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Die Wahrheit · 1920-09-01 · Heft 14 (1.9.1920) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1920
Issue
Heft 14 (1.9.1920)
Date
1920-09-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 14 Die Wahrheit Seite ö Professor Delitzschs „Große Täuschung". Von Rabbiner Dr. Salomon Funk. ' Der Assyriologe Professor Delitzsch hat mit seiner letzten Schrift „Die große Täuschung" seinen einstigen-Freunden und Verehrern wieder eine arge Enttäuschung bereitet. Als er vor ungefähr zwei Jahrzehnten aus dem „Lande des einstigen Paradieses heimgekehrt, die berühmten Babel-Bibel-Vorträge hielt, da lauschte die ganze Welt seinen Worten; die Spitzen der Berliner Gesellschaft, die hervorragendsten Kreise drängten sich zu diesen Vorträgen, in welchen der Forscher das alte Babylonien vor dem geistigen Blicke seiner zahlreichen Zuhörer zu neuem Leben erstehen ließ. Man hoffte, daß er treu dem schönen Programme der Deutschen Orient-Gesellschaft, welches er im Jahre 1902 vor einem erlesenen Kreise entwickelte, „auf Grund der Funde und wissenschaftlich erprobter Uebersetzung der Inschriften erforschen werde, inwiefern dieselben eine Illustration zur Chronik Israels enthalten, düs heißt Aufklärung über geschichtliche Ereignisse, Sitten und Gebräuche, Politik und Gesetzgebung und so weiter". Man erwartete, daß er feststellen werde, „inwiefern die unleugbar mächtige und hochentwickelte babylonische Kultur in Wechselbeziehung zu den Israeliten stand und auf sie einwirken konnte". Aber Delitzsch verließ nur allzubald den sicheren Boden der objektiven Forschung und Geschichtsschreibung, um seinen Namen, sein Wissen und seine Fähigkeiten in den Dienst politischer, antijüdischer Parteien zu stellen. Schon in den erwähnten Babel-Bibel- Vorträgen trat die Tendenz klar zu Tage, das Alte Testament herabzusetzen, das jüdische Volk' zu verunglimpfen, und selbst sein dazumal mächtiger Gönner Kaiser Wilhelm mußte in einem Schreiben an den Staatssekretär und Vorstandsmitglied der Deutschen Orient-Gesellschaft Hollmann (veröffentlicht im „Grenzboten" 1903) zugeben, daß bei Delitzsch „der Theologe mit dem Historiker auf und davon gegangen und der letztere dem ersteren nur noch als Folie diene". Aber in diesen Vorträgen war die judenfeindliche Tendenz in einem — allerdings fadenscheinigen — Mantel der Wissenschaftlichkeit gehüllt. In seiner letzten Schrift „Die große Täuschung" tritt die judenfeindliche Tendenz ganz ünverhüllt zu Tage. Er bezeichnet sie auch ganz offen als „Streitschrift", wenn er auch des Glaubens ist, daß er sie „sine ira et studio“ geschrieben habe. Eine „Streitschrift" und sine ira et studio! Wollen sie, geehrter Herr Professor, ihre Leser mit einer Schrift täuschen, in welcher sie so bitter über „Die große Täuschung" klagen? Wahrlich, ihre Schrift gibt zu einer solchen Klage weit mehr Anlaß als die Bibel, die sie vor ihren Richterstuhl fordern. Sie klagen, daß sie in ihrer Jugend den Zug der Kinder Israel nach dem II. und IV. B. M. sich wie „die feierliche Prozession eines Volkes von Priestern" vorgestellt und dann gefunden haben, daß das jüdische Volk garnicht heilig gewesen. Sie weisen immer wieder auf den schreienden Gegensatz zwischen Ideal und Wirklichkeit hin. Warum haben sie denn in ihrer Jugend nur das II. und IV. Buch, warum nicht die ganze Bibel studiert? Sie haben ja auch jetzt nichts anderes und nichts mehr gefunden, als was ihnen die Bibel unverhüllt erzählt! Die Bibel hat wahrlich die Fehler unserer Ahnen nicht verheimlicht. Sie enthält Strafreden, wie sie nicht strenger gedacht werden können. Sie hätten sich schon mit den Sünden begnügen können, welche die Propheten aufzählen und rügen. Es war durchaus nicht notwendig, noch neue Sünden hinzu zu dichten. Sie find — um nur einige Beispiele anzusühren — erbittert über den Autor des Buche» Josua, der den Fall Jerichos und da» „Einsinken der Mauern" als ein göttliches Wunder hinstellt. Sie glauben an kein Wunder, verwerfen den ganzen Bericht und glauben fest und sicher, als ob sie dabei gewesen wären, daß Josua durch Verrat, durch Bestechung Rachab», der verworfenen Frau, in die Stadt gedrungen fei. Hätten sie auch mtt ihrer Annahme recht — ein Ungläubiger hätte vielleicht an irgend ein Sprengmittel denken können, das dem Heerführer oder Priester bekannt gewesen — hätten sie aber auch recht, Hand aufs Herz, hätten die Heerführer im letzten Kriege anders gehandett? Hätten sie das Leben der ihnen anvertrauten Soldaten nicht geschont, wenn sich ihnen zur Eroberung einer Festung ein ähnliches Mittel dargeboten hätte? Haben es die europäischen Staaten verschmäht, Festungspläne ihrer Feinde zu kaufen, feindliche Offiziere zu bestechen? Wir verübeln es ihnen nicht, daß sie aus dem Berichte der Bibel über den Fall Jerichos nur „das einzigste", wie sie sagen, lernten, „daß (zur Zeit de» Autors) das strenge Sabbathgebot noch nicht bekannt gewesen sein konnte". Denn wie hätten sonst die Priester am siebenten Tage die Lade um die Mauer von Jericho tragen können, da doch geschrieben steht: „Du sollst den Sabbath heiligen". Wir verübeln es ihnen nicht, baß sie davon keine Kenntnis haben, daß das Sabbathgebot wie auch andere Gesetze nach matter Ueberlieferung für die Kriegszett keine Geltung hatte. Die Kriegführung ist am Sabbath erlaubt — heißt es ausdrücklich — wie wir finden, daß die Stadt Jericho am Sabbath erobert wurde (Jer. Talm. Sabb. I. 3; 4 a, vorl. Zeile). Wir verübeln es ihnen auch nicht, daß sie sich um die spätere Literatur des jüdischen Volke» nicht kümmern, obgleich sie aus dieser, die wett ätter ist als

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