Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 15 (10.9.1920)
- Date
- 1920-09-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 9 Nr. 15 Die Wahrheit garnicht denkbar, da sich manche aus eigenen Mitteln I nicht einmal eine Fahrt aus der elektrischen Straßenbahn erlauben dürfen. Und so warten die meisten eine günstige Gelegenheit ab, die Flucht zu ergreifen. Wenn auch manche diesen Gedanken mit einem bitteren Gefühle hegen, da viele von ihnen ihre Funktionen seit Dezennien in einem und demselben Tempel versehen, da ihnen die Gemeinde lieb und teuer geworden ist und sie sich als Funktionäre von den Gemeindemitgliedern geachtet und geschätzt wissen, so ist es doch anzunehmen, daß sie sich kurz oder lang darüber werden hinwegsetzen müffen. Der Hunger ist eben ein sehr strenger „baal chow". Die Kantoren Wiens haben es dank dem liebenswürdigen Entgegenkommen dieser ihren Stand stets fördernden Zeitung vor einiger Zeit versucht, in die Oeffentlichkeit sich zu flüchten, der großen Wiener Judengemeinde ihr Leid und Elend zu klagen, leider ohne nennenswerten Erfolg. Nun sucht jeder von ihnen Gelegenheit, die Stadt, die sich rühmen konnte, die besten Kantoren zu besitzen, zu verlasien. Viele, traurige Erinnerungsblätter sind es, die der jammervolle Krieg und mit ihm der nicht minder unglückliche Zusammenbruch der Wiener Judengemeinde hinterlassen hat. Eines dieser Blätter ist dasjenige, welches die Flucht der Wiener Kantoren verzeichnen wird. 4- * * Nachwort der Redaktion: Wie der Herr Einsender in obigen Zeilen ganz richtig erklärt, hat diese Zeitung stets ein warmes Jntereffe für das Wohl des Kantorenstandes, sowie auch aller Funktionäre an den Tag gelegt. Unsere Stellungnahme resultiert aus der Betrachtung, daß nur durch ein freundliches Einvernehmen zwischen Funktionären und Tempelvereinen in dieser trostlosen Zeit ein für die Gesamtheit ersprießliches Zusammengehen für alle Teile geschaffen werden kann. Wie wir den Erklärungen des Herrn Autor entnehmen, geschieht eS oft genug, daß die einzelnen Vorstandsmitglieder, um der Kantorennot abzuhelfen, aus eigenem ihr Schärflein beitragen oder Notstandsaktionen veranstalten. Es ist wohl ganz richtig, daß durch solche Auskunstsmittel eine allgemeine Sanierung des Kantorenelends nicht herbeigeführt werden kann. Nun sind aber die Tempelvorstände nicht in der Lage, allen berechtigten Ansprüchen ihrer Funktionäre zu entsprechen. Dies liegt eben in der verzweifelten Finanzlage aller Tempelvereine. Eine Hoffnung haben wir für unsere Kantoren allerdings, daß anläßlich der hohen Feiertage das Herz der gebefrohen und gebefähigen Freunde sich in reichlichem Maße der Kantoren erinnern wird. Fir das ftllgem. Qesteir. fnaeLTailistBBtfiiiih Mot d. dis VoliisspeisehalleB der „Eis&er. In den kommenden Tagen der Weihe und Andacht sollen Opfer gebracht werden. Man sucht in diesen Tagen seinen Gott und weiht ihm, der unser Vater und König ist, Besitz und Gaben. Hiebei möge man vor allem der Armen und Bedürftigen gedenken, jener, welche um des Lebens Notdurft schwer ringen und die Stätte aufsuchen, wo man ihnen, wie in der „Einheit“ 2. Malzgasse 12, um billigstes Geld gute und genügende Nahrung verabreicht. Fünfzehn Jahre lang erfüllt schon die „Einheit“ ihre große und hohe Aufgabe und alle Schichten der jüdischen Wiener Bevölkerung haben ihr stets geholfen. Nie aber war diese Hilfe nötiger als jetzt, in diesen Tage der Teuerung, des gestörten wirtschaftlichen'Lebens und der allgemeinen Not. Wer zur Thora gerufen wird, wer die Tefilla andächtig betet, er sende der „Einheit“ seine Opfergabe. Und nun gedenken wir auch der armen, unglücklichen, von der grausamen Natur geschädigten Kinder des israel. Wiener Taubstummeninstitutes, III. Rudolfsgasse22. Seit 1844 besteht dieses berühmte und erste jüdische Taubstummeninstitut und war bis 1914 frei von Sorgen und Not. Der Krieg aber hat seinen Wohlstand vernichtet und diese Bildungs- und Erziehungsstätte von hunderten jüdischer Taubstummer zur Bettlerin gemacht. Sie steht vor dem Schließen und hunderte unglücklicher Eltern werden der Hoffnung beraubt, ihre Kinder zu werktätigen, sprechendenMenschen heranzubilden. Ihr, Väter und Mütter, die ihr gesunde Kinder habet, gebet für die unglücklichen Kiifder Gaben, widmet Teile eures Gebrauches für eure Kinder, nur Teile desselben den jüdischen Taubstummen in der Rudolfsg a s s e und ihr leget Bausteine zum Wiederaufbau und zur Erhaltung einer Wiener jüdischen Anstalt, die ein Ruhm der Wiener Judenschaft war und wieder sein soll. Wir hoffen, daß dieser unser Appell mit den Klängen des Schofars in die Ohren und Herzen aller Andächtigen dringen wird.