Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 12 (4.8.1920)
- Date
- 1920-08-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 Die Wahrheit Seite s Was ihre Sprache anbelangt, so sprechen sie die Sprache der sie umgebenden Völker. Die Anzahl der von ihnen gesprochenen Sprachen läßt sich nach Obigen nicht genau angeben, da in mehreren der aufgezählten Länder dieselbe Sprache gesprochen wird z. B. Englisch, Spanisch. Immerhin läßt sich daraus schließen, daß die Juden mindestens 20, wahrscheinlich mindestens 30 verschiedene Muttersprachen haben. Da die hebräische Sprache bloß bei einer verhältnismäßig geringen Zahl von Juden lebende Sprache ist, kann sich der geringste Teil der Juden mit den übrigen verständigen. Es fehlt somit den Juden das, was bei allen Nationen ausnahmslos vorhanden ist, ein geschlossenes Wohngebiet und eine gemeinsame Muttersprache. Die Juden leben in allen Weltteilen und Klimaten, unter Völkern des verschiedensten Bildungsgrades, mit verschiedener Geschichte und mit manigfaltigen staatlichen Einrichtungen. Sie unterscheiden sich daher untereinander, abgesehen von der Sprache, durch verschiedene bürgerliche Stellung, z. B. in England und Rumänien, durch ihren Bildungsgrad, ihren Wohlstand, ihre Auffassung von der Religion (Strenggläubigkeit) durch ihre Annäherung an die übrige Bevölkerung hinsichtlich der Lebensweise und sittlicher Anschauungen (Assimilation) z. B. in Italien im Gegensätze zu Polen, ihr körperliche- Aussehen, sowie in vielen anderen Richtungen, die sich gar nicht erschöpfend aufzählen lassen. Man kann schon aus diesen Gründen nicht von einer nationalen Einheit der Juden sprechen, sondern bloß von einer religiösen und einer gewissen Uebereinstimmung des Gefühles und Gemütes hervorgerufen durch Druck und Zurücksetzung früherer Zeiten in einer nicht geringen Zahl von Ländern. Kehren wir zurück zum Begriff „Nation". Die wichtigsten Voraussetzungen für diesen Begriff sind, wie erwähnt, ein Wohngebiet und eine Sprache. Dies genügt aber nicht. Denn betrachten wir die Gliederung einer Nation näher, so finden wir eine Durchschichtung, d. h. damit ein Volk ein selbständigepolitisches Leben führen kann, müssen alle oder doch die wichtigsten Berufe in ihm vertreten, sein. Dazu gehört vor allem eine den Boden bearbeitende Bevölkerung. Diese fehlt bei den Juden auch in denjenigen Ländern, wo sie in Massen leben, schon deshalb, weil ihnen in vielen Ländern der Besitz deS Bodenlange nicht gestattet war. Aber noch eine vierte Voraussetzung ist für den Begriff einer Nation notwendig, d. i. ein ununterbrochen gemeinsame- Schicksal der Volksgenossen in der Vergangenheit und eine auf dem Wohngebiete, der Sprache und der gemeinsamen Vergangenheit aufgebaute Zukunft. (Wie bei den Tschechen.) Diese Voraussetzung läßt sich am besten daran erkennen, daß die Bewohner von England, der Vereinigten Staaten und Australiensich niemals als ein e Nation betrachteten, sondern sich bloß als die englisch sprechenden Völker (English speaking people) bezeichnen. Denn jedes dieser Völker hat trotz der gemeinsamen Sprache und desselben Schrifttums eine andere Vergangenheit, eine andere Verfassung, anderes Recht, andere politische Ziele und verschiedene Bestrebungen im Welthandel. Betrachten sich diese Völker nicht als eine Nation, so können sich auch die unter ihnen wohnenden Juden und noch weniger die Juden der ganzen Welt als eine Nation betrachten. In dieser Richtung kann aus ein anderes näher liegender Beispiel hingewiesen werden, d. i. daS Verhältnis der Juden Mährens zu denen Polens, zwischen denen erfahrungsgemäß Eheschließungen äußerst selten Vorkommen, weil sie der Mehrzahl nach verschiedenen Kulturstufen angehören. (Schluß folgt.) Aus der alten, guten Zeit. Erinnerungen an Eibenschütz von Armin Wilkowitsch, Eger. (Schluß.) Der energischen Kraft Dr. Keckeis dankt die deutsche Minorität in Eibenschütz die Erhaltung und Entfaltung der deutschen Schule (unter ersprießlichem Tätigkeit deausgezeichneten Schulmannes Oberlehrer Koblitschek), ihm dankt sie die moderne Ausgestaltung des städtischen Krankenhauses; seiner beispiel- und selbstlosen Aufopferung all weitberühmter Arzt danken Hunderte die Erhaltung ihrer Gesundheit und ihres Lebens. Die erste Apostrophierung des „Tagerboten" bei irgendeiner Dr. KeckeiS-Feierlichkeit (70. Geburtstag oder Tod), die mir stetvor Augen schwebt, ist: „Hut ab »or Dr. KeckeiS!" Die Mitglieder der Kultusgemeinde hatten an dem Tiroler Katholiken Dr. Keckeis den vortrefflichsten Anwalt. Bei Zirkumkommissionen assistierte er, ohne erst offiziell eingeladen zu werden. Er nahm auch oft Einfluß auf KuftuSwahlen, wer nicht sein Mann war, der wurde auch nicht Mann der Gemeinde. Zuweilen warf er die scherzhafte Bemerkung hin: „Euer Seelsorger wird sich bald gezwungen sehen, mir die Talmudgelehrtenwürde (Morena) zu verlechen, weil ich in allen jüdischen Belangen ä jour bin . . ES war einige Tage vor den Herbstfeiertagen der Israeliten. Vor der Synagoge standen Gemeindemitgljeder und harrten auf deS Gottesdienste- Beginn.