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Die Wahrheit · 1920-08-18 · Heft 13 (18.8.1920) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1920
Issue
Heft 13 (18.8.1920)
Date
1920-08-18
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Wir achten das ungarische Judentum, daS in diesem Lande Wurzel gefaßt hat und mit ehrlicher ArbeitderGesellschaft zu Nutz und Frommen geworden ist. Die chriMche Partei steht im Zeichen der Liebe. Der Schuldige soll strengstens büßen, wer aber keinen Anteil an der Umstülpung genommen, demAann nichts zukide geschehen. Die Augen des Auslandes sind auf unS gerichtet und deshalb schon dürfen wir niemandem gegenüber ungerecht sein." Der Veszpremer Bischof Dr. Ferdinand Rott, der schon wiederholt Beweise seiner liberalen Gesinnung gegeben hat, empfing am 2. Juni in Tapolcza ^eine Deputation der dortigen jüdischen Gemeinde, deren Redner die Leiden des Tapolczaer Judentums in lebhaften Farben schilderte und betonte, daß selbst diese traurigen Ereignisse die Treue und Liebe der jüdischen Gläubigen zu ihrem Baterlande und zu ihrer Stadt nicht zu untergraben vermochten. Der Bischof erklärte, daß er seit nunmehr drei Monaten seine Diözese bereise, teils um seinen Gläubigen daS Sakrament der Firmung zu erteilen, teils um den konseffionellen und sozialen Frieden zu verkünden. Auf die Judenverfolgungen übergehend, setzte der Bischof auseinander, daß für die Sünden der Vergangenheit leider auch Unschuldige leiden mußten . . . „Zur Zeit des Kommunismus standen Männer aus Ihrer Konsesiion im Vordergrund, aber auch aus unserer Konfeffion und unter dieser Herrschaft hatte nicht bloß das Katholikentum, sondern auch das Judentum zu leiden. Wir bedürfen beim Wiederaufbau des Staates und der Nation der konservativen Elemente als der eigentlichen aufrechterhaltenden Elemente der Nation." Am Tage der Unterfertigung des verhängnisvollen Friedens bittet der Bischof die Erschienenen, sie mögen ohne konseffionellen und sozialen Unterschied zusammengreifen und seinen Klerus in den das gegenseitige Verständnis fördernden Bestrebungen unterstützen. Zum Schluffe flehte der Bischof den Segen Gottes auf die Deputation und aus die Tapolczaer israelitische Gemeinde herab. Was die beiden trefflichen Männer, der eine als führender Politiker, der andere als maßgebender Kirchensürst gesprochen, sind unumstößliche Wahrheiten. Mögen sie auch von jenen beherzigt werden an deren Adresse sie gerichtet sind. Won Nah und Fern Fra« Anitta Müller gegen das Joint. Gelegentlich des Karlsbader jüdischen Hilfsaktionskongreffeö hielt Frau Anitta Müller einen Vortrag Über die furchtbare Notlage der Wiener Judenschaft und äußerte sich hierüber unter anderem: „Zu Beginn des Krieges half der Staat den Flüchtlingen, die seine wirklichen Märtyrer geworden waren. Sie wurden zu Mitbürgern. Man gewöhnte sich langsam an ihren Anblick. Das Märtyrerleid der Flüchtlinge wurde alltäglich und man hals nicht mehr so sehr; und nach dem Umschwung wurde der Märtyrer zum lästigen Ausländer, für den das arme Oesterreich nicht länger orgen konnte! Die Stadt stellte nach Ende des Krieges ihre Unterstützungen ein. Die Wiener Gemeinde konnte nicht helfen. In dieser Hinsicht half das I o i n t. Wir sind nicht mit allem einverstanden, waS das Joint getan hat. Aber hier ist nicht der Platz, darüber zu sprechen. Wir werden das anderweitig und nicht in vorgerückter Stunde tun". Angesichts der Aeußerungen einer so hervorragend im Dienste der Nächstenliebe stehenden und deshalb mit den Wohlfahrtsinstitutionen vollkommen vertrauten Dame wie Frau Anitta Müller fühlen wir uns der Rücksicht enthoben, die wir bisher dem vielfach kritisierten Tun der Wiener Joint-Verwaltung gegenüber beobachteten. In unserer Redaktion häuften sich die Beschwerdebriese zu Bergen, fanden sich ungezählte Besucher ein, die geradezu ungeheuerliche Dinge über die hier bestehende Protektionswirtschaft vorbrachten. Namentlich gegen den leitenden, alleingebietenden Mann der grandiosen amerikanischen Hilfsaktion in Wien, Herrn Direktor Leo Wechsler aus Buczacz, und seine Satelliten häuften sich die schwersten Anklagen der armen, zurückgewiesenen, tief gekränkten und geschädigten Juden. Wenn wir über all dies bisher zur Tagesordnung schritten, so geschah dies aus Bedachtnahme auf eine an sich ausgezeichnete Institution, die mit schrankenloser Hochherzigkeit enorme Summen auch zur Linderung des jüdischen Elends in Wien so reichlich spendete, ohne dabei zu differenzieren, welcher Parteirichtung die Hilfeleistung zustatten kommen soll. Ob nationalistisch, ob orthodox, ob assimilantisch, das macht bei den Glaubensbrüdern in Amerika keinen Unterschied. Die Aktion umfaßt alles, was den armen Juden hilfsbedürftig erscheinen läßt, und eben deshalb ist es die schärfste Kritik herausfordernd, wenn solche wahrhaft humane Zwecke an dem Gehaben einiger Personen Schiffbruch leiden. Angesichts der vielfach festgestellten Fehlgriffe muß der Spruch: „Heiß mich nicht reden, heiß mich schweigen, denn mein Geheimnis ist mir Pflicht" in das Gegenteil gewandelt werden. Hier wird das Reden zur Pflicht. Und deshalb begrüßen wir es, daß sich Frau Anitta Müller endlich dieser Pflicht bewußt geworden und vorerst in Karlsbad einen Anlauf dazu genommen hat. Ihre Meinung, daß dort in Karlsbad nicht der Platz gewesen, darüber viel zu sprechen, teilen wir zwar nicht, freuen uns aber des Versprechens, daß sie es anderweitig tun werde. Hoffentlich geschieht dies bald und radikal. Mit einem reichen, wertvollen Material könnten wir der Rednerin dienen, sofern wir es nicht im eigenen Wirkungskreise verwenden. Vielleicht gelingt es, in einem konzentrischen, kräftigen Sturmangriff das Joint zu überzeugen, daß es höchste Zeit sei, in Wien ein Systemwechsel .durchzuführen, wobei vor allem die hier absolut herrschenden Personen aus dem Sattel gehoben werden müßten. Der Gaftprediger. In der einstigen guten alten Zeit jüdischen Kulturlebens — es ist noch nicht allzulange her — galt es immer als ein mit lebhaftem Interesse erwartetes Ereignis und eine willkommene Botschaft, daß der Raw einer großen Kehilla in einer kleineren Gemeinde eine Predigt halten werde. Der Ortsrabbiner, die Gemeindevorstehung und die ersten der Balbatim ließen sich die feierliche Einholung des

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