Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 11 (21.7.1920)
- Date
- 1920-07-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11 Die Wahrheit Seite 7 ebenso besaß die Sinaibergerische Lederfabrik mehrere deutsche Angestellte. Eine deutsche Schule eröffnete — trotz gewaltigen politischen Kampfes und der Gegenagitation der Tschechen — ihre Pforten, wenngleich in der politischen Jsraelitengemeinde eine öffentliche Schule seit Jahrzehnten bestand. Für das neu renovierte deutsche Kasino sandte der oberwähnte Alphons Mucha einen Bühnenvorhang, der von hohem künstlerischen Werte ist. Die Bretter beherrschten dort nicht ausschließlich Dilletanten, wenn auch einigen unter diesen unstreitig Beheme-Allüren eigen waren (Schaschek, später auch der Komponist des Bleriotmarsches Otto Smaiberger). Auch fferiöfe Theatergesellschaften gastierten zuweilen in Eibenschütz und brachten Volk-, Lust- und Schauspiele zur Aufführung. Zuweilen sogar Operetten und Opern. Den Gesangsoerein dirigierte mit Sicherheit der bis in die Fingerspitzen musikalische Herr Georg Fischer s. A., der auch über einen profunden Baß verfügte und mit Geschmeidigkeit sich sogar bis zum kontra C hinunterwand. Dieser feinfühlige Musikus, wie auch Herr Dr. Moritz Löwensohn, der ihm musikalisch keineswegs nachstand, sangen bei Festlichkeiten die Baßpartie im Sulzerischen Es-dur-Adon olom im Tempel. Mir war es — als jungen Burschen — ver- Egönnt, hiebei den Dirigentenstab zu führen. Im Frühjahr kamen an Sonn- und Feiertagen zu Hunderten Brünner und Wiener Feinschmecker, die sich den weltberühmten Eibenschützer Spargel zu Gemüte führten und zum feuchtfröhlichen Leben wesentlich beitrugen. Da gab's Leute im Vor-, Billard- und Speisezimmer, im Festsaal, auf der Veranda und mehr noch im Garten. Die befrackten Speiseträger mußten mit dem Ellenbogen sich Platz schaffen. Man sang, trank, rauchte und spielte als wäre man blos zum Vergnügen auf dieser Welt ... Als Kasinoobmann fungierte Herr Oberpostmeister und k. k. Spargelhoflieferant Anton Worell; an der Spitze des politischen Lebens jedoch stand der als Mensch und Arzt von Deutschen und Tschechen gleichgeschätzte Doktor der gesamten Heilkunde und der Philosophie kaiserl. Rat Josef Keckeis, ein gebürtiger Tiroler. Er war ein Fortschrittsmann und Idealist vom Schlage der 48 er, eine goldene Seele wohnte in seiner Brust, die für jeden anderen früher, als für sich sorgte. Nicht nur, daß er die Unbemittelten unentgeltlich behandelte und oft in die Tasche griff, galt es Not und Krankheit zu bekämpfen, er ließ sich auch von den Bemittelten nicht oder schlecht für seine hohe Heilkunst honorieren. So behandelte er einst den Gerichtsadjunkten Dr. Sch., und als der Genesene ihn öfters vergebens um die Rechnung bat, fand er es passend, einige Banknoten in ein Kuvert zu legen und selbe an Dr. Keckeis zu senden. Darüber ärgerte sich der Arzt sehr und äußerte sich zu Dr. Sch.: „Uebrigens haben Sie mir viel zu viel geschickt, sodaß Sie noch ein Guthaben von einer schweren Lungenentzündung bei mir besitzen." Der Schreiber dieser Zeilen bat einst Dr. Keckeis um die ärztliche Rechnung und darauf ward ihm der Tusch: „Haben Sie den Haupttreffer gemacht?" (Schluß folgt.) Feststellungen. Die Zeit verrinnt und wenig Muße ist uns gegeben, die Tagesereignisse festzuhalten. Zur Lehre der Zukunft, zur Schilderung der Gegenwart und zur Verhütung von neuen Täuschungen und Entstellungen wollen wir nach Beendigung des Wahlkampfes für den Kultusvorstand objektiv feststellen, was wahr gewesen, aber von den Jüdischnationalen anders gemeldet worden war, anders und oft und oft und laut und überlaut. 1. Die Wahlen in die Vertretung der Berliner Kultusgemeinde ergaben für die Jüdischnationalen nur ein Drittel der Stimmen. Die Jüdischnationalen haben dort nichts weniger als gesiegt. Die Verbreitung der Nachricht vom jüdischnationalen Wahlsieg war also ein „Wahlmanöver". Wahlmanöver heißt es, bewußte Unwahrheit ist es. 2. Lucien Wolf, der berühmte Publizist in London, der auch ein bedeutender Geschichtsschreiber des Judentums ist, erklärte nach „Jewish Chronicle" vom 11. Juni 1920, S. 15, bei dem Bankett, das ihm der große, nichtzionistische Londoner Klub der „Maccabeans" unter dem Vorsitze von Claude E. Montefiore, der auch kein Zionist ist, anläßlich seiner Rückkehr aus Paris veranstaltete, wo er als Führer einer jüdischen Delegation bei den Friedensverhandlungen tätig war und den Schutz der Minorität als religiöse Gemeinschaft durchsetzte, daß neben ihm auch die „Alliance Israelite* und das „American Jewish Committee“ tätig waren. In einem Briefe an eine bekannte Wiener jüdische Persönlichkeit ergänzt er diese Mitteilung, daß er hervorhebt, die „sogenannte" Delegation habe nicht mit ihm gearbeitet. Lucien Wolf fiel es nie ein, politische oder staatliche Minoritätsrechte für die englischen Juden zu fordern. Das hätten auch die englischen Juden nie zugegeben und sie haben auch nie daran gedacht. Aus dieser Feststellung folgt, daß die Zionisten keinen wirksamen Einfluß auf die Friedensverhandlungen nahmen. Wenn sie sich damit brüsten, muffen sie es beweisen, bevor man es glaubt.