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Die Wahrheit · 1920-09-01 · Heft 14 (1.9.1920) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1920
Issue
Heft 14 (1.9.1920)
Date
1920-09-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Gerte 6 Die Wahrheit Nr. 14 sind nicht bereit, freiwillig ohne Widerspruch auch nur auf ein einzigeder erworbenen Staats- und Bürgerrechte zu verzichten, an ihrer Stelle ein Bürgerrecht zweiter Qualität anzunehmen und den moralischen gelben Fleck zu tragen. Wir sind bereit, den Kampf für unsere vollständige Gleichberechtigung aufzunehmen und stützen undabei nicht so sehr auf den Friedensvertrag, der den Schutz aller konfessionellen und nationalen Minoritäten unter die Aufsicht des Völkerbundes stellt, als vielmehr auf die gesunde Vernunft, die schließlich auch in jenen Kreisen den Sieg davontragen wird und muß, denen die Ereignisse der letzten Jahre, die Erbitterung über die bedrängte Lage unseres von allen Seiten umringten verstümmelten Vaterlandes die nüchterne objektive Einsicht nicht ganz geblendet haben. lieber die Lösung der Judenfrage äußerte sich der einstige Handelsminister Ungarns Baron Joses Szterenyi dem „EgyenlosLg" gegenüber folgendermaßen: „Ich halte es für bedauerlich, daß in dieser schwierigen Lage, in der wir der vollsten Harmonie bedürften, eine konfessionelle Frage die öffentliche Meinung beschäftigen kann. Umso bedauerlicher, als dies uns beim Auslande, auf dessen Sympathien und aktive Unterstützung wir in unserer ganzen finanziellen und wirtschaftlichen Lage angewiejen sind, nur zum Nachteile gereichen kann. Ich kann e8 Mir nicht vorstelleu, wie sich die Betreffenden gegenüber den Verfügungen des Friedensvertrages die Lösung der sogenannten Judenfrage vorstellen, da doch der Frieden-Vertrag die konfeffionellen und nationalen Minoritäten direkt unter internationalen Schutz stellt und im Falle beliebiger Klagen dem Völkerbunde dcck Recht der Einmengung verleiht. Eine derartige Aufwerfung dieserFrage kann momentan als Ableitungskanal zur Beruhigung der erregten Gemüter dienen, kann aber dem Friedensvertrage gegenüber keine Lösung bilden, wenn wir nicht ständige Konflikte zwischen dem Völkerbünde und Ungarn Hervorrufen wollen, wovor uns Gott bewahre, da es ein Hemmnis der Konsolidierung unserer inneren Verhältnisse und unserer finanziellen Entwirrung wäre". Abgeordneter Paul Sändor, der unerschrockene Vorkämpfer des Judentums im ungarischen Nationalrat, meinte: „Ich habe keine blaffe Ahnung davon, was für Lösung der Judenfrage geplant wird.. Würde sie auch nur im entferntesten die Rezeption oder die Emanzipation berühren, die uns der Liberalismus der ungarischen Gesetzgebung verliehen hat, würde sie uns zu Bürgern zweiter Ordnung deklaffifizieren, so würden wir dagegen aufentschiedenste protestieren und kein ungarischer Jude könnte dem je zustimmen. Wir waren niemals eine Nationalität, sondern ungarische Staatsbürger, wir sind und bleiben eS. In moralischer Beziehung wende ich den Juden, die an den Verbrechen der jüngstes Vergangenheit Schuld tragen, gegenüber dasselbe strenge Maß an wie den Christen gegenüber, vielleicht sogar noch ein strengeres Maß". Jüdische soziale Organisation. Zu dem von Markus Sonnenfeld in Nr. 11 und 13 der „Wahrheit" unter obigem Titel gebrachten Aussatz schreibt Herr Rabbiner I. M ü l l e r, Nädas, Slowakei, folgendes: Herr Markus Sonnenseld besitzt, was man aus jedem Satze seines Artikels herausliest, ein gutes Herz, eine angeborene Güte. Diese Naturanlage bringt ihn dazu, die Schuld anderer auf sich und auf die ganze Judenheit zu nehmen. Aber auch in dieser Hinsicht gilt: Und ihr sollet nicht spähen nach eurem Herzen und nach euren Augen (IV. B. M. 16. *9). Denn so wie Haß den Blick blendet, ebenso beeinträchtigt natürliche und ungebändigte Güte daS unparteiische, gerechte Urteil. Die wahrhaft Frommen sollen ihr Herz in ihrer. Hand haben, sagt der Midrasch. Wenn nun Herr Markus Sonnenseld meint, daß eS vielleicht möglich gewesen wäre, die verflossenen Leiden abzuwenden und jetzt solchen für die Zukunft vorzubeugen, so will ich ihm gerne Recht geben, aber nicht sein Rezept unterschreiben. Sein Geschichtchen aus dem Jahre 1648 gefällt mir. Nur ist eS schade, daß er nicht mehrere solche Fälle zu erzählen weiß. Eine Schwalbe macht keinen Gommer und die Ausnahme bestätigt die Regel. Ich kann mir nicht denken, daß nur die eine jüdische Familie an Bauern Wohltaten geübt, und, wer wie ich auf dem Dorf wohnt, wird mir zustimmen, daß eS jederzeit und in jeder Gegend zahlreiche Juden gibt, die als Wohltäter und Philantropen bekannt sind. Und doch sind sie beim Umstürze ausgeraubt und ausgeplündert worden. Ja, ich kann auS eigener Erfahrung dem Geschichtchen des Herrn Markus Sonnenfeld zwei andere Geschichtchen entgegenhalten. In einem Dorfe meines Bezirkes lebte eine einzige jüdische Familie, geachtet und geliebt von allen Einwohnern. Und mit Recht! Es gab keinen Kranken, keine Wöchnerin im ganzen Dorfe, die nicht von diesem jüdische Hause mit Suppe, eingesottenem Obste und dergleichen bedacht worden wären. Es gab keinen Bettler, jüdischen wie nichtjüdischen, der durch dieses Dorf ging und nicht gerade in diesem jüdischen Hause gesättigt wurde. In der Brotnot der Kriegszeit hat nur dieser Jude dafür gesorgt, daß jeder

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