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Die Wahrheit · 1920-09-10 · Heft 15 (10.9.1920) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1920
Issue
Heft 15 (10.9.1920)
Date
1920-09-10
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Nr. 15 Die Wahrheit Die Neuwahlen zur Nationalversammlung. Die Regierung hat bereits den 17. Oktober als Wahltag festgesetzt und die gesetzlichen Bestimmungen für die Wahlhandlung veröffentlicht oder promulgiert. Die Klerikalen oder.Christlichsozialen, was heute dasselbe .ist, veranstalten bereits häufig pomphafte „Katholikentage", auf denen gegen „die Wühlarbeit des Logentums, gegen das in der Weltfreimaurerei organisterte Judentum, gegen die Verführung und Knechtung unseres Volkes durch den jüdischen Weltimperialismus, ob er nun als Hochfinanz oder als deffen marxistisch-bolschewikisches Widerspiel auftritt", heftig Stellung genommen wird. Die national-freiheitlichen Parteien haben sich am 8. August auf Grund von „Richtlinien deutscher Politik" zu einer „Großdeutschen Volkspartei" geeint, deren gleichberechtigte Obmänner Bichl, Kandl^und Dr. Straffner schon beweisen, daß der Judenpunkt in den Richtlinien nicht fehlt. — Daß die Sozialdemokraten nicht lästig die Organisation und Propaganda für sich betreiben, ist klar. Es entsteht nun die Frage, wie sollen die Juden Wiens, welche die größte Zahl der österreichischen Juden bilden, sich zu diesen Neuwahlen stellen. " Vom vornherein scheint die Antwort nicht schwer: Die Sozialdemokraten sind infolge ihres Programmes keine .Judenfeinde, insoferne als ihnen Religion, Bekenntnis und auch Raffe grundsätzlich gleichgiltig find. Besonders die Führer und Anhänger der?Sozialdemokraten, welche von Juden abstammen, kommen in Angelegenheiten, welche speziell Juden und Judentum betreffen, garnicht in Betracht. Sie sind ohne jede Teilnahme für ihre Glaubensgenossen uud dürfen nie für diese und alles, was die Juden angeht, in Anspruch genommen werden. Ja, es muß ausdrücklich und wiederholt kräftig betont und hingewiesen werden, daß die Juden die sozialdemokratischen oder kommunistischen Führer gar nichts mehr angehen. Das sind keine Juden mehr, denn sie betätigen das Judentum weder nach religiöser, noch nach politischer Hinsicht, das heißt als Förderer jüdischer Gemeinintereffen. Wer sozialdemokratischer Anhänger und Bekenner ist, hört auf jüdisch zu fühlen und zu denken, mag die Richtung seiner Sozialdemokratie welche auch immer sein. Der sozialdemokratische Gedanke, das heißt die Idee auf Grund der Volksherrschast eine neue soziale Struktur dem Staate zu geben, beherrscht alle führenden Anhänger — von den Mitläufern aus Egoismus sehen wir ab — derart, daß sie religiöses Empfinden verleugnen Md keine andere Zusammengehörigkeit kennen, als die zu allen jenen Menschen, welche dieselben Ideen hegen und vertreten, das heißt nur die Parteigenossen, mögen sie auch in anderen Staaten wohnen und andere Sprachen sprechen. Und ferner ist zu sehen, daß die Sozialdemokraten ihre Grundsätze lebhaft, kräftig und stramm vertreten und mit Wucht und Stärke verbreiten. Nur in den Ableitungen und Anwendungen aus die realen Verhältnisse ergeben sich unter ihnen selbst Unterschiede, indem die Radikalen jede Folgerung aus der Idee bis zur äußersten Konsequenz, bis zur Wurzel verfolgen, andere wieder, den Verhältnissen Rechnung tragend, doch die Idee diesen anpaffen. Wie immer auch also der einzelne Sozialdemokrat nach seiner Gesinnung beschaffen ist, wie immer auch die einzelnen Gruppen ihre Gesinnung betätigen, sicher ist, daß sie keine Feinde der Juden sind, daß bei ihnen die religiöse Betätigung und das Bekenntnis zum Mosaismus keine Feindschafterregen wird, daß sie auch nicht den Juden ob seiner Abstammung und seiner Tracht verfolgen oder die Juden als Minorität von den staatsbürgerlichen Rechten ausschließen, daß sie die Grundsätze der Gleichheit im Staate vertreten werden. Das aber würden die beiden anderen Parteien in Oesterreich nicht tun, wenn sie die Macht bekämen. Das haben ihre Führer wiederholt verkündet. Sowohl die Christlichsozialen als die Großdeutschen würden, falls sie in der österreichischen Republik hemmungslos schalten und walten könnten, die Juden in die mittelalterlichen Beschränkungen versetzen und an jedem wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Aufschwung hindern. Da voraussichtlich ihre Macht aber nur eine beschränkte sein wird, da sie bei dem größten Wahlsiege nur eine Majorität von geringem Umfange und gegen sich die kräftigen Sozialdemokraten haben werden, so werden sie wohl den Juden in den drei angeführten Belangen schaden, sie aber nicht ganz der Grundrechte berauben können. Sie werden aber trachten, ihre Macht im Staate zu verkürzen, sie nicht zu Aemtern und Würden aufsteigen zu lassen. Die wirtschaftliche Schädigung der Juden durch sie ist unmöglich, weil sie selbst die Juden als wirtschaftliche Faktoren brauchen. Kulturell können sie durch Ausschluß von den Schulen die Schädigung versuchen, aber sie werden hiebei auf den Gegensatz der sozialdemokratischen Opposition stoßen, ebenso wie bei den Versuchen aus politischem oder rechtlichem Gebiete. . Schaden kann und wird also eine Majorität, die durch die Christlichsozialen oder Großdeutschen oder durch deren Verbindung erreicht würde, aber der Schaden wird durch die Gegnerschaft der Sozialdemokraten gegen grundsätzliche Aenderung freiheitlicher Staatsgrundgesetze gemildert oder vermieden werden. . -B!—TIA-.- -

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