Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 12 (4.8.1920)
- Date
- 1920-08-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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&eite 6 &te Wahrheit Nr. iS 3. Könntensich die sozialen Verhältnisse so gestalten, daß es nur eine geringe notleidende Bevölkerungsschichte geben würde; in einer solchen Gesellschaft aber kann der Antisemitismus keine gefährlichen Dimensionen annehmen. Allerdings kann ich mir einen Fall vorstellen, in dem gefährlicher Antisemitismus Vorkommen kann, auch wenn keine notleidende Bevölkerung da ist; daS wäre dann möglich, wenn eine wohlhabende, protzige jüdische Bevölkerung zu Vergleichen herausfordert. Doch kann dieser Fall nicht Vorkommen, wo die Judenschast organisiert ist. Und nun daS oben angekündigte Beispiel punkto persönlicher Betätigung: Die Entente verspricht uns seit Monaten Hllfe; endlose Besprechungen sind schon gepsiogen worden. Inzwischen gehen Tausende Wiener in zerrissenen Schuhen herum, und bis die ausländische Hilfe kommt, werden die Schuhe von eineinhalb Millionen Menschen zerrissen sein. Daß es trotz der enormen Not zu keiner Katastrophe gekommen ist, ist wahrlich ein Wunder. Dieser furchtbaren Not könnte abgeholfen werden. ES möge sich ein entsprechendes jüdisches Hilfskomitee bilden, daß sich dem Bürgermeister vorstellt und ihm vorschlagt, es möge sich auch ein katholisches und evangelisches Komitee bllden. Wenn der Bürgermeister mit Einwilligung der Entente sich an alle Hauptstädte wenden würde, gleichzeitig auch die genannten Komitees Aufrufe an die gleichartigen Körper ergehen ließen, so würden wir sicherlich bald soviel Hilfe erhalten, als wir brauchen, um aus unserer Not befreit zu werden. Auch da würde ein glänzendejüdisches Beispiel zu einem vollen Erfolge führen. (Anmerkung der Redaktion. Wir veröffentlichen diese warmherzigen, gut gemeinten Ratschläge, meinen aber, daß die Quelle des Antisemitismus die Minoritätsstellung der Juden ist. Der Jude hilft wo er kann, aber er hat sich nie Gegenliebe erworben, well er eben Jude ist und viele Juden auch nicht gut handeln. Aber nie ist soziale Fürsorge zu viel.) Zur j)alästirmfrage. Mittwoch, den 7. Juli, begann in London in Anwesenhell von mehr als 370 Delegierten die zionistische Jahreskonferenz, welche auch als kleiner Kongreß bezeichnet wird. Sie ist nach den Worten von Nahum Sokolow, der die Konferenz eröffnete, die Rückkehr der zionistischen Organisation zu ihrer regelmäßigen Geschäftsführung. Der Krieg hatte auch hier eine Art von Moratorium erzwungen. Die Aufgabe der Jahreskonferenz war, die^aufbauende Arbeit in Palästina zu beraten, d. h. einen Arbeitsplan anzunehmen, die Mittel zu beraten, um sich daS erforderliche Geld zu sichern und die zionistische Organisation für die Durchführung dieser Aufgabe anzupassen und umzubilden. Wie dies geschehen ist und welche Beschlüsse diesbezüglich gefaßt wurden, verlautbaren wir ein andersmal. Hier seien nur Stimmen wiedergegeben, welche, mit autoritärer Kraft versehen, lehren sollen, daß die Ziele der „nationalen Heimstätte für die Juden in Palästina" nicht einheitliche und nicht klare sind. Zuerst geben wir das Wort dem mächtigsten Faktor, Lord Balfour selbst. Er, der Urheber der nach ihm benannten Deklaration, sagte bei dem Meeting der. Zionisten in London am 13. Juli: „Der Zionismus hat viele Schwierigkeiten zn überwinden. Die arabische Frage erfordert viel Takt, Ueberlegung und Wohlwollen.Eine große Schwierigkeit ist die, daß viele darauf Hinweisen, daß daS Land der Mehrheit der Bevölkerung zu gehören hat und diese Mehrheit ist gegenwärtig keine jüdische. Nun müssen wir aber hinsichtlich Palästinas Methoden anwenden, die eine Ausnahme von dieser Regel bllden. Palästina benötigt fähige Menschen, Wissen und Kapital und niemand wird bezweifeln können, daß die Juden im Besitze aller dieser Dinge sind. Für die Wiederbelebung eine- Landes ist überdies der Idealismus unerläßlich und Zionismus ist Idealismus. Nun haben wir gemeinsam diese Aufgabe übernommen. Wir Engländer einerseits und daS jüdische Volk anderseits. Sollte es uns mißlingen, so bleibt es Ihr Uebel, sollte es Ihnen mißlingen, so bleibt es ebenso Ihr Uebel, aber ich bin dessen sicher, daß es uns gelingen wird." Aus diesen Worten des edlen Lords geht vorerst hervor, daß das Risiko des Unternehmens vor allem den Juden zufällt. England verliert hiebei nichts. Dann bemerkt man, wie die von Balfour angegebenen notwendigen Eigenschaften von fähigen Menschen, Wissen und Kapital den in der vorigen Nummer unseres Blattes Seite 10 wiedergegebenen Anforderungen des Lord Eurzon entsprechen, der vom Unternehmungsgeiste der Juden, ihrem Reichtum an Hilfsquellen und ihrem fieberhaft arbeitendem Geist einen Aufschwung in Palästina erhoffte. Nur der Idealismus des Zionismus ist bei Balfour, der auch ein Philosoph ist, ein neuer Faktor in der Berechnung. Welcher Art ist aber dieser Idealismus des Zionismus? Nach Sokolow soll Palästina die lang entbehrte nattonale Heimstätte werden, eine polittsche Macht, die einst auch als politische Einheit in den Völkerbund eintreten wird. Auch Dr. Weizmann will