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Die Wahrheit · 1920-07-21 · Heft 11 (21.7.1920) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1920
Issue
Heft 11 (21.7.1920)
Date
1920-07-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Die- Wahrheit Nr. 11 ^eite 6 zum .andern. Etwa in der Mitte des Ortes wohnte eine jüdische Familie, nicht arm und nicht reich, die mit ihrem bäuerlichen Nachbar auf gutem Fuße lebte. Die jüdische Familie hatte nicht viel zu verschenken; doch wo es möglich war, erwies man dem bäuerlichen Nachbar Freundschaft. Als nun der Bauer das Treiben seiner Ortsgenoffen sah und bedachte, was seinen jüdischen Nachbarn bevorstand, nahm er seine Holzhacke, stellte sich in den Gang, der zur Wohnung seines Nachbars führte, und als die Plünderer in die Wohnung wollten, drohte er jeden niederzuschlagen, der ß wagen würde, hinein zu gehen. Wenn damals hundert jüdische Abgeordnete im Budapester Landtage gesessen wären, hätten sie der bedrängten jüdischen Familie nicht das leisten können, waS dieser simple Bauer zustande gebracht hat. Auch gelegentlich der Plünderung, welche die ungarischen Bolschewiken nach dem Umstürze bei den Juden vorgenommen haben, sind manche Fälle bekannt worden, wo dem nahezu sinnlosen Wüten der Massen Halt geboten wurde vor solchen jüdischen FamUien, die sich allgemeiner Beliebtheit erfreuten. Wenn es diesem armen Dorfjuden mit dem kleinen Gesichtskreis möglich war, sich das Wohlwollen der andersgläubigen Umgebung zu erwerben, wird es der jüdischen Bevölkerung einer Großstadt nicht umso möglicher sein, dem jüdischen Namen Ansehen und Wohlwollen zu erwerben? Die Dinge in der Stadt liegen anders, als in dem kleinen Dorfe. Nicht jeder Stadtjude hat einen christlichen Nachbar; auch sind die Verhältniffe in der Großstadt derartige, daß gar oft zwei Parteien jahrelang nebeneinander wohnen und sich so fremd sind, als wohnten sie in verschiedenen Weltteilen. Da müffen wir es dem Arzte nachmachen, der ein Mittelin vielen Fällen erprobt hat und nun einen anders gearteten Patienten vor sich hat; der kluge Arzt wird das Mittel der Individualisierung anwenden. Die Frage nach der in der Stadt anzuwendenden Methode kann, ich möchte sagen, mathematisch gelöst werden. — Auf dem Lande genügt es, wenn sich jeder Jude in seinem Nachbar einen Freund gewinnt, der sich als Schützer vor ihn hinstellt. — In der Stadt muß die gesamte Judenschaft mit vereinten Kräften danach streben, sich das Wohlwollen der Gesamtheit zu erwerben; zur vereintem Wirken gehört nun vor allem eine stramme Organisation. Nun wird mancher sagen: Die Judenschaft steht ja ohnedies überall an erster Stelle in öffentlicher Fürsorge. Was können wir noch mehr tun? Darauf folgende Antwort: Wohl stehen die Juden bei jeder Wohltätigkeitsaktion an erster Stelle; doch wer das humanitäre Wirken der Gesellschaft verfolgt, wird finden, daß es meist dieselben Personen sind, die sich da betätigen, und daß gar viele Namen fehlen, die vermöge ihrer Mittel auch dort zu figurieren hätten. Auf diese Gesellschaftsklasse würde nur eine organisierte Judenschaft zu wirken imstande sein. (Schluß folgt.) Aus der alten, guten Zeit. Erinnerungen an Eibenschütz von Armin Wilkowitsch, Eger. Wie von einem Glorienschein umgeben liegt vor meinem geistigen Auge das herrliche Landschaftsbild der altehrwürdigen Stadt Eibenschütz in Mähren, wo ich einen beträchtlichen Teil meiner Jugend verträumte, wo ich als Fremdling aus dem fernen Norden als Heimatloser eine zweite, liebreiche Heimat fand. Nahezu ein Vierteljahrhundert ist's, seitdem mich zum erstenmale die Wiltschek'sche Kutsche vom Plateau der doppelnamigen Bahnstation Kanitz-Eibenschütz in das tiefe Tal hinab führte. Hier lispelte Zephir geheimnisvoll in des Aehrenfeldes Gemoge, saftiggrüne Wiesen und üppige Blumen- und Gemüsegärten, umflossen von goldenen Sonnenstrahlen — ein sattes Farbenbild eines friedlichen Geländes . . . Doch bald erhoben sich zu meiner Rechten trotzige Felsen und die gigantische Eisenbahnbrücke schwamm im Sonnenglanze über Klüfte, gleich einem mächtigen Fliegergeschwader in der Lust . . . Des Hammerschlages Echo der Steinhauer erscholl in das Tal hinab und vermählte sich mit dem eintönigen Gemurmel der Jglawa zu einer sonderlichen Melodei. . . Bergabwärts der klappernden Steinmühle grüßte mich die Stadt mit ihren Zinnen und Türmen, wie sie der gefeierte Pariser Maler Alphons Mucha (der die tschechoslowakischen Banknoten entwarf) zu einem Bildmotive: Vzpominka na rodne mesto Ivancice (Erinnerungen an meine Geburtsstadt Eibenschütz), wählte. Dieses Bild hätte man auch „Heimweh" betiteln dürfen — empfinde ich in der Ferne ... Die Stadtvertretung, die von altersher in deutschen Händen lag, war bereits in alttschechischer Verwaltung. Dennoch pulsierte dort im Zeitabschnitte der Erzählung gesundes und fröhliches deutsches Leben, woran die dortigen Juden voll teilnahmen. Gericht und Steueramt waren deutsch, die Skenesche Tuchfabrik im nahegelegenen Alexowitz hatte viele Meister und Beamte (der Mitbesitzer dieser Fabrik ist der Sohn des verewigten Landesrabbiners von Mähren Dr. Platschet),

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