Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 15 (10.9.1920)
- Date
- 1920-09-10
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Die Wahrheit Seite 11 Nr. 15 Jedenfalls wird die Verwaltung, welche die ausgesprochen judenfeindlichen Parteien einsetzen würden, den Juden wirtschaftlich und kulturell, insbesondere dem besitzenden Juden, schaden. Es folgt daraus, daß wir Juden auch aus diesen Erwägungen heraus die Sozialdemokraten unterstützen sollten. Aber die Hauptgegnerschaft der Sozialdemokraten ist der Besitz, das Kapital, und der Jude ist zu einem großen Teil in den Ländern des Galuth Geschäftsmann, wirtschaftlicher Faktor, Besitzer von Kapital geworden. Es scheint also, daß die Grundsätze der Sozialdemokratie jenen Juden bedrohen, der als Kaufmann, Fabrikant, Gutsbesitzer Besitz hat, Kapital erwirbt und anhäuft. Die Bekämpfung und Vernichtung des Besitzes und Kapitals scheint am meisten die Juden zu bedrohen. Solchen Schaden und solche Gefahren bringen weder die Christlichsozialen noch die Großdeutschen, die doch selbst erwerbende Grundbesitzer, Gutsherren, Kaufleute und Industrielle sind, also das Kapital und den Besitz grundsätzlich schonen und erhalten müssen und hiebei nur den Juden als Nebenbuhler treffen wollten. Wirtschaftliche Interessen, die Grundlagen der Existenz, ohne welche keine geistige Arbeit besteht, zwingen also die Juden ins Lager der Gegner der Sozialdemokratie und lassen sie diese als größeren Feind ansehen als die Christlichsozialen und die Großdeutschen. Dieser Gedankengang des jüdischen Mittelstandes und der jüdischen Industriellen, Finanzleute und Gutsherrn ist leider viel verbreitet und hat tiefe Wurzeln gefaßt, so daß daraus die Befürchtung entsteht, daß diese Angehörigen der Judenschaft für ihre ältesten und zähesten Gegner die Stimme abgeben werden, weil sie durch die Herrschaft der Sozialdemokratie Enteignung und Verminderung ihres Besitzes und ihrer Macht fürchten. Der Bolschewismus als Verkünder der Marx'schen Lehren vom Kommunismus, das heißt als politische Macht mit der Grundlage des „kommunistischen Manifests" von Marx, und was man durch den Bolschewismus gehört und gesehen, ist hauptsächlich die Triebfeder für diese Stellung der Juden. Sie ist 'sehr begreiflich, darf aber nicht politisch die Oberhand gewinnen, solange wir nicht einen besseren Weg finden, der den Juden die Möglichkeit gibt, polititisch, rechtlich und wirtschaftlich weiter zu gedeihen. Dieser Weg wäre der Anschluß an eine Partei, die kräftig und befähigt wäre, diese mehrfach schon gezeichneten Jntereffen der Juden zu vertreten, sie vor Schädigung zu bewahren und jeden Angriff aufzuhalten. Eine solche Partei mit den Grundsätzen des alten Liberalismus: „Freie Entwicklung im freien Staate" gibt es aber nicht, ist auch nicht von ferne sichtbar und müßte erst geschaffen werden. — Und das wäre auch notwendig. — Der Zusammenschluß der Wiener Juden zu einer Partei des sozialen Fortschritts, der ungehemmten wirtschaftlichen und politischen Entwicklung soll in die Wege geleitet, betrieben und durchsetzt werden. Sie wird keine Erfolge haben, so wird man uns erwidern. Sicher wird sie keine Majorität erreichen, aber beim Proportionalwahlrecht wird sie imstande sein, doch 2 bis 3 Vertreter in die Nationalversammlung zu bringen und, falls diese Männer geistig auf hoher Stufe stehen, können sie manches Unrecht verhüten und vor allem den Kristallisationspunkt der Entwicklung bilden, die dahin geht, daß auch in der Sozialdemokratie die Entwicklung an die Stelle der Revolution treten und somit ein ruhiger Ausgleich zwischen Arbeit und Kapital eintreten wird, wie sie schon die Revisionisten des Marxismus anstreben, und daß diese bürgerlich-sozialen Vertreter jene neuen Ideen zu realisieren streben, die in Deutschland jetzt Wurzel faffen und folgendes Programm haben: 1. Arbeit ist allgemeine Pflicht und Inhalt des Lebens. 2. Die Menschen sollen lernen, sich nach ihren Leistungen, nicht nach ihrem Besitze zu unterscheiden. Es soll also 3. an die Stelle des überall schon entarteten Parlamentarismus eine Vertretung des Volkes treten, das genau dessen soziale Schichtung widerspiegelt, die der Mikrokosmos des Staates ist. Vor allem kulturelle und wirtschaftliche Tendenzen in der Leitung des Staates und aus ihnen sollen die politischen Richtlinien entspringen. Also: Keine Stimme der Juden den notorischen Hassern, den Christlichsozialen und Großdeutschen, aber auch keine den Sozialdemokraten wegen ihrer prinzipiellen Feindschaft gegen den Besitz. Wohl aber soll eine sozialbürgerliche oder bürgerlichsoziale Partei entstehen mit einem Programme, das freie Entwicklung im freien Staate verheißt und vor politischen Absichten wirtschaftliche und kulturelle setzt. Das soll Aufgabe und Arbeit aller Wiener Juden sein. Indem wir glauben, daß Dr. Rudolf Schwarz-Hiller kräftig und geeignet ist, diese Grundsätze zu vertreten, sehen wir seiner Wahl mit besonderer Genugtuung entgegen. Diese Erwägungen geben wir hiemit zur Diskuffion. Sie sind wahrhaftig keine unfehlbaren Ausstellungen, sondern Anregungen und mögen als solche ausgenommen werden und nützen. Direktor Dr. Krenberger.