Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 12 (4.8.1920)
- Date
- 1920-08-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063928-3063939--10952-3078329- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
mit eigenen finanziellen, materiellen und geistigen Mitteln der Juden ein jüdisches Palästina. Lord Robert Cecil bringt ebenfalls die Errichtung einer nationalen Heimstätte in Palästina mit der Schaffung des Völkerbundes in Verbindung, aber ohne anzugeben, in welcher Art diese Verbindung gedacht ist. Wir haben bisher nur gehört, daß England vom Völkerbund das Mandat zur Verwaltung Palästinas erhalten hat. England ist also in Wahrheit der Herr über Palästina und die Juden erhalten dort politische Freiheiten und können mit ihren Mitteln zur Hebung des Landes beitragen. Das ist nach allem, was wir sahen und sehen, die politische Stellung der Juden im englischen Palästina. Wie stellen sich die Juden selbst dazu? Die thoratreuen Juden verkünden urbi et orbi, daß Palästina ein neues Kulturzentrum, der Mittelpunkt des jüdischen Volkes und die Thora der Mittelpunkt des jüdischen Lebens werden muß. Demgegenüber verkündete der Wiener Oberrabbiner Dr. Lhajes am 22. Juni in Preßburg folgendes: ..ein religiöses Zentrum brauchen wir nicht — es wird Sie wundern, daß ich dies sage — unsere Größe und Stärke besteht eben darin, daß wir keinen Papst haben,-keine Institution, die uns Dogmen aufzwingt. Daß jeder Jude selber Gott aufsuchen muß und finden muß, hat uns in all den Jahrtausenden Stärke gegeben. Daß ein jüdisches Rom in Palästina entstehe, wünschen wir nicht. Daß wir in Palästina Staat spielen sollen, lockt uns nicht, dafür find wir zu groß und zu reif. Daß Palästina das Judenproblem lösen wird, können wir nicht hoffen. Palästina kann nicht alle Juden ausnehmen und könnte es, wir würden eS nicht wünschen." Der Wiener Oberrabbiner meint, daß es gut war, daß die Juden in der Zerstreuung lebten, damit sie an der Quelle aller Kulturen sitzen, damit sie nicht Levantiner werden und verdorren. Die Juden werden nicht aus der Diaspora verschwinden. „Wir brauchen Palästina, well wir nicht voll und ganz Juden bleiben können, wenn wir nicht wieder den Busen der Muttererde berühren." Die Juden haben das Höchste und Größte und für die Menschheit das wahrhaft Entscheidende mit den Propheten geleistet, und diese haben die Juden nur in Palästina erworben. In den Propheten ist der jüdische Urgeist unbeeinflußt bewahrt. „Die Welt braucht ein prophetisches Judentum, und wenn wir ein prophetisches Judentum werden sollen, müssen wir in Verbindung treten 'mit dem Lande unserer Väter. Aber dann muß Palästina uns gehören. Wir müssen trachten, so rasch als möglich die wirklichen Herren des Landes zu werden." Es brauchen also nach Herrn Dr. Chajes nicht viele Juden in. Palästina zu wohnen, aber es muß doch dm Juden ganz gehörm, damit sich dort der Geist und der Sinn de- ProphetentumS entwickle. AuS rem ideellen Gründen wünscht Dr. Chajes den reellen Besitz Palästinafür die Juden. „Die Frage deS leiblichen Wohles der Juden", so sagt er ebenfalls, „kann Palästina nicht lösen, aber das Problem des Judentums kann nur in Palästina gelöst werden, nicht nur für die Juden in Palästina, sondern für die Juden der ganzen Welt". Ja, er hat sogar gemeint, für die ganze Welt, für alle'Menschen. Also kein Judenstaat im philanthropisch-politischen Sinne von Herzl und Nordau, auch kein Judenstaat alnationale- Zentrum und politische Stütze der in den Goluthländern wohnenden Juden, auch kein Judenstaat zur Ermöglichung vollen Lebens nach den Lehren des Schulchan Aruch und zum steten Betrieb de- Thorastudium-, des Lernens von Talmud und Sohar, nein, ein Judenstaat zur Erfüllung und Verwirklichung deprophetischen Geistes als de- Inbegriffes de- Wischen Ingeniums und des aus dem Gottesbegriffe stammenden sozialen und religiösen Helle-, also zur Erfüllung der messianischen Lehre. Daletztere hat Dr. Chajes nicht ausgesprochen, daliegt aber im Wesen des Prophetismus. Die Vervollkommnung de- Menschengeschlechts ist in den messianischen Hoffnungen und den daraus sich ergebenden Verpflichtungen ausgedrückt. „Die höchste Staffel, welche der Mmsch und der Jsraelü ersteigen kann, ist die de-Propheten.. (Lazarus: „Die Ethik des Judentums" 1. Band, Seite 159). Und wir fügen noch Worte des Vorgängers von Dr. Chajes, Güdemanns, hinzu: „Der Messianismus ist die Seele des Judentum-, denn es lebt in der Gewißheit und durch die Gewißheit, daß die messianischen Weissagungen seiner Propheten stch erfüllen. Dieser Meffianismus ist die echte Wurzel, aus der eseine Kraft saugt. Dageweisfagte Hell liegt in der Zukunft: Das Reich Gotte-, der Weltsriede, die zu einem Bunde in dem Bestreben geeinigte Menschheü, den Willen Gottes zu erfüllen." („Jüdische Apologetik" Seite 333). Es ist dasselbe, waal- Reich Gottes aus Erden verkündigt wird und das in einem das ganze Menschengeschlecht umfaffenden persönlichen Allgemeinwillen besteht, den die gesellschaftlichen Ideen beseelen, und wobei daganze Menschengeschlecht im Allgemeinwillen verschmolzen und mit dem sittlichen Geiste durchdrungen ist, der selbst von einer reinen allgemeinen religiösen Gestnnung durchdrungen wird. (Ziller: „Allgemeine phüosophische Ethik" 2. Auflage, Seite 375). Aber da entsteht die Frage: Warum ist zur Verwirklichung des Prophetentums ein eigener jüdischer »