Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 16 (6.10.1920)
- Date
- 1920-10-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette i Nr. 16 Die Äa theoretische Bedeutung haben, wenn sie nicht in dem betreffenden Staate, also auch bei uns in Oesterreich, beim Volke wie bei seiner Regierung Geltung erringen, da auf auswärtige Hilfe nicht gerechnet werden darf, und es übrigens ein ganz unmögliches Staatsbürgertum wäre, immer über die Grenze zu schielen, bleibt noch zu untersuchen übrig, welches der beiden theoretischen Rechte, „Minoritätsrechte" oder „Gleichberechtigung" in einer staatsgrundgesetzlichen Festlegung vorzuziehen wäre. Hier bedarf es wohl keiner langen Ueberlegung. Gleichberechtigung ist das Höhere, Umfassendere; Minoritätsrechte stellen ein Minus dar und können bei einer weiteren Entwicklung zu einem numerus clausus führen, dessen Folgen für die Juden in Oesterreich geradezu unübersehbare wären. Und gerade diese schöne Aussicht auf den numerus clausus auf allen Gebieten veranlaßt ja die vereinten Judenhaffer in Oesterreich wie in Ungarn, jüdische Absonderungsbestrebungen lebhaftest zu begrüßen und zu fördern. Möge dieser Umstand schon allein als Warnung dienen. Die Juden in Oesterreich haben daher auf innerpolitischem Gebiete dem Rate eines ihrer großen Führer zu folgen, für das Wohl der Stadt und des Staates * in dem sie leben, zu beten und zu arbeiten, denn in dem Wohle der Stadt und des Staates ist auch ihr eigenes eingeschloffen. Dies möge die Tatsache erklären, daß der überwiegende Teil der österreichischen Judenschast auf dem demokratischen Programm der Gleichberechtigung und nicht auf dem Programm der Absonderung durch Erwerbung von Minoritätsrechten steht. Diese Stellungnahme auf innerpolitischem Gebiete kann selbstverständlich auf die Arbeit in den zahlreichen anderen, das Judentum tief berührenden Angelege.cheiten, wie die Wiedererrichtung der Gemeinschaft in Erez Jisroel, wie weiters jüdische ErziehungS- und Kulturfragen, in keiner Weise berühren. In Oesterreich aber wollen , wir politisch nur ein Glied der Gesamtheit, kein Fremdkörper sein, und insbesondere wollen wir uns nicht selbst zu einem solchen gestalten. Das Waisenkind. (Aus vergilbten Blättern.) Bon Dr. Ad. Jellinek. .Fröhlich sollst dü sein an deinem Feste, du, dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, der Levit, der Fremdling, die Waise und die Witwe, die in deinen Toren sind." Deut. 16,14. Traurig ist das Los des Waisenkinds, das des Vaters oder der Mutter oder beider zugleich beraubt ist, ohne Unterschied der Abkunft, des Standes, Ranges hrheit und Vermögens. Denn was auf Erden vermöchte die mütterliche Zärtlichkeit und die väterliche Liede zu ersetzen? Mutterherz! Wer kennt deine Geheimnisse, wer ergründet deine Tiefen, wer berechnet deine Schätze, wer besiegt deine Treue, Ausdauer und Aufopferung? Bist du doch das Allerheiligste in dem Tempel der Schöpfung, die Bundestafeln mit einer unauslöschliche« Gottesschrift, der Altar, von welchem die Flamme» der edelsten Gefühle emporlodern! Mutterauge! Was gleicht deinem reinen Silberblicke, wenn er voll Seligkeit auf dem Säugling ruht, wer erreicht deine Schärfe, deine Vor- und Fernsicht, wenn es sich um das Wohl und Gedeihen des Kinder handelt 5 Mutterwort! War klingt so süß wie dein Zauberton, was dringt so tief in daS kindliche Gemüt wie deine liebreiche Mahnungwas beruhigt, besänftigt und beschwichtigt, was spornt an, erfreut und entzückt wie dein Ausdruck der Zufriedenheit! Mutterhand! Welche Macht ruht in dir, wenn du den Finger drohend erhebst, oder wen» du liebkosend über die Wangen des Kindes einhergleitest! Durch deinen Tod, o Mutter, geht dem Kinde, und wäre es in Purpur geboren, eine Wett unter, die nicht wieder aufgebaut werden, bleibt ein ewiges Suchen und Sehnen im Herzen zurück, taf kein anderes Wesen auf Erden befriedigen kann! Und nun erst, wenn neben dem Sarge, welcher die gebrochenen Bundestafeln deS Mutterherzens eiufchließt, sich ein zweites Grab öffnet, um die sterblichen Reste des Vaters in sich aufzunehmen,, wenn Sonne und Mond am Lebenshimmel deS Kindes untergegangen sind, wenn der leuchtende Mittelpunkt fehlt, der die kleinen Lichter anzieht und ihre Laufbahn bestimmt! Als der Prophet der Klage, deffen Lippen von Trauergesängen überströmen, deffen Auge ein rieselnder Tränenquell und deffen Phantasie von den Schatten der Verwüstung uwwölkt ist, als der Prophet Jeremia das schreckliche Los seines Volkemit wenig Wdrten schildern und Gottes Barmherzigkeit erwecken will, so ruft er aus: Wir, ein ganzes Volk, wir gleichen in unserem Elende Waisenkindern, welche nach ihrem Vater suchen; kannst du, o Gott, einem verwaiste« Volke dein Erbarmen versagen? Und vollends wenn in Folge de- TodeS von Vater und Mutter, Armut und Hüstofigkett eintrete», -wenn das wachsame Mutterauge gebrochen, der schaffende Arm' des BaterS erstarrt, oder wen» der Mutter der Ernährer,- dem Vater die Pflegerin der Kinder entrissen, worden ist? (Schluß folgt.)