Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 12 (4.8.1920)
- Date
- 1920-08-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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r-- - * v^iucjfe-'ücq^yeia1 xsmause*j%pp.a Nr. 12 Die Wahrheit Leite L alles war da, was dem großen Moment sinnfälligen Ausdruck geben sollte. Und wie in Jaffa war es auch in Jerusalem. Nun ist Sir Herbert Samuel in Amt und Würden. Er bringt für seine wichtige Stellung eine unschätzbare aber gefährliche Tugend mit: die absolute Unparteilichkeit, von der Lmd Curzon befürchtete, daß sie ihm vielleicht nach sechs Monaten auch seitens der Juden Vorwürfe eintragen werde. Der edle Lord ist sich eben über die Qualitäten und Ansprüche der aus aller Herren Länder zusammengetrommelten Einwanderer im klaren. Nicht alle führt erhabene Gesinnung, Sehnsucht nach dem Lande der Verheißung dahin, nach einer Kultur des jüdischen Altneulandes. Am wenigsten jene Führer, die vom sichern Hafen des Golus die Stürme in der Heimstätte der Juden zur Kenntnis nehmen werden. Und an solchen Stürmen fehlt es schon jetzt nicht. Mißtrauen, Eifersucht und Gehässigkeit der erbgesessenen Bevölkerung verursachten jene Ausschreitungen, die das gelobte Land keineswegs zu einer Heimstätte der Juden machen, wo jeder „friedlich unter seinem Feigenbaum und Weinslock ruhen kann". Die Versöhnung der feindlichen Brüder Jakob und Esau wurde nicht das Erbe ihrer Nachkommen. Es ist ein rassenbiologisches Gesetz, daß unter stammverwandten Völkern die leidenschaftlichste Feindschaft zum Ausbruch kommen kann. So zwischen Tschechen und Polen, so zwischen Polen und Russen, so zwischen Juden und Arabern. Wohl ist Englands Macht, auch seine militärische, stark genug, um in Palästina Ordnung zu machen, aber ist ein Leben unter solcher Ordnung auch lebenswert? Von all diesen brennenden Existenzfragen geben sich die Führer, die im Rohr sitzen, um daraus Pfeifen zu schneiden, keine Rechnung. Deshalb kann eS nicht genug oft und eindringlich gesagt werden, daß die Palästinabewegung hauptsächlich zwei Gruppen ausweist. Führer und Verführte. L. H. Jüdische soziale Organisation. Von Markus Sonnenfeld. (Schluß.) Auch der jüdische Mittelstand nimmt unvergleichlich größeren Anteil an der humanitären Fürsorge als der Mittelstand der andersgläubigen Bevölkerung. Ist aber die Judenschaft imstande, im Interesse der Allgemeinheit größere Opfer zu bringen — zu einer Zeit, wo man auf Schritt und Tritt den antisemitischen Anfeindungen begegnet — mit welcher Liebe, mit welcher Begeisterung würde jeder Jude die größten Opfer bringen, wenn er darauf rechnen könnte, daß diese Opfer zugleich dem Wohle und der Sicherheit der Judenschaft dienen! Ueberdies sind es nicht finanzielle Leistungen, durch die man sich zum Wohle der Gesamtheit betätigen kann, sondern auch persönliche Leistungen, die unvergleichlich wertvoller sein können als Geldopser, was unten ein Beispiel beweisen wird. Gar mancher würde da sagen: Wozu denn diese finanziellen Leistungen, die Geld kosten, wozu die persönlichen Leistungen, die Zeit und Mühe und Nachdenken kosten? Warum sollen gerade wir Juden solche Rücksicht nehmen, solche Opfer bringen müssen? Darauf antworte ich: Auch für den Dorfjuden wäre es viel bequemer, viel angenehmer gewesen, wenn er sich um seinen Nachbar nicht bekümmert, wenn er ihn einfür allemal von sich gewiesen hätte. Dann aber hätte sich der Jude in seiner Bedrängnis vergebens nach Hilfe umgesehen. Uebrigens sollten sich die verschiedenen Gesellschastsschichten teils aus Menschlichkeit, teils auch im eigenen Interesse in der sozialen Fürsorge je nach ihren Verhältnissen betätigen, denn das Wohl der Gesamtheit ist gefährdet, wenn ein Teil der Bevölkerung der Not preisgegeben ist. Der Not gegenüber sollte sich die Gesellschaft so verhalten wie gegenüber einer epidemischen Krankheit; es genügt nicht, daß man sein eigenes Haus gegen die Krankheit schützt; man muß die ganze Stadt, das ganze Land schützen. — Das größte Interesse in dieser Jmmunisierungsarbeit haben aber die Juden; denn wenn etwas ausbricht, sind es in erster Reihe die Juden, die zu leiden haben. Nun werden manche sagen: Ja kann denn die kleine jüdische Minderheit alles soziale Elend beseitigen? Die Antwort lautet: Da Nachahmen in der menschlichen Natur liegt, kann man mit Sicherheit darauf rechnen, daß das Beispiel der organisierten Judenschaft Nachahmung finden wird. Alle befferen Elemente der andersgläubigen Bevölkerung würden eine parallele Tätigkeit entwickeln, an der immer weitere Kreise teilnehmen würden. Die Folge wäre ein gewaltiger Zuwachs an sozialer Arbeit, der im Vereine mit der sozialen Tätigkeit der Regierung das soziale Elend ungemein vermindern würde, umsomehr als die Regierung durch einen so unerwarteten und großen Zuwachs an Hilfskräften nicht nur reale, sondern auch moralische Hilfe erhielte, was ihre eigene Kraft steigern würde. Für unser Judentum würden resultieren: 1. Unsere Arbeit würde uns Wertschätzung erwerben, die den Antisemitismus nicht aufkommen lassen oder doch mildern würde.