Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 14 (1.9.1920)
- Date
- 1920-09-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 Nr. l 4 Die Wahrheit des psychologischen Moments wurde vorgeschützt, daß der ideale Zweck die rücksichtslose Anwendung der Mittel heilige. Es wurde der urteilslosen Menge erzählt, daß eS mit Hinblick auf die dringenden Aufgaben der Kulturgemeinde nicht mehr angehe, die großen Lasten den schwachen Schultern eines „altersmüden" Herrn aufzubürden; er wurde von neuen Männern — gemeint waren, selbstverständlich jüdischnationale — gesprochen, die einen frischen Zug durch die offenen Fenster der sticklufterfüllten Gemeindstube bringen müffen. Unter solchen Stimmungsmachereien und mit einer Kampfweise, wie sie in der Geschichte der Wiener Kultuswahlen beispiellos ist, vollzogen sich die gewiffermaßen galoppierenden Kultuswahlen, die aber trotz der obenerwähnten, scheinbar günstigen Vorbedingungen den Jüdischnationalen keinen Erfolg in dem Ausmaße brachten, den sie geplant und gehofft hatten. Seit dem Ausgang der Wahlschlacht sind zwei Monate verstrichen und der „alte Herr", dem angeblich der jüdischnationale Kampf hauptsächlich gegolten, sitzt noch immer an seinem Platze und er darf ihn nicht einmal verlaffen, denn es wäre keiner da, der seine Arbeiten übernehme. Die anderen Herren des Präsidiums, so Nationalrat Ingenieur Stricker, ist von den bevorstehenden Naüonalratwahlen derart voll und ganz in Anspruch genommen, daß er gegenwärtig sich seines Amtes in den Kultusvorstand nur wenig erinnert, zumal er auch anderweitig durch seine Partei außerordentlich okkupiert ist, was wir ihm gewiß nicht zum Vorwurf machen wollen. Da Herr Dr. Engel seinen unerläßlichen Urlaub fern von Wien genießt, ist es für die Geschäftsführung der Kultusgemeinde ein wahres Glück, daß der alte Herr trotz seiner jetzt tatsächlich eingetretenen Ermüdung sich immer noch zusammenrafft, um die aufreibenden Agenden seines Amtes zu bewältigen. ES ist nicht genug zu würdigen, daß er selbst trotz der Hundstage auf den Urlaub verzichtet hat. Nun könnte man die naheliegende Frage stellen, was ist's mit den neuen Männern? Wo sind die neuen Kultusvorsteher? Da aber liegt der Hast im Pfeffer. Die Betätigungsmöglichkeit der neuen Vorstands- Herren ist ausgeschaltet, da nach dem geltenden Statut der Wiener KultuSgemernde die neugewählten Vorstandsmitglieder von den alten formal bestätigt werden müffen. Daß es bisher nicht dazugekommen, büdet ein beklagenswerte- Kapitel für sich, daS wir an dieser Stelle behandeln wollen. In jener Sitzung des alten Vorstandes nämlich, in welcher das Wahlergebnis hätte anerkannt werden sollen, machte das Sekretariat im Rahmen des Wahlberichtes den Vorschlag, daß eine Anzahl zu Ungunsten der Nichtjüdischnationalen gefälschte Stimmzettel als giltig zu erklären sind, weil sie trotz der hineinpraktizierten zwei Namen den Willen ^der Wählerschaft zugunsten dieser Partei dokumentierten, und sonach habe dieselbe auf zwei weitere Mandate ein Anrecht. Dieser Vorschlag entfesselte unter de» anwesenden jüdischnationalen Mitgliedern des alten Vorstandes einen * Sturm der Entrüstung, well sie als den Anreger Herrn Präsidenten Hoftat Rappaport vermuteten und sich nicht zu der Ansicht aufraffen konnten, daß die Gemeinde objektive Beamte hat, die, über den Parteien stehend, ihre Pflicht gewissenhaft erfüllen. Und doch verhält sich die Sache so. Hofrat Rappaport hat auf den pflichtgemäßen Vorschlag des Sekretariats keinen Einfluß genommen und war daher der Sturmlauf gegen ihn ebenso ungerechtfertigt, wie die durch Opposition vereitelte Bestätigung des neugewählten Vorstandes. Darin liegt die Erklärung, daß zwei Monate nach erfolgter Wahl der alte Vorstand noch immer die Amtsgeschäfte führt. Dieser Tatsache gegenüber ist der Ruf der Dränger und Stürmer, daß in der Gemeindestube eine neue Aera ausbrechen müsse, plötzlich verstummt und es liegt die Befürchtung nahe, daß, wenn die Herren bei ihrer bisherigen Taktik verbleiben, schließlich das eintreten muß, was anläßlich der Wahlen durch Nachgiebigkeit verhindert wurde, nämlich die Installierung eines Regierungskommissärs in der Gemeindestube. L. H. Oberkantor Eduard Birnbaum. Sowohl die israelitische Synagogengemeinde in Königsberg, Preußen, als auch der gesamte Kantorenstand hat durch das am 7. August erfolgte Hinscheiden des Oberkantors Herrn Eduard Birnbaum einen großen Verlust erlitten. Der Verblichene amtierte mehr als 40 Jahre in der großen ehrwürdigen Gemeinde Königsberg, war der Nachfolger Weintraubs (Kaschtan), erwarb sich große Verdienste um die Hebung unb Verherrlichung des Gottesdienstes. Durch feine hohe Künstlerschaft, als hervorragender Fachmann, als auch durch seinen seelenvollen Vortrag der Gebete erwarb er sich die Liebe und Verehrung der ganzen Gemeinde. Birnbaums Forschungen auf dem Gebiete der kantoralen Wissenschaft haben den großen Kenner des Schrifttums, sowie seine musikalische Begabung, weit über die Grenzen Deutschlands bekannt gemacht. Sr verstand es, die alttraditionellen Weisen „Chasanut" mit moderner Art zu vereinen, einen' vorbildlichen Gottesdienst in seiner Gemeinde zu schaffen. Al» 14 jähriger Knabe kam Birnbaum unter den Namen „Ensele" aus seiner Vaterstadt Krakau als Talmudjünger in der „Jeschirva" nach Szobotist zum berühmten Rabbi Jisroel Horoe (Schauer). Nach kurzer Zeit drängte ihn sein gesangliches Talent nach Wien zu dem damals berühmten polnischen Chasan Pesche Freisinger, bei welchem Ensele Birnbaum gleichzeitig mit Schreiber dieser Zeilen „Meschorer" war. Nach Absolvierung kantoraler und musikalischer Studien wurde Eduard Birnbaum einer der hervorragendsten Männer und Vertreter unseres Standes. Es ist daher begreiflichdaß fein Hinscheiden nicht nur seine Gemeinde, sondern den gesamteu Kantorenstand in Trauer versetzt hat. Oberkantor Jakob Bauer Ehrenpräsident des Oesterreichifchen Kantoren-Vereine». Dank. Von vielen Seiten macht man uns auf das stille, bescheidene Wirken des Herrn Franz D e n e s, 1. Augustengasse 1, aufmerksam, der vorbildlich guter tut, Kinder und Erwachsene unterstützt und überall, wo er helfen kann, eingreift. Gerne verzeichnen wir dieses rühmenswerte Handeln und sagen Herrn DäneS ein kräftiges, ehrliches Jejascher Kauach! Gott stärke ihn zu weiterem guten Tunl