Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 15 (10.9.1920)
- Date
- 1920-09-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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.«.-.IW.Hi Nr. iß Die -Wahrheit Leite S Das Heimatsgefühl der Juden. (Aus vergilbten Blättern.) Es ist belehrend und erbaulich» aus Kulturdokumenten der Wiener Judenschaft des vorigen Jahrhunderts eine gewisse Gleichheit mit den jetzigen . Verhältnissen feststellen zu können. Den Epigonen sind Namen wie Dr. Jelinek, Dr. Güdemann und andere unbekannt oder Schall und Rauch, den überlebenden Glaubensgenoffen jedoch bleiben sie in unvergänglich dankbarer Erinnerung, denn sie führten den Kampf für das Judentum mit vornehmen glänzenden Waffen. Wir nehmen zufällig einen Bericht über ein Brudermahl der Chewra Kadischa vom 1685 vor und finden darin eine Rede des Rabbiners Dr. Güdemann s. A., die sich gegen den von Andersgläubigen schon damals oft gemachten Vorwurf richtete, die Juden hätten kein Heimatsgefühl. Dies widerlegte der. geistvolle Redner in einer Tischrede, der wir folgendes entnehmen: „Sie wissen, daß die Friedhöfe bei uns unverletzlich sind. Diese Pietät gegen die Friedhöfe begründete und erhielt bei den Juden ein Heimatsgefühl, von dessen Stärke und Lebendigkeit diejenigen gar keinen Begriff haben, welche es auf Sprache,- Sitte, Verkehr und Staatsinteressen zurückführen. Mit einer Zähigkeit, die ihresgleichen kaum wiederfindet, hielten die Juden im Mittelalter an der Scholle fest, und zwar fesselte sie nicht sowohl die Scholle, auf der sie geboren wurden, die sie nährte, sondern die Scholle, die ihre Toten bedeckte. Die Friedhöfe bildeten das Band, das die Juden unauflöslich mit ihrer Heimat verknüpfte. Die Juden haben nicht gesagt: Obi bene ibi patria da, wo es uns gut geht, ist unser Vaterland, sondern sie haben gesagt: Unser Vaterland ist da, wo unsere Väter ruhen, wenn es unS da auch nicht gut geht. Blicken Sie hin auf jene Städte, in welchen im Mitiekalter große jüdische Gemeinden gelebt haben, Mainz, Worms und andere. Man hat sie gewaltsam aus diesen Städten vertreiben müssen, weil sie aus freien Stücken die „Kibre Abot", die Gräber ihrer Väter, nicht preiSgeben wollten. Mehr noch: ganze Gemeinden wurden in den Verfolgungen des Mittelalters auf den Friedhöfen niedergemacht, wohin sie sich geflüchtet hatten. Sie wollten auf der Scholle sterben, unter welcher ihre Ahnen ruhten. Man kann billig fragen: Wo findet man denn noch ein solches Heimatsgefühl, welches das härteste Los und selbst der Tod nicht unterdrücken konnte? Der kann leicht auf sein Heimatsgefühl pochen, dem die Heimat eine Heimat ist, dem sie Freiheit, Recht, Ehre und Stellung gewährt, — aber ein Heimatsgefühl ohne Heimat, ohne Freiheit und Recht, ohne Ehren und Stellung, eine solche selbstlose Anhänglichkeit an die Heimat, ein so selbstloses Heimatsgefühl haben bloß dieJude» bewiesen. Und da ruft man uns heute zu: Die Juden sollen erst beweisen, daß sie vaterländisch gesinnt find, sie sollen ihr Heimatsgefühl erst dokumentteren! Dasagen die, denen ihr Patriotismus den Zutritt zu allen Aemtern, zu allen Ehren, zu allm Auszeichnungen eröffnet, während die Juden in Europa schon vor Jahrhunderten, da man chnen noch nicht einmal erlaubte, ihren Patriotismus als Staatsbürger geltend zu machen, die glühende Liebe zu dem Boden, der sie trug, dadurch bewiesen, daß sie ihn mit ihrem Blute röteten. Nein, es ist die unbilligste Forderung, die eS geben kann, wenn man von uns verlangt, daß wir unser Heimatsgesühl erst betättgen. Sie kann nur von denen vorgebracht werden, welche die Leidensgeschichte der Juden in den europäischen Staaten, die zugleich die Geschichte der rührendsten Anhänglichkeit an die Heimat ist, nicht kennen oder nicht kennen wollen. Die Juden haben ihr Heimatsgefühl dokumentiert, nachdrücklicher, weil uneigennütziger als ihre Mitbürger und die Dokumente, die das beweisen — dar sind die Leichensteine auf den allen jüdischen Friedhöfen. Saxa loquuntur, die laute Rede dieser Steine werden weder die theologischen, noch die philosophischen Hetzer unserer Tage überschreien!" In diesen weihevollen Tagen vor Roschhaschonü, welche besondere fromme pietätvolle Empfindungen im Herzen jedes, selbst des indifferenten Juden wecken, wird auch das Gedenken an seine teueren nahen Hingeschiedenen mit aller Inbrunst lebendig und er gibt solchen Gefühlen sinnfälligen Ausdruck durch den Besuch der heiligen Grabstätten. Auch der in der Ferne weilende Jude läßt es sich nicht nehmen, wenn nur irgend möglich, den Gräbern der in Gott ruhenden Hingeschiedenen andachtsvollen Besuch zu widmen, dem tiefsten, erhabendsten, überweltlichen HeimatZgesühle folge zu geben. Und wenn wir an den Tagen vor Roschhaschonü der Toten gedenken, so müssen wir auch an jener heilige Brüderschaft uns erinnern, welche überall zuerst entsteht, wo sich Juden anfiedeln, an die Chewra Kadischa. Der ebenfalls unvergeßlich Dr, Schmied! hat der Entstehung der Chewra Kadischa seinerzeit eine bedeutende geschichtliche Studie gewidmet und nachgewiesen, daß sie vor jeder Gemeindeverbindung gewesen ist und bestanden hat. Die Sorge für die Bestattung der Toten geht vor jeder anderen jüdischen Organisation. Dessen sollen und müssen wir auch an den kommenden hohen, Helligen Tagen eingedenk sein