meldungen des „Allensteiner Volksblattes" der größte Teil der hauptsächlich aus Juden bestehenden Bevölkerung von den Polen niedergemetzelt worden. Eine große Reihe von jungen Leuten wurde nach kurzem Prozeß standrechtlich erschossen. Nach einem Telegramm des Ministeriums für jüdische Angelegenheiten in Kowno an das Komitee der jüdischen Delegation in Paris haben die Polen aus ihrem , Rückzüge aus Wilna die jüdische Bevölkerung schonungslos-auSgeplündcrt. Noch schlimmer erging eS den Juden in Grodno, wo entsetzliche Pogrome stattfanden. In Wilna erwartet man mit Sehnsucht den Einzug der Litauer (der mzwischen erfolgt ist). Seit den oben erwähnten polnischen Greueltaten hat sich diese „edle Nation" wieder mit ähnlicher neuer Schmach bedeckt, ohne daß die großen Mächte es der Mühe wert gefunden, ihrer schönen Phrase vom Schutz der Minoritäten praktischen Inhalt zu geben. Die Reichspoft auf dem Kriegspfade. Zu dieser trefflichen Notiz in Nummer 15 Ihrer Zeitschrift wäre in Bezug auf Schopenhauer noch folgendes zu erwähnen: Dem Philosophen" des Pessimismus konnte allerdings der Optimismus des jüdischen Glaubensbekenntnisses sich nicht in sein Nirwanaparadies fügen und darum war er theoretisch . eiv Gegner der jüdischen Lehre,' aber kein Gegner der Juden. Insbesondere da Schopenhauer den Juden David Asher und den getauften Juden Julius Frauenstädt zu seinen Testamentsvollstreckern ernannte und dem Juden Dr. Martin Emden, mit dem ihn tägliche Freundschaft verband, die Abfassung seines Testamentes übertrug. Vielleicht liest die „R" einmal nach, was Schopenhauer über die deutsche Nation (Band IV, Seite 118) sagt, wo er es mit Wieland ein Unglück nennt, als ein Deutscher geboren zu sein. „DaS ist eine Nation, welche in politischen und finanziellen Angelegenheiten Mangel an wahrer Ehrenhaftigkeit bewiesen hat", wie er an anderer Stelle (Band IV, Seite 437) es ausspricht. Denn Judentum und deutsche Nation beurteilt er gleich unfreundlich, sie sind bei Schopenhauer „socii malorum". Ganz im Gegensatz zu Nietzsche, der da sagt: „Welche Wohltat ist ein Jude unter Deutschen! Wie viel Stumpfheit, wie flächsern der Kopf, wie blau das Auge; der Mangel an Esprit im Gesicht, Wort, Haltung". Die Wahrheit hinter diesen erbärmlichen ReichSpostmanüvern ist, daß der bedenkenlose Moniteur der Wiener Antisemiten die schmutzigen ungarischen Millionengeschäfte nicht aus der Welt schaffen kann und sie deshalb durch lügenhaften Schwefel vergessen machen möchte. Dr. O. H. Von Nah und Bern Die Ferienkolonie des Mkgem. festere, israel. Taubstummen - Institutein Stofecm. In der Germergaffe 48 des benachbarten Kurortes Baden ^steht eine stockhohe Villa, umgeben von einem schönen Garten. Bis zum 15. September verbrachten hier Zöglinge deS israelitischen Taubstummen-Jnstitutes Wien, 3. ihre Ferien, um neue Kräfte für daS kommende Schuljahr zu sammeln. 30 Kinder, Knaben und Mädchen, suchten und fanden hier Erholung und Kräftigung. Am Ende des verfioffenen Schuljahres trat an den Direktor des Institutedie Frage heran, was mit jenen Kindern in den Ferien geschehen soll, die kein Heim haben oder deren Heim wegen der Kriegsereigniffe nicht zu erreichen war. Und es fanden sich warme Herzen, die diesen armen Kindem ein Heim boten. Der Verein AgudasJfroel mit den Herren Oberrabbiner Siegmund Fürst, Kaffetier Sandor Adler und Herrn Ludwig Adler überließen daS für ein Waisenhaus bestimmte Gebäude zur Besitzung. Das American Joint Distribution Committee m Wien stellte Gels und Lebensmittel zur Verfügung und so konnten wir am 30. Juli froh und wohlgemut unser neues Heim beziehen. In Baden fanden wir zahlreiche Freunde und Wohltäter, die unseren Kindern ihren Aufenthalt in Baden angenehm machen wollten. Von diesen feien genannt die Herren Kaffetier Sandor Adler, Ingwer,Anavi, Bittner.Willenz. Letzter, Szmetana, Nausnitz, Wickler. Fra» Charlotte Neumann und Frau Antonie Lang. Ganz besonderen Dank verdienen ferner Herr Affenkraut, Obmann de- Bikur chaulim in Baden, und die Damen Frau Amalie Rappaport und Frau Mina Heller.' Die letztgenannten Gönner benähen sich noch eifrigst um Werbung neuer Mitglieder für das israelitischen Taubstummen-Jnstitut, das in dieser furchtbaren Zeit um seine Existenz schwer kämpfen muß und das wohl der Unterstützung feitender ganzen Judenschaft würdig ist. Der Gesundheitszustand war während des achtwöchentlichen Aufenthaltes ein guter. Wir mußten ärztliche Hilfe, die uns Herr Dr. Lackenbacher in selbstloser Weise leistete, wofür wir ihm herzlichst danken, nur zweimal in Anspruch nehmen. An den Neujahrsfeiertagen warm die Kinder Gäste in einigen Flüchtlingsfamilien. die sie in vorzüglicher Weife bewirteten. Es obliegt mir noch die Pflicht, den Kultusvorständen Badens für die Versorgung der Kinder in den ersten Tagen nach unserer Ankunft in der Mittelstandsküche den besten Dank, auszudrücken. Ich kann ihnen nur sagen, daß sie ihre Wohltat nicht au Unwürdige verschwendet haben. Ihr gutes Werk wird in den Herzen der Kinder das Gefühl der Dankbarkeit anSlösen und Gottes Segen auf sie herabflehen. Maximilian Weißen au er, Leiter der Ferienkolonie. Der stabile Tempelfitz. Sehr geehrter Herr Redakteur! In unserer Kultusgemeinde war seit ihrem neuen Bestände Brauch,, in gewissen Zeitabständen die