Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 12 (4.8.1920)
- Date
- 1920-08-04
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nt. 13 Die Wahrheit Ein Greis, der die Achzig voll auf dem Rücken trug, ging dem einherkommenden Hirten der Gemeinde entgegen und sich verneigend sprach er ihn an; „Herr Doktor! Die Zeit der großen Kasteiung rückt bald heran und Sie wissen, ich bin alt und schwach . . . dürste ich nicht am Versöhnungstage wenigstens ein Gläschen Sliwowitz zu mir nehmend" „Mein lieber Herr Sensky!", versetzte darauf der Bestagte, „starr ist das Gesetz, das auf die Kasteiung Bezug hat. Ich kann und darf Ihnen kein Dispens vom Fasten bewilligen, aber fragen Sie den Herrn Dr. Keckeis, ob . . .“ Der Seelsorger konnte den Satz nicht zu Ende sprechen, denn der Tempeldiener Czernowsky verkündete, der Gottesdienst habe bereits begonnen. Als die frommen Beter das Gotteshaus verließen, wankte der Greis zur Morgenvisite in das städtische Epital. „Herr Doktor!", begann er und brachte auch dem seelensguten Arzt seine Bitte in den gleichen Worten wie dem Seelsorger vor. Dr. Keckeis lächelte gutmütig und sprach: „Wohl habe ich viel auS dem Born der jüdischen Gelehrsamkeit geschöpft . . . allein hier Recht zu sprechen ist ein kompetenterer Doktor berufen, nämlich Rabbiner Dr. Handel". „Und der", gab der Greis zurück, „hat mich an Sie verwiesen . . ." „Meinethalben", klopfte der Arzt dem Greis auf die Schulter, „dürfen Sie auch drei Gläschen Irinken, aber, aber", drohte er mit dem Zeigefinger, „bleiben Sie stramm, wenn Sie beim Beten knien müssen . . ." Als alter Landsturmmann führte mich vor Jahren mein Weg nach Eibenschütz. Es war in der Spargelzeit. Von der alten Fröhlichkeit im deutschen Kasino, vom übermütigen Gesang und dem frohen Gläserklirren war aber leider nichts mehr zu merken! Oede und leer war's in den Stuben, auf der Veranda und im herrlichen Garten. Rur noch die Bilder des Dr. Keckeis und des Obmannes Anton Worell gemahnen an die schöne und friedliche Vergangenheit. Ich mußte fort, weiter und immer weiter . . . Mit diesen Zeilen will ich jetzt erst ein bescheidenes Blumenkränzlein auf das Grab des edlen ManneS Dr. meck. et pliil. Josef Keckeis legen. wie lenken Ihre w. Uni' merksamkelt auf die Bekanntmachung auf der 1. Seite betreffend ■eulatarsgratulatlonen Wahrheiten vom Tage Iw Zeichen deS Terror-. Gleiche Brüder — gleiche Kappen. Ueberall wo zur Erreichung eines Kampfzieles die Waffen des Geistes nicht vorhanden sind oder absichtlich verschmäht werden, stellt rechtzeitig die rohe Gewalt sich ein, die Schrecken um sich verbreitet und den Gegner zu verwirren und zu verschüchtern sucht, denn besseren Elementen ist es nicht gegeben, aus Brutalitäten in gleicher Weise zu erwidern. Die Taktik des Faustrecht, die Methode aus einen groben Klotz einen groben Keil — oder auf einen Schelm anderthalbe ist nicht jedermanns Sache. Dieser psychologischen Erfahrung geben die jüdischnationalen Terroristen allerorten Folge. Auch dort, wo es nicht ums Ganze wie die Eroberung der Kahalstube geht oder die Besitzergreifung von Mandaten. Den bei den Wiener Kultuswahlen entfalteten Terror haben wir noch in beklagender Erinnerung. Aber auch um den Sieg verstiegenster jüdischnationaler Ideologie zu erlangen, wird mit rücksichtslosem schmählichen Terror vorgegangen: Grimmige unversöhnliche Fehde hat er der Orthodoxie geschworen und wie dabei zu Werke gegangen wird, darüber führt ein Mitglied der Frankfurter „Zaire Emune Jsroel" bewegliche Klage. Die zionistische Presse in Polen kann sich nicht genugtun in Beleidigungen und Verleumdungen niedrigster Art gegen die Orthodoxie, begnügt sich aber nicht mit der papierenen Feindschaft, sondern entsendet in alle öffentlichen Vereinsversammlungen Trupps junger Leute (ganz wie in Wien bei anderen Anlässen), um die Redner nicht zu Worte kommen zu lassen. (Daß es bei solchen schmachvollen Szenen selbst zu Mord und Totschlag kommt, haben wir seinerzeit berichtet.) Aber nicht nur im kulturrückständigen Osten, wo man aus Europas übertünchte Höstichkeit keine Rücksicht nehmen zu müssen glaubt, toben sich die wilden Instinkte der Zionisten aus, sie treiben das gleiche unwürdige sträfliche Spiel an den Hochsitzen deutscher Intelligenz. Dr. Nathan Birnbaum, ein bekannter, geachteter Schrissteller, wollte vor kurzem im Frankfurter Römer einen Vortrag über das Eindringen des neuen Geistes ins Judentum halten. Es kam aber nicht dazu. Eine jüdischnationale Bubenrotte störte tumultarisch den Vortrag." So in Polen, so in Frankfurt, so in Wien usw. Ad moffei? ist die richtige Uebersetzung für das klassische Quo usque tandem? Der ärgste Feind der Orthodoxe». Das ist der Feind im Hause Israel selbst, nämlich die Jüdischnationalen, die zwischen ihrem eigenen Zionismus und dem der Gesetzestreuen eine unüberbrückbare Kluft wissen. Jahrhunderte bevor es noch einen offiziellen geschäftsmäßigen Zionismus gab, war die Rückkehr nach Erez Jsroel der Traum und die Sehnsucht der Frommen, erklang von ihren Lippen an den Sederabenden der Wunsch und die Bitte: L'schonoh haboob b'jeruscholajim! Aber einem Jeruscholaim, das auf Glauben und Gerechtigkeit nicht fundiert ist, würden die Wurzeln des Bestandes fehlen.