Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 14 (1.9.1920)
- Date
- 1920-09-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Deite 10 Dje Wahrheit Nr. 1 i dem sehr fleißigen und tüchtigen Dr. Hautke aus ^Berlin ist in der aktiven Leitung nichts zu hören. Die Russen haben jetzt die Führung, was sie seit. Herzl schon anstrebten, und gerade die Männer, die damals schon gegen Wien gewesen waren, sind jetzt an der Spitze. Auch eine allgemeine Bemerkung ist hier am Platze. In der ganzen Welt macht sich jetzt russische Agitation bemerkbar. Sie zeigen Rastlosigkeit, Rücksichtslosigkeit und vertreten meist radikale Gedanken, das heißt solche, welche eine These festhalten und unbekümmert um die Tatsachen in ihren logischen Folgen bis aufs äußerste durchdenken und realisieren wollen. Die Russen in der neuen Leitung werden die Welt viel aufrütteln, viel Bewegung in die Welt bringen, viel von sich reden machen, aber aufbauende, bleibende Arbeit werden doch andere leisten müssen. Die Organisation der Partei wurde Aenderungen unterzogen. Der nächste Zionistenkongreß wurde für den Sommer 1921 vor Roschhaschono festgesetzt und dazu wurde Ausdruck gegeben, ihn nach Palästina einzuberusen. Sicher eine angemessene große Absicht, aber eben der im russischen Weltgeist jetzt liegende Propagandagedanke bestimmte die Jahreskonferenz auch zum Beschluß, möglichst bald einen jüdischen Weltkongreß auf demokratischer Grundlage einzuberufen, der als autoritative Körperschaft berechtigt sein soll, im Namen des jüdischen Volkes zu handeln und zu sprechen über: 1. Hilfeleistung beim Aufbau der jüdischen nationalen Heimstätte in Palästina. 2. Behandlung aller Fragen der Sicherung und Verteidigung der bürgerlichen, politischen, religiösen und nationalen jüdischen Rechte. 3. Besprechung aller Fragen des Wiederaufbaues des jüdischen Lebens in den vom Kriege betroffenen Ländern. Der Leitartikel der Wiener „Jüdischen Zeitung" vom 6. August 1920 berechnet die Mitglieder der zionistischen Weltorganisation auf 1 Million. Nach Nr. 12 S. 8 unseres Blattes gibt es in der Welt fast 15'/, Millionen Juden. Ein Fünfzehntel dieser dieser unternimmt es also, einen Weltkongreß einzuberufen, mit Themen, die alle Juden angehen. Wahrlich ein großes Unterfangen, bei dem das Wort größer und mächtiger sein wird als die Tat. Es werden wieder nur Zionisten kommen und Zionisten das Wort führen. Hauptsache ist ihnen doch wohl der erste Punkt. Sie brauchen vor allem viel Geld. Die Jahreskonferenz hat nämlich beschlossen, einen Jmmigrations- und Kolonisationsfonds zu schaffen, der den Namen „Keren Hajoffod" führen soll und binnen einem Jahre sollen 25 Millionen englische Pfund aufgebracht werden. Man begreift daher auch die Raschheit, mit der der Weltkongreß einberufen werden soll. Er soll zu diesen 25 Millionen Pfund mithelfen. Aus den Eingängen des „Keren Hajoffad" werden mindestens 25 Prozent dem jüdischen Nationalfonds zugewiesen, ein Drittel kommt für laufende Ausgaben des Bildungswesens, der sozialen Fürsorge, der Jmmigrantensürsorge und ähnlichen Zwecken des Aufbaues des Heims in Palästina, zwei Drittel aber müssen für dauernde nationale Auslagen und wirtschaftliche Betriebe verwendet werden. Von diesem Fonds werden keine Beiträge für die Verwaltungskosten der zionistischen Organisation verwendet, auch keine Unterstützung oder Anleihen für private Unternehmungen gegeben. Die Kosten für politische, organisatorische und propagandistischeArbeiten und die allgemeine Verwaltung muß der Schekel decken, der auf 1 Dollar, beziehungsweise 5 Schilling und die dem entsprechende Werte festgesetzt wurde. In Oesterreich wird das eine große Steuer sein, aber es entspricht die Höhe sicher den jetzigen Kosten. Auf der Weltkonferenz sollen also auch die außerpalästinensischen, wirtschaftlichen und politischen Fragen besprochen werden. Auch auf der Londoner Jahreskonferenz kamen die Kulturfragen und die politischen Fragen für Palästina und für die Diaspora, das heißt für alle änderen Länder, in denen Juden wohnen, zur Besprechung. In politischer Hinsicht wurde ein Beschluß gefaßt, dahin zu wirken, daß eine alljüdische inter- Eerritorische Institution geschaffen werde, um auf internationalem Wege, insbesondere aber von dem Völkerbunde die bürgerlichen, politischen und nationalen Rechte der Juden in den Ländern, wo solche aus politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Gründen notwendig sind, zu realisieren, zu schützen und weiter auszubilden. Dem gegenüber meine ich, daß die bürgerlichen und politischen Rechte der Juden überall schon der Existenz wegen notwendig sind, daß es da keine Ansuchen geben darf. Eine Vertretung der Juden durch ein besonderes interterritorisches Instrument wäre etwa gleichbedeutend mit einer Vertretung aller Slaven, wenn man sie auf nationaler Basis aufbaute, und das scheint für die politischen Rechte der Juden in den einzelnen Ländern nicht von Vorteil. Eine Vertretung aller Juden als Religionsgenossenschaft und zum Schutze der Religion ist eine denkbare und wirksame Schöpfung und hat ihre Analogie im Papsttum, würde aber für uns Juden auch die Errichtung einer Stelle, bedeuten, die leicht in rebu8 äivinis Autorität beanspruchte, und das wäre nicht jüdisch. (Schluß folgt.)