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Die Wahrheit · 1920-07-21 · Heft 11 (21.7.1920) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1920
Issue
Heft 11 (21.7.1920)
Date
1920-07-21
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Die Wahrheit Nr. 11 den politischen Zionismus aufmerksam. Wer konnte wissen, wozu das gut war? Indessen blieb das Interesse lange platonisch und sentimental, praktisch wurde es, als die Türkei auf Seite der Zentralmächte in den Krieg eintrat. Nun war es ausgemacht, daß das ottomanische Reich ein Ende haben müsse. Ueber die Meerengen mußte man sich mit den Bundesgenossen einigen. Aber Palästina, diese wichtigste Landbrücke von Aegypten nach Vorderasten (und nach Indien), - die schon in vorbiblischer Zeit den Beherrschern des Niltales gehörte und. um welche die Pharaonen mitden Aegyptern, Babyloniern und Persern kämpften, konnte England um keinen Preis der Welt aus der Hand geben. Doch unter welchem Vorwand diesen alten Besitz der Araber behalten, denen man ein unabhängiges Reich, Selbstbestimmungsrecht und eine Menge anderer schöner Dinge versprochen und deren Nationalismus man zum Kampf gegen die Türkei solange gekitzelt hatte? Da wurde die Idee des Judenstaates hervorgeholt, über den einzig und allein England das „Mandat" auszuüben berechtigt war. Die Balfourfche Deklaration kam. Die von dem (nichtjüdischen) British Palestine Committee herausgegebene Monatsschrift „Palestine“ erklärt den politisch en Judenstaat-Zionismus als einen Bestandteil des englischen Patriotismus und verdächtigt jeden Gegner des Vaterlandsverrates. „A Lewish Palestine is a high British interest“ heißt es im jüngsten Hefte vornl.Mai. — „Man hat hier die politische Erklärung für die „nationale Heimstätte der Juden in Palästina" aus Grund der Bestimmungen von San Remo." — England nimmt Palästina unter dem Namen der Gründung einer nationalen Heimstätte der Juden für sich. Es hat sich Palästina mit dem bekannten britischen „cant“, das auch eine affektierte religiöse Sprache bedeutet, annektiert. Nicht die Bibelfestigkeit und Bibeltreue, nicht die Liebe zum Volke der Bibel war für die Balföursche Deklaration maßgebend. Eigennutz und diplomatische Schlauheit diktieren den Entschluß. Und wie England in Palästina regieren wird, sagte Sir Herbert Samuel selbst, indem er erklärte, er gehe nach Palästina als britischer Beamter. Die höheren Stälen in der Verwaltung Palästinas werden die Engländer bekleiden, die niederen die Bewohner Palästinas ohne Ausnahme. Palästina ist nach allen Reden führender und leitender Staatsmänner Englands eine britische Kolonie geworden und England wird dort auch den Unternehmungsgeist der Juden, ihren Reichtum an Hilfsquellen und den fieberhaft arbeitenden Geist der Juden verwenden. Das ist aus der Rede des Lord Curzon im englischen Oberhaus, wie sie die „Wiener Morgenzeitung" am 4. Juli 1920 brachte, zu entnehmen. — Und zum Wohle der Juden empfehlen wir wieder Klarheit und Wahrheit. Man ist ein besserer Zionist, wenn man die Aussichten der Ansiedlung in Palästina bescheiden beurteilt, als wenn man damit große Worte macht und leere Hoffnungen weckt. Nicht die Herren Weitzmann, Sokolow, Motzkin und Genossen haben zur Balfourschen Deklaration und zu ihrer Aufnahme in den Vertrag von San Remo beigetragen. Der englische Annexionswille hat das Mandat über Palästina sich unter dem Praetext der nationalen Hsimstätte für die Juden in Palästina verschafft. Es ist eine schlechte jüdische Politik, dies nicht offen zu sagen. Promotion. Am 9. d. M. wurde Herr Arnulph G e l b h a u s, Sohn des Wiener Gemeinderabbiners, an der Wiener Universität zum Doktor der Philosophie promoviert. Prüfungsgegenstände waren exakte Philosophie und Geschichte des Mittelalters und der Neuzeit. Seine philosophische Doktor-Differtation heißt: „Die Seele bei Wundt". Die Zuschrift eines angesehenen Wiener jüdischen Bürgers nach den Kultuswahlen. Der Ausfall der Wahlen in den Äultusvorstand hat wohl allen drei Parteien eine Enttäuschung gebracht. Die Jüdischnationalen haben einen zahlenmäßigen Erfolg. Sie verdanken ihn der Indolenz des gewesenen Kultusvorstandes, die Wahlen jetzt im Sommer, wo fast die Hälfte der bodenständigen Wähler nicht mehr in der Stadt ist, abhalten zu lasten. Hätten sie im Herbste stattgesunden, so hätten sich die Jüdischnationalen trotz der Unterstützung ihres geistlichen Führers und der wohltätigen Agitatorin Frau A. M. mit weit weniger Mandaten begnügenmüssen. Es war zum staunen, welcher Apparat dieser Partei zur Verfügung stand : die massenhafte Druckreklame, welche alltäglich ausgesandt wurde, die große Hilfsmannschaft vor den Wahllokalen, die vielen Automobile und die begeisterte Jugend. Man fragt unwillkürlich, woher das Geld für diese große Agitation genommen wurde. Die Beteiligung an der Wahl hat heuer eine Höhe erreicht wie noch nie. Der Wiener Jude wurde aus 'der bisherigen Gleichgültigkeit dem Judentum« gegenüber aufgeweckt. Und noch eines. Man kann nach dem Ausfall der Wahlen schon ein Verhältnis konstatieren, in dem die Parteien in Wien zueinander stehen. Bisher fand eigentlich der Liberalismus, der Fortschritt oder Freisinn in der Kultusgemeinde keinen Platz. Der Vorstand nannte sich konservativ, wiewohl die wenigsten Vorstände es waren. Jetzt ist eine reinliche Scheidung zwischen den glaubenstreuen oder orthodoxen Juden und den anderen, die nicht an den Lehren des Schulchan aruch sesthalten, eingetreten. Die orthodoxen Wähler Wiens brachten sicher alle ihre Mannen zur Urne und hatten eine Wählerzahl von nicht ganz 900. Das ist .für uns alle Enttäuschung gewesen. Man hat die Zahl der Wiener Orthodoxen viel höher eingeschätzt. Sie hätten auch, wenn sie mit den Nichtjüdischnationalen gegangen wären, was sehr angestrebt wurde, viel 'mehr Mandate erreicht. So scheint mir durch die Wahlen auch das erreicht, daß man weiß, welcher ' Prozentsatz der Wiener Juden orthodox ist, und daß die Mehrheit der Wiener nicht jüdischnational und nicht orthodox ist. Die Zukunft wird lehren, ob es besser geworden ist, als es war. Eine sachliche Opposition würde nicht schaden, wenn sich die jüdischnationalen Herren an urbanere Formen und höflichere Sitten gewöhnen wollten. Es ist zu hoffen, daß die neugewählten nichtjüdischnationalen und orthodoxen l Kultusvorstände nur sachlich arbeiten werden. Sie sollen sich nicht durch den Terror der Jüdischnationalen vertreiben lassen und ihnen nicht das Feld räumen, vielmehr gemeinsam Mittel und Wege finden, um

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