Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 16 (6.10.1920)
- Date
- 1920-10-06
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Gerte 12 Nr. 16 Die Wahrheit Die Herren Hofrat Rappaport und Guido" Fuchsgelb, denen man kein besonderes hebräisches Wissen und keine allzu konservative Gesinnung nachrühmt, haben es herausgefunden, daß hier eine Uebertretung des Religionsgeseßes vorliege, — und Herr Dr. Werner, rin Kenner deS Religionsgesetzes, weißdies nicht? Ast eS nicht unerhört, daß das Plenum des Döblinger Tempelvorstandes mein Anerbieten, dasMaterial vorzulegen, einfach ignoriert hat und ein Urteil fällte! War es nicht Ehrenpflicht des Vereinsobmannes, eine gründliche Untersuchung der Angelegenheit und Anhörung des Klägers zu verlangen, nicht ab-er alS Pflästerchen sich ein Vertrauensvotum geben zu lassen? Ist es nicht Pflicht eines Vereinsobmannes, den ein Vereinsmitglied öffentlich anklagt und dessen Rücktritt gefordert wird, seine Ehrenstelle zumindest bis zur Klärung, der Angelegenheit niederzulegen? Ist es nicht seine Pflicht, in einem solchen Falle, der Tempelgemeinde Rede und Antwort zu stehey, wie es der Ankläger verlangt hat? " Das Vorgehen dieses Vereinsobmannes kann nur aus krankhaftem Ehrgeiz und beleidigender Unterschätzung der Gemeinde erklärt, aber nicht entschuldigt^ werden. ■ Nein! Ich und, wie ich hoffen will, viele aufrechte. Vereinsmitgliedcr, die wir uns bisher um die Gebarung des Vorstandes leider nicht sonderlich viel gekümmert haben, werden uns nunmehr bemühen, dieser Selbstherrschaft, spät, aber doch, ein Ende zu bereiten. Zum Schluß nych eine kleine Frage: Existiert in Wien noch die Institution eines Rabbi nates? Amtieren die Herren Rabbiner Dr. ChajeS, Mayersohn und Kramer nicht mehr als Mitglieder des Rabbinatcs oder hat sie meine rekommandiert eingesendete Eingabe nicht erreicht? 'Oder erscheint ihnen die Angelegenheit so unbedeutend, um sich mit ihr zu befassen, oder haben sich etwa Stimmen von. außen auch hinter den Mauern dieser ehrwürdigen Institution Eingang and Einfluß zu verschaffen gewußt! Fürwahr! Wenn man die berufenen Vertreter des Judentums derart handeln sieht — muß man am Judentume irre werden! Josef Brüll, Direktor, 9. Liechtensteinstraße 134. „Drei Ringe" und der Besitz . Palästinas. Die herrliche Parabel von den drei Ringen, die wir in Leflings „Nathan" bewundern, hat allem Anscheine nach, wie dies bereits von mehreren Seiten festgestellt worden ist, eine Fabel in der Gesta Romanorum zur Quelle. Die Fabel lautet hier in Kürze wie folgt: Ein Ritter hat drei Söhne. Vor seinem Sterben hinterläßt er dem einen seine Besitzungen, dem zweiten seine Schätze, dem dritten einen Ring, der durch seine Fähigkeiten bei weitem dasjenige übertrifft, was den beiden andern vermacht wurde. Den beiden andern hatte übrigens der sterbende Vater ebenfalls je einen Ring gegeben, der jenem in der Form, nicht aber in den Fähigkeiten glich. Der Vater stirbt und nun behauptet jeder "8er drei Söhne, im Besitze des echten Ringes zu sein. Die Probe soll es entscheiden. Man führt Kranke herbei; zwei der Ringe bewirken nichts, der echte Ring heilt sie. — Soweit die allbekannte Fabel. Doch der Verfasser der Gesta Rymanorum (---- Taten der Römer), das bekanntlich ein moralisierendes Werk ist, fügt auch noch die „Moral" der Sache, eine Belehrung bei: Der Ritter ist Jesus Christus (er hätte sagen sollen: der Rittet ist Gott), der drei Söhne hat: die Juden, die Sarazenen und die Christen. Den Juden gab er das gelobte Land, den Sarazenen die Schätze dieser Welt (will sagen: die Macht und den Reichtum), den Christen einen kostbaren Ring, das ist: den Glauben, durch den sie heilen können, alle Krankheiten und Kümmernisse der Seele. Kein Geringerer als der.berühmte Folklore- Forscher G a st o n Paris hat dieser Nutzanwendung den Sinn gegeben, daß der christliche Verfasser meint, man habe den Juden das. verheißene Land zurückzugeben und den Mohammedanern ihre Schätze zu lassen; den Christen genüge der Glaube allein. Die Gesta Romanorum, eine berühmte.Fabelsammlung, die wohl in England verfaßt, aber doch dem ganzen Christentum eine Quellender Belehrung und der Unterhaltung" wurde, atmet hier einen merkwürdig frommen und friedfertigen Geist. Man stand in her Zeit nach den Kreuzzügen (Ende des 13. oder Anfang des 14. Jahr-. Hunderts) und man hat eingesehen, daß alle Bemühungen der gesamten Christenheit, das gelobte Land Lus der Hand der Mohammedaner zu erobern, vergeblich seien und fehlschlagen müssen. In jener von der Theologie beherrschten Zeit mußten sich die Christen sagen, daß Palästina den Christen genommen werde, weil es Gottes Wille sei, jene, die Sarazenen, in der