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Die Wahrheit · 1920-09-10 · Heft 15 (10.9.1920) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1920
Issue
Heft 15 (10.9.1920)
Date
1920-09-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Seite 7 ■j? Vj*^- - ■A^ggJraLCTJiMrxiilij iiT~.BgwgjJ#gac>il< .**ia»g9E «MT»* H Nr. 15 Hie Wahrheit erst nach einer entsprechenden Arbeitspraxis angesiedelt werden. Auch auf die Eignung der Frau für die Ausiedlung ist besonders zu achten. Werden also Intellektuelle und Kaufleute nicht zugelaffen? Die Einwanderungsfrage dürste hier stark durch die Wirklichkeit anders gelöst werden. Der-Jüdische Nationalfonds hat den Boden zu kaufen und führt nur die Melioration seiner Böden so durch, daß sie in wirtschaftssähigem Zustand kommen. Er soll seine gesamten Mittel ohne jede Einschränkung in Palästina investieren und keine Reserven anlegen, auch Anleihen aufnehmen, die durch die Pachteinnahmen zu verzinsen und zu amortisieren sind. Er soll sogar Privatkapital für den Bodenkauf interessieren, freilich in einer Weise, die den späteren Uebergang des so gekauften Bodens in nationalen Besitz gewährleistet. Im Materiellen liegt die große Schwierigkeit bei Erfüllung der idealen Absichten und „hart im Raume stoßen sich die Sachen". Freilich, ein großer Führer kann alle Gedanken in Wirklichkeit umwandeln. Pas wünschten wir der zionistischen Bewegung, welche auch die Einwanderung in ziemlich genauer Weise organisieren will. An die Sanierung ist ebenfalls großzügig durch Einsetzung eines Gesundheitsamtes als Abteilung der obersten zionistischen Behörde gedacht. Große Gedanken wurden auf der zionistischen Jahreskonferenz 1930 ausgesprochen. Jeder Jude muß ihre Erfüllung voll wünschen. Es sind doch Gedanken und Thesen allgemeiner Art und von allgemeinem Werte. Wenn die nationale Heimstätte in Palästina kein englisches Geschäftsunternehmen ist, sondern jüdischer Boden wäre, dann könnte sich dort der ganze große Geist des Judentums auswirken. Einen Hauch desselben haben wir auf der zionistischen Jahreskonferenz gespürt. Die Flucht der Wiener Kantoren. Bon Josef Grob. Beim Betreten des Wiener jüdischen Zentralfriedhofes verkünden schon die ersten Grabsteine den Ruhm der Wiener Kantoren aus der Zeit der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. S u l z e r, der große Meister und Reformator des jüdischen Gottesdienstes, Go Idstein, auf dessen Grabstein die Wiener Judengemeinde den großen Verlust um den gottbegnadeten Sänger durch den erschütternden Ausruf „Josef enenu" zum Ausdruck brachte, Fischer, Stern, Blatt, die nicht nur tüchtige, sonden auch würdige Träger des jüdischen Gottesdienstes waren. Diese ersten Grabsteine des großen jüdischen Zentralfriedhofes sind für uns Merkmale der ersten Glanzzeit des Wiener jüdischen Kantorenstandes. Es mag noch viele ältere Gemeindemitglieder geben, welche das Glück hatten, diese Gallerie von gottesdienstlichen Künstlern im Leben bewundern zu dürfen. Gehen wir aber zu den jüngeren Anlagen des bereits altgewordenen Zentralfriedhofe-, cho befinden wir uns Grabsteinen gegenüber, die noch sehr jungen Datums sind. Dennoch legen sie nicht minder davon Zeugnis ab, welche berühmten Sangeskünstler die Wiener Judengemeinde als Kantoren beseffen und von denen man sagen kann: „chawal al d'abdin ud'lu mischtak'chin". Können wir, die jungen, uns doch rühmen, alle diese unvergeßlichen Toten gehört und verehrt zu haben. Es erscheinen vor unserem Geiste der glänzende und feinfühlige Tempelsänger Bela Guttmann, eine Zierde seines Standes und einer der würdigsten Interpreten der jüdischen Gebete, Josef Singer, der große Musik forscher und erhabene Charakter, Mayer Schor, der herrliche Chasan und ein Genie auf dem Gebiete des alttraditionellen Gottesdienstes, Simon Dünmann, ein Scheliach Zibur, von dem man sagen kann: „lo kom komohu", Cheskale Witmann und Peifie Freisinger, zwei Säulen des jüdischen Chasones, der leider zu. früh verstorbene Elieser Kifchner, als Sänger und Talmudgelehrter gleich bekannt und anerkannt, der alte Romann, eine unerschöpfliche Quelle des altjüdischen Chasones; Schiller und Serebrenik ergänzen die große'Schar der einst berühmt gewesenen Wiener Kantoren. Nicht geringer ist der Ruf der Kantoren, die gegenwärtig das Glück und die Ehre haben, in den Wiener jüdischen Gotteshäutern das Wort Gottes zu preisen. Weit über die Grenzen Oesterreichs ist der Name Jakob Bauer, des Bildners und Lehrers unzähliger Funktionäre auf dem kantoralen Gebiet bekannt.Morgenstern, Matyas, Fuchs, Kaufmann, Giblichmann, Schleifer, Mayerowitsch, Frenke! und noch andere find Funktionäre, die durch ihre künstlerischen Leistungen nicht wenig dazu beitragen, die Berühmtheit de- Wiener Kantorenstandes zu festigen und zu erhalten. Die meisten von ihnen erfreuen sich noch eines jungen Alters und könnten noch viele Jahre in der alten Stadt der Lieder auch das jüdische Lied zum Ruhme des Judentums und zur Ehre Gottes erheben, wenn — ja wenn das Elend, das der gottverdammte Krieg über die einst herrliche Stadt Wien herausbeschworen hat, sich nicht in erster Reihe die Wiener Kantoren zum Opfer auserwähtt hätte.

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