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Die Wahrheit · 1920-09-10 · Heft 15 (10.9.1920) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1920
Issue
Heft 15 (10.9.1920)
Date
1920-09-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Die Wahrheit Nr. 15 Zur Jahreswende. Sie hatten reckt, die alten Sdiriffgelehrfen, die den Krieg als eine «wandernde Plage» bezeidmeten und mahnende Sdiofarföne erichallen liehen, wenn irgendwo auf dem weiten Erdenrunde ein Krieg ausbrach, Als wandernde Plage Iahen wir den furchtbaren Weltkrieg im letzten Jahrzehnt an uns vorüberziehen. Von den kleinen Balkanftaaten entfeffelt, hüllte er bald ganz Europa in Flammen, legte blühende Städte in Schutt und fliehe, zerstörte mächtige Staaten, machte hunderttaufende Frauen zu Witwen, Millionen Kinder zu Wallen. Trauernd lieht die Menschheit vor den Pforten ihres verlorenen Pardiefes. Mehr, weit mehr als andere Völker Weht unter Volk unter dem Eindrücke der blutigen Gefchehniffe unterer Zeit. Mit dem Fahre 5680 geht eines der traurigsten unterer vielfaufend- Jährigen Leidensgeschichte zur Helge und in erntter Stimmung überfckreiten wir die Sdiwelle des neuen Jahres. Unter Volk blutet in allen hagern, jüdisches Blut flieht in Strömen. «Draußen wütet das Schwert, innen die Birgst». Und nicht nur der Krieg im Olten erfüllt untere Seele mit Trauer und Schmerz. Der Schofarruf mit feinen gebrochenen Tönen mahnt an die Unruhe, die mit dem Kriege in die Welt gekommen, fln den Zerfall der Staaten, an die Zersplitterung der Kräfte, an den tiefen Haß, der die Stände und Klaffen der Gefelltdiaft von einander trennt, heben wir doch in einer Zeit, in der verwirklickt wird das traurige Dichterwort: «Alles regt lick, als wollte die Weh, die gestaltete, rückwärts löten in Chaos und Backt tick auf und neu tick gestalten!» So ernft aber auch die Zeit, to tief auch der Sturz von der durch Jahrhunderte mühsam erklommenen Höhe itf, wir hegen die feite Zuversicht und feiern unter IleuJohrsFelf in der Hoffnung, dah auch aus dieser furchtbaren Zerrüttung, auch aus dieser babylönifdien Verwirrung historische Ileubildungen entstehen werden, die, wenn nickt für uns, to für untere Kinder von glücklicken, segensreichen Folgen begleitet fein werden. Aus den ernsten Schofartönen sondert lieh ein heller PotaunenttoH hoffnungsfreudiger Zukunft ab, der an die Botschaft von San Remo erinnert, an den einzigen Lichtpunkt im dunklen Bilde des erloschenen Jahres, ruft uns die Worte zu, die vor Jahrtausenden an die dem Grabe entstiegenen flhnfrau Rachel ergangen: «Halte zurück deine Stimme^ vom Weinen und deine Augen von Tränen! Hoffnung ifi für deine Zukunft, spricht Gott, die Kinder kehren zurück in ihr Gebiet». Kein Jude vermag sein Ohr einer Heilsbotschaft zu verschließen, die den unglücklichen heimatslofen Glaubensbrüdern eine gesickerte Heimstätte im Lande der Väter und den Juden aller Länder eine geistige, religiöse Zentrale verheißt. And kein Jude toll — das wollen, wir am Ileujahrsniorgen geloben — feine Mithilfe und feine Mitwirkung vertagen, wenn der Ruf der Zeit an ihn ergehen tollte, wo es tick um fo hohe und to heilige Ziele handelt. Alle tollen mittun, wenn ein neuer Tag zu neuen Ufern locken tollte. Wir wären aber keine Juden, wären nicht rechte Juden, wenn wir am ersten Jahrestage nur an uns und unter Volk dächten. Die heiligsten Gebete dieses Tages waren stets allen Mentckenbrüdern, dem Heile des ganzen Menschengeschlechtes gewidmet. Und dies wird auch an diesem üeujahrsfage fo fein. Wie für unter Volk, hoffen wir auch für die Menschheit, dah der blutigen Saat neues Leben entkeimen und aus Hackt und Tod der verheißene und langersehnte Völkerbund erheben werde. Langsam, mühsam und nach schweren Kämpfen. So mancher winterliche Sturm wird über die Welt dahinbrausen, Hot und Elend wird noch über Hütten und Paläste kommen. Aber die Saat, die unter Tränen gesät wurde, wird, muß schließlich doch aufgehen. Es werden wieder linde Lüfte wehen, die Herzen werden auftauen und ein neuer Völkerfrfihlung wird das Menschengeschlecht beglücken. Von dieser Hoffnung beseelt werden wir an diesem Iieujahrstage inniger als Je für untere Mitmenschen beten, daß De ein Bund werden, um den Willen ihres himmflfdien Vaters mit ganzem Herzen zu erfüllen. Möge dieses Gebet erhört werden und dieser Herzenswunsch aller Gutgesinnten in Erfüllung gehen zum Wohle unteres Volkes und zum Heile der ohnedies schwergeprüften Menschheit. Rabbiner Dr. S. Funk,

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