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Die Wahrheit · 1920-08-18 · Heft 13 (18.8.1920) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1920
Issue
Heft 13 (18.8.1920)
Date
1920-08-18
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. Ü Seite f Die Wahrheit heit gottverneinender Renegaten und glaubensverlassener Verräter, trotzdem sich ihr größter Teil mit dem bitteren Schmerz erduldeter Leiden der ihr zum Vorwurf gemachten Vergangenheit erinnert, mit der eben die Judenschast schon infolge ihrer alt hergebrachten Ethik und ihrer gesellschaftlichen Plazierung keine Gemeinschaft haben konnte. Die ungarische Judenschaft und innerhalb derselben der Verein wollen ihre ganze Kraft in den Dienst des Wiederaufbaues des Landes stellen. Die vorurteilsfreie Zukunft wird der ungarischen Judenschaft Gerechtigkeit widerfahren lassen." Die inländische ungarische Judenschaft denkt also, wie aus diesen Worten Baron Kohners hervorleuchtet, nicht an Rekriminationen, sie klagt nicht über die Vergangenheit, über die Leiden, die sie so lange Zeit erdulden mußte, sie tritt nicht als Ankläger gegen ihr irregeleitetes Vaterland oder seine einzelnen Gesellschaftsschichten aus: sie fordert vielmehr mit vollem Ernst und ganzer Hingebung ihren Anteil an dem Wiederaufbau dieses so schwer heimgesuchten Vaterlandes, mit dessen Geschick diese Judenschaft auf Gedeih und Verderb verknüft ist. Wie aber denken die im Auslande weilenden ungarischen Juden, denen ein Teil der ungarischen Presse Abtrünnigkeit und Vaterlandsverrat'vorwirst? Dafür spricht das . im „LMenläseZ" veröffentlichte Schreiben des New-Iorker Bankiers Isidor Szekely, eines Führes der ungarisch-amerikanischen Judenschaft, an den Präsidenten der Pester Israelitischen Religionsgemeinde Franz Szekely. Der Bankier teilt in diesem Schreiben dem Präsidenten der Israelitischen Religionsgemeinde mit, daß im Schoße der in Amerika weilenden ungarischen Juden eine große Aktion zur Unterstützung der heimischen Institutionen im Zuge ist und fährt dann fort: Wir sind mit diesem teuren, unglücklichen Lande eng verknüpft, fühlen, leiden und weinen in allen seinen Leiden mit ihm. Wir wollen für dieses Land auch leiden, wenn es sein muß. Sind jederzeit bereit, dafür zu sterben, wenn es sein muß. Ja, denn wir sind Ungarn und Juden und bleiben es bis zu unserem letzten Atemzuge! Ich wage es zu behaupten, daß 99 Prozent der aus Ungarn hierher gewanderten Juden fühlen und denken wie ich. Die hier lebenden Juden — ich kann es mit Stolz behaupten — leisten einen Löwenanteil zu den reichen Spenden. Sie geben Hunderttausende für die hungernden ungarländischen Kinder, für die Heimbeförderung der sibirischen Kriegsgefangenen und für jeden aktuellen Zweck; im Interesse der Sammlung sozusagen einer jeden ungarischen Sache entfalten die Juden die selbstloseste Tätigkeit und keiner fragt, ob Juden oder Angehörige anderer Konfeffionen die Spende genießen werden, sondern jeder gibt mit dem beglückenden Gefühl, daß er vielleicht einen ungarischen Bruder vor dem Hungertode rettet oder den nackten Leib eines ungarischen Bruders mit einem Kleidungsstücke bedeckt. Das also ist der Vaterlandsverrat der ungarischen Juden in Amerika! Und wie diese unsere Brüder und Glaubensgenossen, so denken und fühlen alle ungarischen Juden im Auslande. Wien — die citta dolente. Spezialarlikel für den American Hebrew von S. Bettelheim. Den folgenden Attikel eMnehmen wir dem „American Hebrew*, einem namentlich in amerikanischen Finanzkreisen vielgelesenen Blatte, der wesentlich dazu beigetragen haben dürfte, die dortigen Kreise zu einer umfassenden Hilfsaktion für die notleidende Wiener Judenschaft zu veranlagen. Zwei Millionen Menschenkinder, einstmals umrahmt von einem lieblichen Gelände voller Freude an dem Leben, umwoben mit dem Mmbus einer unnachahmlichen Eleganz und bestrickender Liebenswürdigkeit, sind nun eine Riesenmenge von unmündigen Kindern geworden, deren tägliches Brot die bttterste Sorge ihrer Landesväter ist, die ohnedies schwer überbürdet sind mit drückender Verantwortlichkeit. Ein Ernähruungs- Problem ohnegleichen beunruhigt alle Geister, die ohnedies gebrochen sind von einem Jahrfünft unbeschreiblichen Mühsales und geängstigt von der gespenstischen Vision des unausweichlich scheinenden Schicksccks der Maffenverhungerung. Aber etwas konnte das entsetzliche Schicksal nicht ertöten: den Adel des Herzens, der sich so schön ausdrückt in den weichen Linien der Wienerin, diesen heiteren Rythmus der Seele, der sich allen Menschenbrüdern in der ganzen Welt telepathisch mitteilen konnte, durch das Medium der unnachahmlich reizenden Wiener Melodien. Noch lächelt sie unter Tränen, die Stadt der Schönheit und des Adels, mit dem erhabenen leidvollen Lächeln der Märtyrerin!- Diese Stadt ist auch eine der Metropolen Israels. Von dieser Hauptstadt wurde zum erstenmal die Renaiffance des Judentums verkündet. Hier lebte jener wundersame Jude der Neuzeit, aus dessen Herzen — dieser Kohinoor unter den Menfchenherzen — die Strahlen der erhobenen zionistischen Idee hervorgebrochen sind. Sieben Jahre lang war diese Stadt das Nervenzentrum des jüdischen Organismus und ein großes Grabmal im Döblinger Friedhof spricht ein ewiges Zeugnis davon.

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