Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 11 (21.7.1920)
- Date
- 1920-07-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Die Wahrheit Nr. 11 3. Die „Alliance Israelite Universelle“ veröffentlichte 1919 eine Broschüre unter dem Titel: „La question juive devant la Conference de la paix“ und S. 63 lesen wir als Antwort auf eine Eingabe französischer Deputierter an den Minister der auswärtigen Angelegenheiten St. Pichon folgendes: »Im Programme, welches durch die französischen Delegierten verbreitet und der Konferenz unterbreitet wurde, ist schon seit dem ersten Tage eine Kommission für jüdische Angelegenheiten vorgesehen. Die Studien, welche für diesen Zweck eingeleitet wurden, werden verfolgt in Gemeinschaft mit einer speziellen Kommission, welche den Namen führt „Neue Staaten", deren Vorsitzender ein Franzose war und welche die Aufgabe hatte, die Bestimmungen über die Minoritäten zu fixieren und besonders die Sicherungen gegen die grausame Lage der Ungleichheit und Bedrückung zu schaffen, in welcher'die jüdischen Minderheiten schon zu lange Zeit im östlichen Europa gelebt haben". Pichon setzt fort (S. 64): „Die französischen Delegierten in der „Kommiffion der neuen Staaten" haben stets denselben Freisinn gezeigt wie ihre Kollegen und haben sich immer mit ihnen in Uebereinstimmung befunden, nicht nur um die Rechte der Juden auf Gleichheit (ä l’egalite) zu verteidigen, sondern um sie auch gegen jede empfindliche Agitation zu schützen, ihnen die Nationen zu entfremden, in deren Mitte sie leben. Nichts wäre gefährlicher, als für sie besondere Privilegien zu schaffen, da der Endzweck, den wir alle verfolgen, der ist, ihnen die Minoritätsrechte zu garantieren bis zu dem Tage, da sie sich unter die Nation mengen können und sich nicht mehr von den anderen Bürgern unterscheiden, ohne anderseits ihre völkischen und religiösen charakteristischen Merkmale zu verlieren". Die Deputierten, an welche diese Antwort Pichons gerichtet ist, waren nicht nur Juden, sondern zumeist Christen; sie sprachen für die Israeliten der ganzen Welt, insbesondere für die von Amerika, um Frankreich an seine traditionelle Rolle zu erinnern, die Unterdrückten zu verteidigen. Die zionistischen Delegierten werden bei dieser Aktion nicht genannt. Wir ersehen aber, daß die Abgesandten der „Neuen Staaten" eine Rolle spielten. Wir sehen ferner, daß Rumänien und Polen bei diesen Verhandlungen in den Vordergrund treten, und wir sehen ferner, daß die Minoritätsrechte für die Juden nur als eine zeitweilige Maßregel angesehen werden, bis die gegenseitige Angleichung von Juden und anderen Bürgern stattgefunden hat, was gewiß nicht auf die Juden Amerikas, Englands, Frarckreichs und auch Oesterreichs nicht mehr paßt. Der Brief des leitenden Staatsmannes Frankreichs vom 8. Juli 1919 beweist, daß die Minoritätsrechte für die Juden vor allen dem Osten Europas gelten, daß es daher ein politischer Leichtsinn wäre, sie auch für die Juden Oesterreichs anzunehmen. Versprechungen. In ihrer Nummer vom 9. d. M. kommt die „Jüdische Zeitung" - auf die vollzogenen Kultuswahlen zu sprechen ^selbstverständlich mit jenem tiefen Brustton des Seibstbewüßtseins, den wir an diesem Organ der Jüdischnationalen und an dieser Partei selbst gewöhnt sind. Nach dem üblichen Dythorambos auf ihren Wahlsieg läßt die Partei durch ihren Herold in der Taborstraße der Wiener Judenschaft verkünden: „Die zionistischen Vertreter im Wiener Kultusvorstand sind dazu berufen, die Interessen der Wiener Judenschaft zu wahren. Sie werden auf ihrem Posten sein, wo jüdische Arbeit in der Kultusgemeinde geleistet wird. An einer anderen Arbeit, die Stückwerk und Verlegenheitsaushilfen hervorbringt, um sich um das Wesentliche, aus das es ankommt, zu drücken, werden sie nicht mitmachen, weil solches Tun zum Zusammenbruch der Gemeinde führt, den gerade wir Zionisten vermeiden wollen, die wir die Gemeinde unserem Programm gemäß zu einem st a r k e nJyL.x um e.n t.d.e.s.jH d ischen Wien machen wollen. Darum werden wir bei , jedem positiven Werk mittun. Es wird Sache derjenigen sein, welche die Mehrheit im Kultusvorstande bilden, zu zeigen, ob sie den Millen, ob sie die Möglichkeit haben, diese positive Arbeit zu leisten, ob die Kräfte, welche sie in der Wahl zur Wirkung, gebracht haben, dazu ausreichen, das zu leisten, was'heute in der Gemeinde notwendig ist. DaS verlangt die jüdische Bevölkerung Wiens, die heute bereits weiß, was die Kultusgemeinde bedeutet, die sich heute nichts mehr vormachen läßt. Unsere zionistischen Vertreter haben die Pflicht, diese Wünsche und Forderungen der jüdischen Bevölkerung Wiens zu vertreten. Das ist unsere Aufgabe. Daß wir sie haben, das ist nebst der gewaltigen Mandatvermehrung unser Sieg. Wir haben die Fenster inder Seiten st ettengasse geöffnet und heute kann jeder Jude Wiens^ hineinschauen. Und an die Kräfte, welche behaupten, für die notwendige Arbeit ausreichend zu fein,- geht der Spruch: „Der Worte sind genug gewechselt, nun laßt uns endlich Taten seh'n!" Wir kommen nur auf die mit Sperrschrift hervorgehobenen Stellen dieser, schönen Versprechungen zurück, »die hoffentlich zur Erfüllung gelangen. Die Zionisten sind nicht nur berufen, sondern jetzt auch „erwählt", ihr . großes Protzramm zu erfüllen. Ein starkes Instrument kann nur bestehen, wenn es nicht durch Zwietracht zerbrochen wird. Positive Arbeit ist, was wir allerwünschen und anstreben. Es wird sich erweisen, ob die neuen Männer das in die Tat umsetzen, was der frühere -Vorstand durch die störenden Unterströmungen nicht vollbringen