Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 16 (6.10.1920)
- Date
- 1920-10-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 16 Die Wahrheit seitmir einreden wollen, ich hätte Ihnen gesagt, rch verreise aus 14 Tage usw., was der Tatsache nicht entspricht, muß ich Ihnen leider erklären, daß Ihre Antwort, die sie mir, einem Mitgliede des Döblinger Tempelvereines, telephonisch zu geben beliebten, den primitivsten Anforderungen des Anstands geradezu Hohn sprach. Ich habe bis heute darauf gewartet, daß Sie mir die Aufklärung, die Sie mir telephonisch verweigerten, schriftlich erteilen werden. Sie haben es nicht getan. Warum? Die Antwort auf diese Frage konnte ich mir erst dann geben, als mich Herr Vorsteher Jakob Weigel über den ganzen Vorfall genau informierte und mir erzählte, daß Sie ihm, nachdem Ihnen die im Döblinger Tempel vereitelte Absicht im Währing« Gotteshause. gelungen war, frohlockend zuriefen: «Scheu Sie, was in Döbling nicht möglich war, ist in Währing möglich gewesen!" Sie wissen selbst, daß Sie der Hauptschuldige bei dieser Thora- Entweihung waren. Sie glaubten. allerdings, daß diese Untat gcheim bleiben werde. Sie sagten ja auch dem Herrn Weigel, wie er mir mitteilte, er möge es nicht weitererzählen. Aber Herr.Weigel tat gut daran, sich nicht zum Mitschuldigen zu machen und so ist es heute Stadtgespräch. Jeder Jude, der davon hört, ist empört und verurtellt Ihr Vorgehen aufs schärfste. In unserer Döblinger Gemeinde herrscht gegen Sie eine ungeteilt erbitterte Stimmung, welche nur dadurch und dann beschwichtigt werden könnte, wenn wir hören, daß Sie nicht mehr Obmann der Tempelgemeinde sind. Um dies herbeizuführen, richte ich gleichzeitig an den Vorstand unseres Vereines eine Eingabe, in der ich als langjähriges Mitglied der Döblinger Gemeinde als öffentlicher Ankläger gegen Sie austrete. Als Jude will ich Ihnen und dem Vorstande weitere Unannehmlichkeiten ersparen und erwarte von Ihnen, daß Sie, ohne das Urteil abzuwarten, welches ja doch nicht anders als für Sie beschämend ausfallen muß, — schon jetzt Ihr Ehrenamt niederlegen werden . . . . . . P. S. Da die Angelegenheit nunmehr sowohl beim Rabbinate und der Kultusgemeinde, als auch beim Vorstande des Döblinger Tempelvereines, Gegenstand der Untersuchung ist, bin" ich leider, nicht in der Lage, Ihrem Wunsche nach einer persönlichen Aussprache zu entsprechen. * ■ * . Meine Eingabe a« den Vorstand des Döblinger Tempelvereines vom SS. Angust 1920. Ich habe vor einiger Zeit durch einen Zufall auf der Elektrischen von einer Skandalgeschichte gehört. welche von dem Obmanne unseres Vereines, Herrn Moritz Müllerinszeniert wurde. Ueber seine Veranlassung ist unsere Thora entweiht und die Juden, die an die Thora glauben, sind beleidigt worden. . Nachdem ihm der Herr Rabbiner Dr. Frankfurter und Herr Vorsteher Jakob Weigel.es unmöglich machten, den nichtjüdischen Sohn des Herrn Lederer in Döbling zur Thora rufen zu lassen, hat Herr Müllerwie mir dies Herr Weigel mitgeteilt hat, beim Herrn Rabbiner Dr. Feuchtwang es durchgesetzt, daß in Währing ein feierlicher Gottesdienst mit Predigt abgehalten, daß der Mchtjude Lederer als Maphtir ausgerusen wurde. Wiewohl Herr Moritz Müller als Obmann unseres Tempelvereines ein schriftliches Gutachten unseres Rabbiners, des Herrn Dr. Frankfurter, in Händen hatte, daß dies unstatthaft sei, und wiewohl ihm der Vorsteher Herr Jakob Weigel ausdrücklich sagte, daß auch andere Rabbiner der gleichen Ansicht seien und daß er als Vorsteher selbst mjt Brachialgewalt diese Beleidigung der Thora verhindern werde, hat es gewagt, mit Achselzucken darüber hinwegzugehen, dem Gottesdienste in Währing demonstrativ beizuwohnen, ja noch mehr, nach vollbrachter Tat sagte er frohlockend zu Herrn Weigel, was mir dieser persönlich mitteilte: „Sehen Sie, was in Döbling nicht möglich war, war in Währing möglich!" So ungeheuerlich und unglaublich diese Anschuldigung klingen mag, — ich habe schriftliche Beweise hiefür in Händen und bin jederzeit bereit, dieselben dem Vorstande auf Verlangen zur Einsichtnahme vorzulegen. . Gegen Herrn Rabbiner Dr. Feuchtwang, der sich durch die Machenschaften des Herrn Müller zu diesem Schritte verleiten ließ, ist bereits die Untersuchung seitens seiner Vorgesetzten Behörden, dem Rabbinate und der Kultus gemeinde, im Zuge. Das Forum, dem Herr Müller als Obmann unseres Vereines verantwortlich ist und Rede Und Antwort stehen muß, ist der Döblinger Vorstand und die Döblinger Gemeinde. Aber wo kein Kläger, dort ist auch kein Richter! ' ~ Darum erhebe ich, als Mitglied des Döblinger Tempels, ^gegen den Herrn Moritz Müller die Anklage der bewußten Verletzung der Thora und Beleidigung des Judentums und verlange, daß Sie, meine Herren, die Sie ja auch von mir zu Vorstehern der Gemeinde gewählt wurden, ungesäumt dem Herrn Müller die schärfste Mißbilligung aussprechen und das Urteil, welches jeder Jude, der von dieser nicht mehr in Abrede zu stellenden Untat erfährt, darüber fällt, auch Ihrerseits — da es nun einmal gar nicht anders