Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 14 (1.9.1920)
- Date
- 1920-09-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Hie Wahrheit Är. 1-4 sie annehmen, gar vieles hatten lernen können. Sie hatten zum Beispiel im Talmud lesen können, daß Palästinenser, wie R. Simon B. Lakisch noch im dritten nachchristlichen Jahrhundert gleich ihnen, Herr Professor, es ihren babylonischen Glaubensbrüdern zum Vorwurfe gemacht haben, daß sie zur Zeit EsraS nicht alle nach Palästina zurückgekehrt sind. „Würdet Ihr Euch wie eine Mauer zusammengetan haben und wäret zur Zeit Esras alle heraufgekommen, so würdet Ihr dem Silber geglichen haben, über welchem die Fäulnis keine Gewalt hat", rief der letztere einem babylonischen Kollegen zu (Joma 9 b). Dieser wurde aber von seinem Schwager und Lehrer eines besseren belehrt. R. Jochanan wies mit Recht daraus hin, daß es mit der Selbständigkeit der Juden doch für immer dahin war. Selbst der neu erbaute Tempel — mochten ihn auch Juden erbaut haben — war nur ein Werk persischer Untertanen, ein Werk Persiens. Sie hätten sich ja Herr Professor, wenn ihnen diese Talmudstelle auch bekannt gewesen wäre, von dem alten jüdischen Schristgelehrten kaum belehren lassen wollen. Wollen sie dies, wollen sie über „die freiwillige Nichtheimkehr des weitaus größten Teiles des jüdischen Volkes", die sie S. 101 „als einen nicht abzuwaschenden Schandfleck aufder Geschichte des jüdischen Volkes" brandmarken, gerecht urteilen, dann bitte die Worte eines Manne» zu lesen, den sie selbst vier Seiten vorher (S. 97) als einen „der gröKen Kenner der semitischen Religionen" bezeichnen, die Worte E. Renans: „Die heilige Gesellschaft begab sich auf ihre letzte Reise — schreibt dieser — ... Me Liebe allein vermag solche Wunder zu vollbringen. Hätte der Hügel von Zion nicht hunderte Jahre lang die feurigste Liebe in den Herzen der Juden entzündet, so hätte er eine solche Anziehungskraft nicht ausüben können. Man hätte es nicht staunend sehen dürfen, wie einige Fanatiker ganze Volksmassen in Bewegung setzten und durch die Wüste entführten, trotzderGewißheit, tausend Entbehrungen auf dem Wege, und der Wahrscheinlichkeit, ein düsteres Elend bei der Ankunft zu finden . . . DieRückkehr aus Babylonien war eine Aeußeruyg der bis zum Wahnsinn sich steigernden Hoffnung", Ren. (Geschichte, Band 3, 509). Sie sehen, Herr Professor, Renan, „der große Kenner der semitischen Religionen" urteilt anders als sie, urteilt gerechter. Sie haben es eben nicht berücksichtigt, daß, wie der erwähnte französische Forscher sagt, „Judäa ein Land ist, das keine dichte Bevölkerung verträgt" (daselbst V. 213) ein „Grenzgebiet, das beengt zwischen dem Meere und der Wüste, von der Natur selbst zur ewigen Armut verurteilt" (III. 495), für Millionen — und die Juden in Babylonien zählten nach Millionen — keinen Raum bot. Renan war kein Freund der Juden, aber er war ehrlich | genug, den Juden das Zeugnis auszustellen, daß „die zerstreuten Söhne Israels ihre Bestimmung treu, ja viel besser erfüllt haben, als die Juden Palästinas. Die ehrlichen, arbeitsamen und für kleinere Beamtenstellen außerordentlich begabten Juden bildeten die nötige Grundlage für die Entwicklung eines vortrefflichen Bürgerstammes. Als ordentliche Menschen, als treue Untertanen hatten sie kaum ihres Gleichen. Sie wurzelten bald in dem neuen Boden fest und betrachteten das Land, wo sie geboren waren, als ihr eigenes Vaterland" (ebendas V. 214^-215). So urteilt, so schreibt ein Historiker! Unverzeihlich ist es, Herr Professor, unverzeihlich, daß sie bei ihrem strengen Urteile sich nicht nur um die späte Literatur, sondern auch um die biblischen Berichte wenig gekümmert haben. Wenn sie über die Schandtat von Gib'-a ihr Verdammungsurteil fällen (S. 44), so haben sie ja recht. Aber sie vergessen, daß es doch nur ein vereinzelter Fall war, während dieses Laster in Sodom allgemein verbreitet gewesen ist. Ist es ihnen denn nicht genug, wenn die Bibel selbst sagt: „Solches ist weder geschehen noch gesehen worden seit dem Tage, als die Söhne Israels aus Aegypten gezogen bis auf diesen Tag" (R. 1930) l Ist es nicht genug, daß ganz Israel wegen dieser Schandtat „wie ein Mann von Dan bis Beer Scheba" sich erhob und den Stamm, der die Schandtat nicht bestrafen wollte, beinahe, völlig aufrieb?! Hätte in unserer Zeit ein Volk wegen einer solchen Untat oder wegen eines Mordes einen solchen Krieg entfesselt? Verdient ein solches Volk, das Volk in seiner Gesamtheit, Lob oder Tadel?! (Fortsetzung folgt.) Zur Geschichte des Zionismus. Wie allgemein bekannt, wird von zionistischer Seite und ihren Führern den Orthodoxen der Vorwurf gemacht, daß sie an den zionistischen Bestrebungen und Arbeiten nicht teilnehmen, sondern sie in vielen Punkten sogar bekämpfen. Diese Borwürfe werden durch mündliche Ueberlieferungen vielfach übertrieben und entstellt, so daß sich die Orthodoxen gegenüber dieser Erscheinug veranlaßt sehen, in ihrem Organ „Jüdische Presse" ein offenes Schreiben an Dr. Ch. Weizmann zu richten. In diesem sffenen Schreiben, das durch zwei Nummern des obgenannten Blattes gegangen ist, wurden alle wichtigen Geschehnisse innerhalb der zionistischen Bewegung von der Aera Herz! bis zum Jahre 1914 chronologisch verzeichnet. Wir entnehmen daraus: „Die eigentliche Leitung des Weltzionismus lag von 1914 bis zur Balfour'schen Deklaration in Amerika. ( Allein das amerikanische Judentum ist viel zu demo-