Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 15 (10.9.1920)
- Date
- 1920-09-10
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063928-3063942--11008-3078388- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 12 Die Wahrheit Nr. 15 [ Wahrheiten vom TagrH - FML. Lukachich Aber die jüdischen Soldaten. Aus dem Anlässe, daß der ungarische Landes-Wehrverein (Möve) der Nationalversammlung eine Petition betreffend die Ausschließung jüdischer Offiziere aus der Nationalarmee unterbreitet hat, holte das jüdische Wochenblatt „Egyenlüseg" die Meinung des FML. Baron Geza Lukachich über die Haltung der jüdischen Soldaten im Kriege ein. FML. Lukachich richtete unter dem 11. August folgendes Schreiben an die Redaktion: „Geehrter Herr Redakteur! Sie haben von mir eine Aeußerung darüber verlangt, wie sich die Offiziere unh Mannschaften jüdischer Konfession auf den Schlachtfeldern benommen haben. Im Felde draußen haben wir uns nicht darum gekümmert, welcher Konfeffion jemand angehört; wir forderten von jedermann gleichmäßig die Erfüllung seiner Pflichten und beobachteten nicht gesondert die Haltung der Angehörigen der jüdischen Konfeffion. Ich könnte bei bei bestem Willen nicht sagen, wie viele Juden unter meinen Soldaten waren. Das aber weiß ich und kann ich mit Bestimmtheit behaupten, daß ich niemals Klagen über ihr minder mutiges oder minder pflichtbewußtes Betragen gehört habe. Vor dem Feinde kannten wir nur ungarische Soldaten und die waren bis auf den letzten Mann tapfer". — Die treue Pflichterfüllung der Juden auf den Schlachtfeldern ist eine auch ohne Herrn Lukachich altbekannte Wahrheit. Um so beklagenswerter ist es, daß im heutigen Ungarn diese Tugend so übel gelohnt wird. Die Reichspost auf dem Kriegspfade. Die bevorstehenden Wahlen in die Nationalversammlung werfen bereits ihre schwärzesten Schalten voraus. Das Hauptorgan der Wiener Christlichsozialen brachte am Mittwoch, den 1. September, im Plakatstil und mit den» an die Gurgel springenden Titel „Tod und Verderben den Antisemiten" eine ganze Jnseratenseite, um den Beweis zu führen, daß die Judenhetzer sich in der besten klastischen Gesellschaft aller Zeiten befinden. Es werden zu diesem Zwecke Zitate von Herder, Maria Theresia, Friedrich der Große, Voltaire, Luther, Kant, Goethe, Napoleon, Fichte, Moltke, Bismarck, Schopenhauer, Richard Wagner, dem ehemaligen österreichischen Minister Schäffle, Franz von Liszt und Heinrich von Treitschke ins Treffen geführt. Es bleibt dahingestellt, ob die von der „R" namhaft gemachten Autoritäten wirklich jene Aussprüche getan haben, die von ihr zitiert werden. Denn die „R" unterläßt jede weitere Quellenangabe und bei ihrer bekannten Lügenhaftigkeit bleibt es dahin gestellt, ob diese Aeußerungen auch wirklich jemals gefallen sind. Aber abgesehen von alledem hat das Hetzblatt eine äußerst unglückliche Hand in der Auswahl seiner Gewährsmänner bewiesen. Was Herder betrifft, so kann man in seiner „Geschichte zur Philosophie der Menschheit und den Geist der hebräischen Poesie" sehr vieles Nachlesen, was zum Lobe und zugunsten der Juden spricht. Wenn Maria Theresia wirklich geäußert haben sollte, sie kenne keine ärgere Pest für den Staat als die Juden, so dürfen wir, nicht vergessen, daß diese Herrscherin stets in einer jesuitischen Atmosphäre lebte. Geradezu unsinnig ist es, sich auf Voltaire zu berufen, jenen großen Zyniker, auf den Schillers Wort gemünzt war: „Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen und das Erhabne in den Staub zu ziehen!" Hat Voltaire die Juden gehaßt, so ist es literaturhistorisch sestgestellt, daß er auch das Christentum und seinen Begründer mit einem wahrhaft krankhaften Haffe verfolgte und seine fanatische Losung: Lcrasrer l'inkame läßt ihn für jeden Bekenner des Evangeliums als einen ewigen Höllenbraten erscheinen. Friedrich der Große, ganz vom Geiste Voltaires erfüllt, konnte kein Judenhaffer sein, denn von ihm stammt ja bekanntlich der zum geflügelten Wort gewordene Ausspruch: „In Meinem Staate kann jeder nach seiner Fasson selig werden!" Luther war allerdings ein Judenfeind, aber erst in seinen späteren Lebensjahren, als er die Enttäuschung erlebte, daß sich die Juden nach seiner Bibelübersetzung nicht zum Christentums bekehren wollten. Von Napoleon dem Großen scheint es gänzlich ausgeschlossen, daß er jemals antisemitische Gesinnungen hegte, da er ein Kind der großen Revolution war, die zuerst auf dem ganzen Erdenrund die Menschenrechte und die Emanzipation der Juden proklamierte. Was Bismarck betrifft, so kann er allerdings als der Begründer des deutschen Antisemitismus betrachtet werden, aber das geschah nicht aus seiner Weltanschauung heraus, sondern weil ihm der jüdische Abgeordnete Lasker in seiner reaktionären Junkerpolitik parlamentarisch Opposition machte. Uebrigens vergessen wir nicht, daß BiSmark, der Vater des Kulturkampfes, auch den Katholiken des Deutschen Reiches heftig zusetzte und mit Rom in einem jahrelangen Kampfe lebte.DieBerufung aufSchopenhauer ist ebenso hinfällig, denn dieser bärbeißigste und eitelste aller deutschen Philosophen, der keine anderen Götter neben sich dulden wollte, verflieg sich sogar zu einem schmachvollen Anwurf gegen Spinoza. Schopenhauer, der selbst keine Ethik hatte, bezichtigte Spinoza, den Verfasser der Ethik, des Fator judaiecus. Der berühmte Richard Wagner war ein trockener Geschäftsantisemit, weil er die Konkurrenz Mayerbeers und Halevys nicht vertragen konnte. Das hinderte ihn aber nicht, daß er den Juden Kapellmeister Levy zum spiritu8 rector seiner Bayreuther Festspiele machte. Ueber Albert Schäffle, den aus Schwabenland importierten Minister, ist kein Wort zu verlieren, denn von ihm ging in Wien der Epottreim: „Schäffle, Mann der Pfäffle". Was Treitschke betrifft, so weiß ja alle Welt, daß er den Antisemitismus als ein lohnendes Gewerbe erkoren hat. Wenn wir diese Gallerie wirklicher und Pseudo-Größen in der „R" betrachten, so müssen wir an den Ausspruch des großen Richelieu denken: „Gebt mir von einem Manne zwei Zeilen und ich bringe ihn in die Bastille!" Hier kommen aber die großen Männer in noch etwas schlimmeres, nämlich in den Pfuhl der „R"» Als Gegenbeweis für die Notwendigkeit des Antisemitismus wird die Schädlichkeit der Juden durch Anführung der Namen Adler, Kohn, Liebknecht, Trotzki und Bauer bewiesen. mm üttüüiiBiMfiiia