Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 12 (4.8.1920)
- Date
- 1920-08-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063928-3063939--10949-3078326- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
^aswawM»r.w.« Seite 4 Die Wahrheit Nr. 12 wie man auch befürchtet, die zionistische Organisation tief erschüttern müssen. Sehen Sie sich mal die zionistische Jugend an! WaS ist aus ihr in den letzten Jahren geworden? Wie vieles ist in ihr vom Glauben an die historische Macht unserer Idee geschwunden, von jenem Glauben, der die Weite des Weges kennt und durch Augenblickserfolge und Mißerfolge nicht irre wird. Selbst unsere Jugend lebt eben seit Jahren in der Atmosphäre politischer Sensationsnachrichten, von der sie gespeist und genährt wird auf Kosten der idealistischen Gesinnung und Glaubensstärke. Sehen Sie sich die zionistische Organisation in Polen an! Es ist kein zu starkes Wort, wenn ich sage: Sie ist geradezu demoralisiert. All die schreienden Nachrichten über große Erfolge unserer Bewegung in diesem Lande sind mindestens Selbstbetrug, denn diese Erfolge werden durch eine Straßenpolitik der Sensation erzielt — und müssen in sich zusammenfallen, sobald die politische Lage eine für uns weniger günstige Wendung nimmt. Können die diplomatischen Erfolge diesen Verlust an innerer Zielsicherheit, die mit der Einsicht in den historischen Charakter unseres Ideals aufs innigste verbunden ist, a u f w i e g e n, wettmachen? Ich sage nicht, daß einzig die Leitung an dieser neuen Einstellung der Zionisten schuld ist; aber sie ist jedenfalls dafür verantwortlich zu machen, daß sie nicht rechtzeitig die erforderlichen Maßnahmen getroffen hat, um die Agitation in andere Bahnen zu leiten. Was nun, wenn die bedrohliche Situation überwunden wird — was ich als höchst wahrscheinlich annehme? Dann ivird wohl die Taktik der letzten zwei Jahre wieder einsetzen. ES ist aber höchste Zeit, die zionistische Denkart zu festigen und gegen Rückschläge der zionistischen Diplomatie zu wappnen. Es gilt, die zionistische Idee in ihrer Strenge zu vertreten und der selbst in die besten Schichten unserer Gemeinschaft eingedrungenen Seichtigkeit entgegenzuarbeiten. Ich bitte Sie, mich nicht mißzuverstehen. Ich bin kein weltfremder Mensch, kein Batlan, ich unterschätze gewiß nicht die aufopfernde Arbeit und die Errungenschaften unseres Weizmann. Wogegen ich mich wehre, ist, daß wir im Volk den Glauben aufkommen lassen, als ob diese Erfolge, die nur eine zeitweilige Etappe darstellen können, die Endstation, die Erreichung unseres zweitausendjährigen Ideals bedeuteten." Nun, was sagen die lieben Jüdischnationalen zu dem großen Schuld- und Sündenregister, das Dr. Klatzkin, einer der untadeligsten Jdealzionisten, dem Zionismus der heutigen sogenannten Führer entgegenhält? Haben wir sie mit Nesseln geschlagen, so züchtigt er sie mit Skorpionen. Dr. Klatzkin ist nicht der Erste und wird nicht der Letzte sein, der von der Lehre des Zionismus abschwenkt, weil er endlich erkennt, daß sie nicht mehr in ihrer alten Reinheit wie zur Zeit ihres ersten Trägers Theodor Herzl da ist, daß unter ihrem Zeichen von den Rufern im Streit selbstische Ziele verfolgt werden und — wa§ auch nach Klatzkin beklagenswert ist — die Denkart der Jugend verdorben, fanatisiert wird. Diesen aufgepeitschten Fanatismus haben die spekulationstüchtigen Herren vor ihren Wagen gespannt unbekümmert um das Endziel. Wenn eS schief geht, werden sie sich schon zu helfen wissen und das Gespann seinem Schicksal überlassen. * * * Der Tag der Balfourschen Deklaration, durch welche in San Remo der jüdischen Nation Palästina als Heimstätte unter englischem Protektorat zuerkannt wurde, hat für die Zionisten die Bedeutung, eines hohen Festtages, und Balsour selbst wird einem Alexander von Mazedonien oder Cyrus gleichgeschätzt als Wiederaufrichter des alten jüdischen Reiches. Die so denken, vergessen den Unterschied zwischen einem Imperium der alten und der modernen Welt, vergessen, daß die Politik nicht von den Machthabern, sondern von den Völkern gemacht wird und daß jene oft nach dem Willen dieser ihre Beschlüsse ändern müssen. So auch in der Palästinasrage. Vergleichen wir die Deklaration B a l f o u r s mit der wenige Monate später von Lord Curzon im englischen Oberhaus gegebenen. Im Gesichtsfeld dieses sachlich erwägenden Realpolitikers erlangt das zionistische Problem eine andere Behandlung. Curzon sagte vor den versammelten Lords, die Rechte der nichtjüdischen Majorität — gemeint sind die Araber — können nur durch Einsetzung einer Zivilregierung geschützt und durch deren Maßnahmen für die innere Siche rheit und die Entwicklung des Landes gesorgt werden. Zur Einwanderung nach Palästina sagte Lord Curzon, daß niemand insLandgelassen wird, der ihm nicht von Nutzen ist. Er bezeichnete als den geeignetsten Mann zur Uebernahme der Zivilregierung Sir Herbert Samuel, der bereits sein hohes Amt angetreten hat und bej seiner Ankunft in Jaffa mit jenem prunkvollen Zeremoniell empfangen wurde, welche das stolze Jnselreich für einen High Commissioner heischt; Kanonensalut, Flaggengala, Musik, God save the king, Ansprachen und Empfänge,