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Die Wahrheit · 1920-10-06 · Heft 16 (6.10.1920) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1920
Issue
Heft 16 (6.10.1920)
Date
1920-10-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 g. —inniniwi > i i t Die W ahrheit , Nr. 16 gauda für den Zionismus oder für den jüdischen Rationalismus betreiben heißt, für diese Idee durch Lehre und Beispiel zu wirken. Warum tun dies die Herren Jüdischnationalen nicht in der Kultusgemeinde? Warum wollen sie hier nur Zustimmung erzwingen? Die Richtjüdischnationalen konnten die erste Vize* prafideulenstelle nicht opfern. Sie sind mit den drei Orthodoxen zusammen 23 Mandatare, also,. da das dreizehnte Mandat der Jüdischnationalen nach unserer Meinung ihnen mit Unrecht zusteht, 'zwei Drittel des Kultusvorstandes. Es gebühren also den Nichtjüdischuatioualen auch zwei Drittel der Präsidialstellen, demnach zwei Präsidenten. Unser verehrter Herr Präsident Professor Dr. Pick ist ein homo novus, in den Geschäften noch unerfahren. Wir können ihm doch nicht einen ganz jungen und ebenso unerfahrenen Herren wie den beredten Herrn Dr. Friedmann zur Seite stellen. Was gäbe das für Geschäftsführung, jetzt, wo die Kultusgemeinde größter uud sorgfältigster Arbeit und des eingehendsten Fleißes und der gründlichsten Vertiefung bedarf? Da mußte ein Mann der Praxis, der Geschäftserfahrung, den infolge seiner Anlage und seiner Studien mathematische Exaktheit und sachlichstes Denken auszeichnen, der schon im Kultusvorstand gewesen ist, genommen werden, um die schwere Arbeit der Wiederausrichtung der KultuSgemeinde zu leiten, eben unser Herr Baurat Klempner. Und zwar mußte dieser als leitende Kraft an zweiter Stelle fein. Hätten das die Herren Jüdischnationalen nicht selbst überlegen und erwägen müssen, wenn sie objektiv gedacht hätten? Die Nichtjüdischnationalen verkündeten durch ihre Präsidenten, daß sie Arbeit in der Kultusstube verrichten wollen, ihre Mandatare im Vertreterkollegium find durchaus Männer der Arbeit, schwerer beruflicher Arbeit, die nur in den Kulturvorstand eintraten, um für jüdische Interessen mit Eifer und ganzer Hingabe zu arbeiten, sie nahmen die erprobten alten Vertreter Dr. Engel und Hofrat Dr. Rappaport in das Vertreterkoüegium, um durch sie die Kontinuität - der Arbeit in der Kultusgemeinde zu deklarieren. Und die Nichtjüdischnationalen «erden als Arbeitspartei sich nur von objektivsten Erwägungen leiten lassen, alle Anregungen, Anträge uud Forderungen der Jüdischnationalen gerecht und wohlwollendst prüfen und erledigen. Was für die Juden Wiens, die doch wohl auch zum Volke der Juden gehören und für die wir zuvorderst zu sorgen haben, gut ist, was unserer Mission al« Juden zum Wähle gereicht, werden die Kultusvorstände tun. Sie werden nicht nach dem Namen und der Färbung des Anregers, Antragstellers und Referenten fragen. Ihnen gilt nur das Wort : Gut jüdisch allerwege! Direktor Dr. S. Krenberger.. Zur Wahl am 17. Gktober. Bon Gemeinderat Dr. Rudolf Schwarz-Hiller, Listen-- führer der Demokratischen Partei im 2., 20. und 21. Bezirk. Die maßgebenste, wichtigste und aktuellste Frage für die österreichische Judenschaft auf innerpolitischem Gebiete ist die Frage, ob „Minoritätsrechte" der „Gleichberechtigung", ob „Sonderstellung" der „Gleichstellung" mit den anderen Staatsbürgern vorzuziehen sei. Da die Juden in dem nunmehr national einheitlich gegliederten Oesterreich eine sehr geringfügige Minorität ausmachen — weit geringer als W tschechische Minorität — dürsten doch unter den rund 6 7* Millionen Einwohnern Oesterreichs, nach den neuesten Schätzungen kaum 180.000 österreichische Juden vorhanden sein (also rund 27^ Prozent), werden auch gesetzlich zugebilligte Minoritätsrechte ebenso wie die staatsgrundgesetzlich zuerkannte Gleichberechtigung praktisch nur dann Sinn und Zweck haben, wenn der Sinn für Rechtsgleichheit in der österreichischen Bevölkerung entsprechend vorhanden, herangebildet oder erkämpft wird. Auch die Entente, die nunmehr ihre Zwecke voll und ganz erreicht hat, für welche sie die Juden durch lockende Versprechungen zu gewinnen versucht hat, wird den Juden weder ÄlinoritätSrechte noch Gleichberechtigung dauernd sichern können und wollen. Die „Entente-Juden" werden gär bald durch den kühlen, nüchternen Rationalismus schwer enttäuscht werden, welchen ihre Schutzmächte dann bezeigen werden, wenn ihnen die Wünsche des „internationalen Judentumes" lästig geworden sein werden, wenn sie auf dieses Judentum keine Rücksichten mehr zu nehmen für notwendig befinden werden. Schon heute' erkennt es die Entente für ihre Interessen viel wichtiger und bedeutungsvoller, sich die Freundschaft von Polen und Ungarn zu sichern, als in diesen Ländern grauenvolle Judenmorde und Judenmißhandlungen zu verhindern. Und die Entente hätte sicher die Macht, in Ungarn wie in Polen die entsetzlichen, unfaßbaren Schrecknisse mit einem Schlage zu beseitigen, wenn sie ein ernstliches Interesse daran hätte, wenn sie es wirklich wollte. An dieser traurigen Tatsache können auch die schönsten Deklarationen idealer Menschenfreunde oder zielbewußter kühler Politiker bei den großen Weststaaten nichts ändern. Die Judenfrage ist eben für die Entente nichts anderes als ein einziges politisches Kalkül unter vielen tausenden anderer, ein Kalkül, das in Rechnung gezogen wird, wenn es notwendig und nützlich ist, das aber mit Gemütsruhe übersehen und nicht beachtet wird, wenn die Rechnung der großen'politischen Schachspieler ohne Rücksichtnahme auf die Juden stimmt. Nachdem es nun zweifellos feststeht, daß Minoritätsrechte wie Gleichberechtigung, nur

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