Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 14 (1.9.1920)
- Date
- 1920-09-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Ar. l4 Die Wahrheit Geite 11 ahrheiten vom Tage Was ist -er Bolschewismus? Diese Frage stellte die „Reichspost" vor kurzem auf den Raum einer Jnseratenseite, der sonst geschäftlichen Mitteilungen Vorbehalten ist. Aber bei der „R" weiß man nicht so genau, wo das Geschäft aufhört und die Politik anfängt. Genug an dem, die Leser jenes Blattes wurden im Lapidarstil und mit größtem typographischen Reichtum darüber belehrt, daß Bolschewismus eine jüdische Sache sei — was sonst könnte er sein? — von Juden in die Welt gebracht, um sie aus den Angeln zu heben, Religion und Eigentum abzuschaffen und die christlichen Völker für Juda arbeiten zu lassen. Leute, die außer der „R" auch anderes gelesen haben, dürften wissen, daß der Bolschewismus eine wie im Namen so auch im Wesen russische Kulturerscheinung ist, hervorgegangen aus dem dort bodenständigen Anarchismus und Nihilismus, deren Väter Bakunin und Fürst Krapotkin, beim Himmel keine Juden oder Judenstämmlinge waren! Macht nichts! Der dumme Kerl von Wien glaubt alles und ließe sich von der „R" weis machen, Diabetes Mellitus sei eine jüdische Sache. Beweise: diese Krankheit heißt im deutschen Zuckerharnruhr. Nun sehe man sich die Karlsbader Kurliste an! Lauter Namen, die nach Juden schreien. Die Vorliebe der Juden für Zucker, auch zu Schieberzwecken, ist bekannt, nicht minder ihre diabetische Ernährungsweise, um den armen Ariern die besten-Sachen wegeffen zu können. Kein Zweifel also an dem jüdischen Ursprung des Diabetes Nellitus. Die in dieser Rubrik übliche Betrachtung, was daran Wahrheit, muß der Frage weichen, was daran Lüge sei, und da lautet, wie stets bei der „R", die Antwort: Alles. Nicht verzagen! In der vor kurzem stattgehabten Generalversammlung der Pester Israelitischen Religionsgemeinde hielt deren verdienstvoller Präsident Hofrat Franz Gzökely die Eröffnungsansprache, in der er einen ergreifenden Rückblick auf das verflossene Jahr warf. Er sagte, wie die „Jüdische Korrespondenz aus Ungarn" meldet: „Das vergangene Jahr! Nur mit Tränen in den Augen und mit großer Trauer im Herzen kann ich von ihm sprechen. Erfüllt mit Schmerz nicht nur über die ganz und gar unverdienten unendlichen Leiden des ungarischen Judentums, sondern vielleicht mehr noch über den Anblick, den die ungarische Nation, die Nation DeLks und Kossuths, in diesen historischen Zeiten bietet. Ich wünsche darauf zu verweisen, daß die Gemeinde auch in diesen stürmischen Zeiten ihre Pflicht erfüllt hat, die Pflicht, von der keine Statuten sprechen, die uns aber unser Herz und unser jüdisches Gefühl auferlegt hat und zu der uns auch der Umstand zwingt, daß unsere leidenden und verfolgten Glaubensbrüder sich nicht nur aus der Hauptstadt, sondern auch aus allen Teilen des Landes an uns um Stütze, Rat und Hilfe gewendet haben. Die Organisation und die Tätigkeit unserer Rechtsbeistandskanzlei ist bekannt. Bekannt auch, daß wir die sich ändernden Regierungen und die kompetenten Behörden mündlich und mit zahlreichen Eingaben — bisweilen mit, oft ohne Erfolg — um Hilfe und Strafe bestürmt haben. Bekannt schließlich, daß wir bestrebt waren, unseren unglücklichen flüchtigen Glaubensgenossen, die sich an uns wendeten. Arm in Arm mit dem Landes-Hilfsausschuß der ungarischen Juden in jedem einzelnen Falle nach Tunlichkeit unserer Mttel Beistand zu leisten und wir werden ihnen auch weiterhin behilflich sein, wie wir hoffen, in größerem Maße als bisher. Geehrte Generalversammlung! Nur noch ein Wort: Verzagen wir nicht! Die Jahrtausende alte Geschichte Israels ist die Chronik vieler Uebelstände, vieler Leiden und siehe da: unser Volk lebt auch heute noch, verkündet auch heute noch den Glauben des einen Gottes. Folgen wir nicht dem Beispiele jener Feiglinge, die ihre Religion und ihre Ueberzeugungen den Umständen gemäß ändern. Bleiben wir wahre Juden und wahre Ungarn. Wer würde einem geliebten Kranken Zorn bewahren, weil er ihn in seinen Fieberanfällen mit Worten oder Taten gekränkt hat? Die ungarische Nation ist heute ein Fieberkranker. Ist dies nach solch fürchterlichen Leiden und Unglücksfällen ein Wunder? Es ist unsere patriotische Pflicht, als treue Söhne der ungarischen Nation an ihrem Leiden teilzunehmen und fest darauf zu vertrauen, daß die ungarische Nation von ihrem schweren Leiden geheilt und einsehen wird, daß nur unser aller Einverständnis, unser aller gemeinsame Arbeit zur vollständigen Heilung führen kann". Leider müssen wir in Hofrat Szökelys berechtigte Klage über die Glaubensflüchtlinge auch von unseren Standpunkte als eine trübe Erscheinung der Zeit einstimmen. Es ist bittere Verkennung der Wahrheit, daß Proselyten ihr materielles und ewiges Gut verwirken. Jndenreines Obst. In der „Oedenburger Zeitung" sucht das Soproner Infanterieregiment kaufweise zweimal wöchentlich zwei bis fünf Meterzentner Obst zu En gros-Marktpreifen. Als Bedingung gilt, daß Zwischenhändler und Juden ausgeschlossen find. Die letztere Forderung begrüßen wir, denn von einem Juden würde das wackere Soproner Infanterieregiment nur dann kaufen, wenn der Besitzer nicht anwesend, oder diesem mit dem Bajonett oder Gewehrkolben so lang zureden, bis von einem Markt- oder sonstigen Preise keine Rede sein könnte. Daß ein Infanterieregiment überhaupt öffentlich als Käufer erscheint und sich gegen Judenobst verwahrt, sind eben spezifische neuungarische Zustände. on Nah und Fern Nachklänge zu den Kultuswahleu. Im heurigen Frühjahr beschloß der Generalstab der Wiener Jüdischnationalen den Sturmlauf gegen die Kahalstube. Alle Vorbedingungen des erfolgversprechenden Angriffs schienen den Führern gegeben. Sie wählten die Ueberrumplungstaktck, erzwangen den kurzbefristeten Termin der Hochsommerwahlm mit Hinblick darauf, daß zu solcher Zeit viele ihrer Gegner von Wien abwesend sind. Zur Unterstützung